Raumfahrt:MT Aerospace fliegt mit zum Mond

Space Launch System SLS Nasa-Mondrakete

Die SLS-Mondrakete der Nasa soll Ende 2021 erstmals starten. Die Tanks mit Elementen von MT Aerospace befinden sich in der orangefarbenen Hauptstufe. Illustration: Nasa-Boeing/oh

Der Ariane-Zulieferer stellt Tankkomponenten für die nächste Nasa-Mondrakete her und baut seine Zusammenarbeit mit dem Boeing-Konzern aus.

Von Dieter Sürig

Die silberfarbenen Tankabdeckungen von MT Aerospace sind so gewaltig, dass sie nicht in einem Stück in die USA transportiert werden können. Erst dort schweißen Techniker des Boeing-Konzerns jeweils zwölf Aluminiumsegmente zu einer Kuppel mit einem Durchmesser von 8,4 Metern zusammen. Vier dieser großen Alu-Kuppeln benötigt Boeing, um damit die beiden Treibstofftanks der Hauptstufe der neuen Nasa-Mondrakete SLS (Space Launch System) wie mit einem gigantischen Deckel oben und unten abzuschließen.

Wenn Boeing diese sperrigen, leicht gewölbten Teile sogar extra aus Europa importiert, dann zeigt dies, dass MT Aerospace in Augsburg etwas herstellt, was die Amerikaner unbedingt brauchen, um zum Mond zu kommen. "Unsere Technologie ist für sie interessant, weil wir ein Fertigungsverfahren haben, das es sonst so nicht gibt", sagt MT-Chef Hans Steininger. Es ist ein 3D-Verfahren, bei dem die leichten Komponenten aus einer speziellen Aluminiumlegierung per Künstlicher Intelligenz geformt werden.

MT hat die Expertise für diese Kuppeln auch deswegen, weil das Unternehmen seit Jahrzehnten Tankkomponenten, Booster und andere Teile für die europäische Trägerrakete Ariane baut. Die OHB-Tochter ist mit einem Anteil von etwa zehn Prozent der größte deutsche Ariane-Zulieferer. Bislang haben jährliche Aufträge für fünf, sechs Raketen einen Großteil des Umsatzes gesichert. Doch nach etwa 110 Ariane-5-Raketen kam der Generationswechsel. Technische und Pandemie-bedingte Verzögerungen haben den Erststart der neuen Ariane 6 um zwei Jahre bis Mitte/Ende 2022 verschoben, deswegen ist auch der Start der Serienproduktion mehr als holprig. MT-Beschäftigte sind in Kurzarbeit und etwa 110 Techniker-Stellen werden gestrichen. MT-Chef Steininger will auch Millionen in Zukunftstechnologien wie 3D-Druck und Wasserstoff stecken, doch der Erfolg wird sich erst mittelfristig zeigen.

Da passt es ganz gut, dass MT mit Hilfe von Ariane-Technologien bei Boeing andocken konnte. "Pro Jahr ist das nur ein mittlerer einstelliger Millionenumsatz, aber es ist einer der Schritte, um uns von der Ariane 6 unabhängiger zu machen", sagt Steininger. Schon seit 2013 entwickeln und bauen die Augsburger Komponenten für die beiden SLS-Tanks, die insgesamt etwa 65 Meter lang sind und zwei Millionen Liter flüssigen Wasserstoff respektive 742 000 Liter flüssigen Sauerstoff fassen. Nun intensiviert MT seine Kooperation mit den Amerikanern, Boeings Europa-Chef Michael Haidinger hat dazu am Mittwoch in Augsburg eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet.

Geplant sind derzeit acht Artemis-Flüge

Beide Unternehmen wollen demnach weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit prüfen, bei der SLS-Rakete, aber auch beim Bau von Satelliten. "Unsere erweiterte Partnerschaft mit MT Aerospace bestärkt uns in unserem Plan, die Zusammenarbeit mit deutscher Industrie langfristig weiter auszubauen", sagt Haidinger, der sich "Zugang zu Talenten, Technologien und Spitzenforschung" verspricht.

Die neue Nasa-Rakete soll leistungsstärker als die frühere Mondrakete Saturn V werden und mit der Orion-Kapsel, deren Versorgungsmodul von Airbus stammt, 2024 wieder Astronauten zum Erdtrabanten fliegen. Wenn sie voraussichtlich im November bei der Mondmission Artemis I erstmals startet, "wird das für uns ein ganz besonderer Moment sein", so Steininger. Geplant sind derzeit acht Artemis-Flüge. "Dass wir zur Lieferkette von Boeing gehören, zeigt, dass wir für die amerikanische Trägerindustrie wettbewerbsfähig sind - das ist strategisch wichtig". Er hofft nun, die Position von MT bei Trägerraketen weiter ausbauen zu können - auch um Ariane-Verzögerungen besser wegstecken zu können.

© SZ
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