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Technologie:Konzerne wollen Quantencomputer testen

Quantencomputer in einem Labor des Internetkonzerns Google in Santa Barbara/Kalifornien. Solche Computer könnten die Industrie revolutionieren.

(Foto: Hannah Benet/Google/oh)

Sie erledigen in Sekunden, wofür konventionelle Computer lange brauchen. Zehn deutsche Industriekonzerne wollen jetzt prüfen, wofür das gut sein kann.

Von Jonas Tauber, Berlin

Zehn führende deutsche Industriekonzerne haben sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen, um industrielle Anwendungen für Quantencomputing auszuloten: BASF, BMW Group, Boehringer Ingelheim, Bosch, Infineon, Merck, Munich Re, SAP, Siemens und Volkswagen. Die Unternehmen haben sich konkrete Entwicklungsprojekte vorgenommen. In den kommenden Monaten wollen sie herausfinden, welche dieser Projekte in der Zukunft wie nützlich sein könnten.

Eines der Gründungsmitglieder ist der Rückversicherer Munich Re. "Das Konsortium ist für uns eine großartige Möglichkeit, in einem branchenübergreifenden Ökosystem zu agieren", sagt Fabian Winter, Chief Data Officer bei dem Versicherungskonzern.

Munich Re interessiert sich für die Technologie, weil sie gegenüber klassischen Computern in bestimmten Bereichen als deutlich überlegen gilt. Deshalb könnten Industrieunternehmen sie früher oder später auch breit einsetzen. Neue Technologien bringen aber neue Risiken: Für Rückversicherer ist es besonders wichtig, sie genau zu verstehen. Denn wenn ein großes Industrieunternehmen einen Schaden erleidet, landet die Rechnung dafür häufig bei den Rückversicherern, bei denen sich Versicherer ihrerseits gegen Großschäden absichern.

Während herkömmliche Computer letztlich nur zwischen null und eins unterscheiden, können Quantencomputer in ihre Berechnungen weitere Zustände einfließen lassen, erläutert Winter. Das ermögliche mehr parallel laufende Berechnungen. "Der Quantencomputer ist im Vorteil, wo zum Beispiel eine Berechnung auf dem Ergebnis einer vorangegangenen Berechnung aufbaut."

Ziel des nun gegründeten Quantum Technology and Application Consortium (QUTAC) ist, vielversprechende industrielle Anwendungen für Quanten-Computing zu erproben. Auf ihrer Webseite präsentieren die zehn Gründerunternehmen ihre Startprojekte. Munich Re beginnt mit drei Anwendungsfällen.

In einem Projekt untersucht der Rückversicherer die Risiken und Chancen im Bereich Kryptografie. "Verschlüsselung ist eines der klassische Probleme, bei deren Lösung der Quantencomputer deutlich im Vorteil ist", sagt Winter. Quantencomputer seien viel besser darin, Passwörter zu knacken. Die Munich Re deckt rund zehn Prozent aller versicherten Cyberrisiken weltweit. Quantencomputer könnten das Risiko von Cyberangriffen deutlich verringern, weil sie Verschlüsselungen viel stärker machen könnten - oder das Risiko deutlich erhöhen, weil kein Passwort mehr vor einem Quantencomputer in den Händen von Kriminellen sicher sei.

Alternativrouten für Frachtschiffe könnten schnell ermittelt werden

Im zweiten Anwendungsfall will die Munich Re die Berechnung von Alternativrouten für Frachtschiffe erproben, deren eigentlicher Weg wegen Störungen unpassierbar ist. Als das Containerschiff Ever Given vor kurzem im Suezkanal eine Blockade verursachte, war ein wichtiger Handelsweg plötzlich versperrt. In einem solchen Fall könnten möglicherweise Quantencomputer eine Alternativroute für wartende Schiffe berechnen, so die Überlegung.

Der dritte Ansatz von Munich Re ist der Einsatz von Quantencomputern im Bereich industrieller Batteriespeicher. Der Rückversicherer bietet Garantieversicherungen für den Fall an, dass die Speicher hinter der Leistungserwartung zurückbleiben. Quantencomputer könnten helfen, das Risiko besser zu verstehen. Dann könnten Versicherer möglicherweise weitergehende Versicherungen anbieten als bisher.

Die einzelnen Anwendungsfälle will Munich Re mit mehreren Konsortialpartnern auf ihre Tauglichkeit überprüfen, sagt Winter. Dafür werde man unter anderem ein Software-Unternehmen mit beteiligen. Die Bundesregierung unterstützt das neue Konsortium. Es gebe vielversprechende Anwendungsmöglichkeiten in vielen Branchen wie Logistik, Verkehr, Chemie oder Finanzwirtschaft, sagt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. "Es freut mich daher sehr, dass sich in QUTAC so viele namhafte Unternehmen zusammengefunden haben, um Deutschland auf diesem wichtigen Zukunftsfeld voranzubringen."

© SZ
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