Süddeutsche Zeitung

Ratgeber:Nicht ohne Zweitkarte

Im Urlaub geht schnell gar nichts mehr, wenn Kreditkarten nicht funktionieren oder gestohlen werden. Wie man vorsorgt.

Von Berrit Gräber

Der Deutschen liebste Urlaubsbegleiter sind klein, rechteckig und aus Plastik: 70 Prozent der Reisenden haben immer ihre Girocard im Geldbeutel dabei, im Volksmund EC-Karte genannt, 44 Prozent eine Kreditkarte, so eine aktuelle TNS-Emnid-Umfrage im Auftrag der Postbank. Doch das Plastikgeld versagt ausgerechnet in den Ferien häufig die Dienste. Ganz oft geht dann plötzlich gar nichts mehr, kein Einkauf, kein Geldabheben. Geht die einzige Karte im Gepäck kaputt, wird sie verloren, gestohlen oder gesperrt, stecken Reisende im Ausland schnell finanziell in der Klemme, sagt Erik Schaarschmidt, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Brandenburg. Nur mit Zweitkarten, die getrennt aufbewahrt werden, lässt sich dem Finanzengpass vorbeugen. Ein Überblick, wie sich Urlauber gegen Kartenärger wappnen können - und wer für ihr geplündertes Konto geradestehen muss.

Das sollte klar sein

Bargeld mitnehmen ist vor allem für die ersten Ferientage wichtig, um das Taxi vom Flughafen zahlen zu können oder einen Imbiss. Aber nur so viel wie unbedingt nötig, mahnt Anne van Dülmen, Sprecherin des Bankenverbands. Gestohlenes Bargeld ist nicht ersetzbar. Vor Ort Geld abheben und bezahlen klappt nur mit der Kreditkarte fast überall auf der Welt, meist auch noch mit der Girocard mit Maestro-Logo. Wer auf Fernreisen auf seine Bankkarte mit V-Pay-Logo baut, steht schnell ohne Geld da. Sie ist nur innerhalb Europas einsetzbar, außerdem in Israel sowie einigen Regionen der Türkei. Manche Karten werden von Automaten eingezogen, wenn der Magnetstreifen kaputt ist. "Niemals ohne zweite Karte reisen, ob zweite Girocard, zweite Kreditkarte oder gemischt, je nach Ziel", empfiehlt Schaarschmidt.

Auslandslimits erfragen

Einfach mal eben Geld abheben in den USA oder in Thailand, das klappt nicht mit jeder Girocard. Viele Banken und Sparkassen sperren die Karten ihrer Kunden aus Sicherheitsgründen im außereuropäischen Ausland. Oder sie setzen das Auszahlungslimit herab. Das soll Kundenkonten vor Missbrauch durch Kriminelle schützen. Wer garantiert flüssig sein will, sollte vor der Abreise mit der Bank über mögliche Höchstgrenzen sprechen, rät Schaarschmidt. Die Karte wird dann für die Reisezeit in der gewünschten Höhe freigeschaltet. Auch bei Kreditkarten kann es Tageslimits geben, vor allem in den USA, Mexiko, Brasilien und Thailand, wie die Rechtsschutzversicherung Arag betont. Werden sie überschritten, wird der Händler vor Ort aufgefordert, sich den Ausweis des Kunden vorlegen zu lassen.

Sperre nach Datenklau

Mancher hat es schon erlebt: Man steht etwa in Florida im Geschäft und will mit Kreditkarte zahlen, aber nichts geht. Der Grund: Die Daten wurden gestohlen. An Geldautomaten, Tankstellen, in Läden oder Restaurants fischen Kriminelle immer wieder die Informationen vom Magnetstreifen der Originalkarte ab und kopieren sie auf Kartenrohlinge. Innerhalb von Europa fliegen solche Dubletten sofort auf. Außerhalb ist das dagegen immer noch eine verbreitete Betrugsmasche. Gauner testen die kopierten Karten häufig erst mit kleinen Einkäufen aus, meist mit nicht mehr als einem Euro. Das allein kann schon eine komplette Kartensperre auslösen. Hat der Reisende keine zweite Karte dabei, sitzt er auf dem Trockenen. Im Ausland hilft oft nur noch eine Blitzüberweisung von zu Hause oder Geld verschicken lassen über Western Union. Das Flüssigwerden kostet dann bis zu zehn Prozent des Auszahlungsbetrags und mehr. "Wir raten Urlaubern, ihre Zahlungskarten im Restaurant oder an der Kasse nie unbeobachtet aus der Hand zu geben, Bargeld nur an Geldautomaten innerhalb einer Bank abzuheben und die PIN immer verdeckt einzugeben", so der Verbraucherschützer.

Das Plastikgeld ist weg

Wer im Urlaub die Karte verliert, wem sie gestohlen wird oder wer merkwürdige Abbuchungen auf dem Konto registriert, sollte die Karte sofort sperren lassen. Für EC- und Kreditkarten geht das nach Angaben des Bankenverbands gratis über den zentralen Sperr-Notruf 116 116, aus dem Ausland kostenpflichtig unter 0049 116 116. Jeder Kreditkartenanbieter hat zudem eine eigene Sperr-Hotline. Wer sich die Nummer vor dem Urlaub notiert, muss im Ernstfall nicht lange suchen "Über ein Online-konto kann man eine Kartensperre auch selbst eingeben", betont Schaarschmidt. Außerdem wichtig: Gleich noch vor Ort Anzeige bei der Polizei erstatten, nachfragen, ob es noch weitere Anzeigen zu ähnlichen Diebstählen gab, und sich das wenn möglich schriftlich bestätigen lassen. Das kann bei späterem Ärger mit der Bank helfen, so Schaarschmidt: "Gibt es etwa weitere Anzeigen zum Kartenmissbrauch im gleichen Restaurant, kann man den Vorwurf der groben Fahrlässigkeit entkräften."

Wer haftet fürs Konto?

Haben Kriminelle das Konto schon abgeräumt, bevor die Karte gesperrt wurde, muss der Kunde den Schaden in der Regel bis zu 150 Euro selbst tragen. Diese gesetzliche Grenze wird 2018 auf 50 Euro heruntergesetzt. Die beschränkte Haftung gilt aber nur, wenn der Reisende nicht fahrlässig handelte. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn er seine PIN-Geheimnummer mit der Karte zusammen aufbewahrte. Viele Banken machten Kunden allerdings von Anfang an vollverantwortlich, wenn der Dieb mit Originalkarte und korrekter PIN bezahlt oder Geld abgehoben hat, berichtet Schaarschmidt. "Dann werfen sie dem Kunden grobe Fahrlässigkeit vor, was bedeutet: Er bleibt schlimmstenfalls auf vielen Tausend Euro Verlust sitzen." Betroffene sollten sich zur Wehr setzen. Die Verbraucherzentralen beraten in solchen Fällen. Einige Banken zeigen sich allerdings auch sehr kulant und übernehmen den Schaden oft sogar komplett.

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Quelle:
SZ vom 26.10.2017
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