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Radkuriere:Für 92 Cent Trinkgeld durch den Regen

Foodora

Bei Foodora werden die Fahrer mittlerweile fest angestellt. Anderswo aber sind sie oft als selbständige Lieferanten unterwegs.

(Foto: dpa)

Ob Foodora, oder das seit heute börsennotierte Unternehmen Delivery Hero: Immer mehr Unternehmen liefern Essen per Radkurier aus. Einige Fahrer sind unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen.

Sonntagabend, es hat geregnet, gute Bedingungen für eine volle Schicht. Dara Maximilian Kornak sprintet in den ersten Stock, eine Frau in Star-Wars-Unterhose wartet schon an der Tür, als wären sie alte Bekannte. Kornak ist Essenslieferant auf Rädern, mit seinem Fahrrad fährt er in München für den Lieferdienst Foodora. Er übergibt das asiatische Abendessen, das er vor zehn Minuten im Restaurant "nam nam" abgeholt hat. Die Kundin drückt ihm 92 Cent Trinkgeld in die Hand, bezahlt hat sie die Lieferung schon online. "Heute bislang eher mau", sagt er, als das Tuten seines Smartphones schon die nächste Bestellung anzeigt.

Kornak ist einer von rund 2500 Fahrrad-Kurieren, die Foodora in Deutschland beschäftigt. Ausgestattet mit pinken T-Shirts und klobigen Lieferboxen auf dem Rücken rollen die Foodora-Fahrer derzeit auf den Straßen von 24 deutschen Großstädten. Dort treffen sie auf die Konkurrenz in Türkis, die Lieferanten von Deliveroo - rund 1000 hierzulande in sechs Städten. Es ist ein harter Job, und viele Fahrer sind unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen. In dieser Woche demonstrierten sie in Berlin für mehr Lohn. Das Image der umweltfreundlichen Lieferdienste bekommt Risse.

Foodora, 2014 in München gegründet, gehört zu Delivery Hero, das auch die Plattformen pizza.de und Lieferheld betreibt. Delivery Hero ging an diesem Freitag an die Börse. Der Wettbewerber Deliveroo, die Marke mit dem Känguru im Logo, wird seit 2013 von London aus geführt. Auf dem deutschen Markt der Online-Lieferdienste sind sie die beiden großen Rivalen, auch weltweit buhlen sie um Bestellungen: Foodora fährt in zehn Ländern, Deliveroo in zwölf. Das Wettrennen dürfte sich nun verschärfen, denn Delivery Hero, dessen größter Anteilseigner derzeit der Start-up-Investor Rocket Internet ist, will mit dem Börsengang auch die weitere Expansion finanzieren. Delivery Hero ist bereits in mehr als 40 Ländern aktiv. Dabei gibt es bei den Diensten einen Unterschied: Während Foodora eigene Fahrer beschäftigt, vermitteln Lieferheld und pizza.de Kunden an Restaurants, die selbst für die Lieferung sorgen.

Deliveroo und Foodora haben ein ähnliches Geschäftsmodell: Kunden können online und per App das Essen von lokalen Restaurants bestellen, die Fahrer liefern es binnen einer halben Stunde aus. So können sie auch bei Restaurants ordern, die keinen eigenen Lieferservice anbieten. Dafür kassieren die Unternehmen von den Restaurants rund 30 Prozent des Bestellpreises und zwischen zwei und vier Euro Liefergebühr vom Kunden. Doch die Expansion kostet noch Kraft: Deliveroo machte 2015 etwa 21 Millionen Euro Verlust, Delivery Hero 2016 sogar rund 200 Millionen. Da muss sehr genau kalkuliert werden.

Foodora-Fahrer Kornak schlängelt sich durch die vom Feierabendverkehr verstopften Straßen, vorbei an potenziellen Kunden. "Mittags und abends wird am meisten bestellt, außerdem bei Regen und im Winter", ruft er. Der 29-Jährige liefert schon seit eineinhalb Jahren im pinken Trikot aus. Er hat sich zum Senior Rider Captain hochgearbeitet, einer gehobenen Position als Fahrer. "Mit dem Trinkgeld komme ich auf 13 bis 14 Euro", sagt er. Kornak ist festangestellter Midi-Jobber, verdient monatlich mehr als 450 und maximal 850 Euro.

Den Großteil der Bestellungen liefern bei Foodora und Deliveroo Fahrradfahrer wie er aus, nur wenige sind mit Lastenrädern, Rollern oder Autos unterwegs. Doch die Kritik an beiden Unternehmen wächst. Foodora stellt zwar mittlerweile alle Fahrer fest an, sie verdienen zwischen neun und elf Euro pro Stunde plus Zuschläge. Der britische Konkurrent Deliveroo beschäftigt dagegen 40 Prozent der Kuriere hierzulande als Selbständige, sie werden pro Lieferung mit fünf bis sechs Euro entlohnt. Ohne Aufträge also kein Lohn. "Das ist Arbeit auf Abruf. Außerdem prüfen wir, ob es sich um Scheinselbständigkeit handelt", sagt Clemens Melzer von der Freien Arbeiterinnen und Arbeiter Union (FAU). "Wir fordern von beiden Unternehmen mehr Lohn, ausreichende Schichten und eine Kostenübernahme der Arbeitsmittel." Derzeit müssen die Kuriere ihre eigenen Fahrräder und Smartphones mitbringen - der Verschleiß von Reifen und der Verbrauch von Datenvolumen wird nicht kompensiert. In Köln hatte sich Mitte Juni der erste Betriebsrat von Foodora in Deutschland gegründet.

Sieben Bestellungen in zwei Stunden - das ist ein guter Schnitt

Für Felix kommen die Bemühungen zu spät, er hat sich einen anderen Nebenjob gesucht. Im Winter fuhr der 23-jährige Student, der seinen ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, für Foodora in München. "Aber für neun Euro friere ich nicht in der Kälte", sagt er. Nach einer Lieferung musste er oft lange bis zum nächsten Auftrag warten. Um warm zu bleiben, stellte er sich in öffentlichen Gebäuden unter. "Viele Restaurants lassen einen nicht rein, während man auf das Essen wartet."

Nicht alle glauben, dass das Geschäftsmodell lange überlebt: Die Forderungen der Fahrer für mehr Lohn, die Ansprüche der Kunden und die Konkurrenz im Lebensmitteleinzelhandel setze die Anbieter stark unter Druck, glaubt Arnd Huchzermeier von der Otto Beisheim School of Management: "Die Gewinnmarge ist für beide Unternehmen zu gering." Langfristig werde sich die hohe Provision für die Restaurants nicht lohnen und beim Kunden könne man auch nicht mehr verlangen. Rewe, Edeka und Amazon liefern bereits Lebensmittel, Uber plant, Essen hierzulande auszufahren.

Kornak steigt um viertel nach sieben von seinem Fahrrad. In der gut zweistündigen Schicht hat er sieben Bestellungen ausgefahren, ein guter Schnitt. "Für immer möchte ich das nicht machen", sagt er. "Aber momentan genieße ich, dass Radfahren Teil meines Berufs ist."

© SZ vom 29.06.2017/vd

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