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Push-Benachrichtigungen:Sucht und Selbstsuche

Vor zehn Jahren stellte Apple seinen Push-Dienst vor. Seitdem ringen Benachrichtigungen auf dem Bildschirm der Smartphones um die Aufmerksamkeit des Nutzers. Und werden dabei immer persönlicher.

Ablenkungen sind überall", warnt die Meditations-App, indem sie per Push-Mitteilung von der Arbeit ablenkt. "Du hast heute schon 8000 Schritte gemacht", lobt die Schrittzähler-App auf dem Heimweg. "Denkst du gerade an Pizza?", fragt der digitale Pizzalieferant am Feierabend. Die frohe Botschaft eines Wissenschaftsmagazins: "Wir hoffen, dass du einen guten Tag hast. Hier steht, wie die Klima-Apokalypse aussehen könnte."

Apps funken jeden jederzeit an und die Signaltöne lösen eine Reaktion zwischen Vorfreude, routinierter Ignoranz und Stress aus. Man erinnert sich dunkel: SMS wurde massentauglich, weil Freunde untereinander Botschaften verschicken konnten. Durch Push-Mitteilungen spricht die Software mit dem Nutzer. Und wie so viele Smartphone-Entwicklungen erscheint das nicht nur logisch - man kann sich kaum vorstellen, wie es vorher war.

Vorher, das ist gar nicht lange her. Vor zehn Jahren, also im Frühjahr 2009 stellte Apple den App-Entwicklern seinen Push-Dienst vor. Wie so oft hatte der Konzern eine bereits vorhandene Idee verändert: Blackberry hatte bereits erfolgreich E-Mails nach dem SMS-Prinzip verschickt. Geschäftsleute mussten nicht mehr hektisch ihr Postfach öffnen, um von wichtigen E-Mails zu erfahren. Natürlich zogen Android und später auch die Browser-Standards nach. Die Postfach-Zeitersparnis von einst hat sich mittlerweile ins Gegenteil verkehrt. Es kommen einfach zu viele Benachrichtigungen.

"Maschinen spielen uns geschliffene und reglementierte Versionen unserer Leben und Interaktionen vor."

Der Philosoph Robert Rosenberger vom Georgia Institute of Technology beschreibt den Zusammenhang zwischen solchen Mitteilungen und der Nähe zum Gerät: "Smartphones sind inzwischen fast eine Verlängerung unseres Körpers. Und wir haben uns daran gewöhnt, dass sie sich erwartbar verhalten. Ich glaube, Push-Nachrichten können genau deshalb so effektiv sein, weil sie diese Erwartungen durchbrechen. Sie injizieren einen Moment des Unerwarteten in die normale Benutzung."

Nutzer reagieren auf so viel Nähe inzwischen oft kühl. Die Smartphone-Betriebssysteme helfen ihnen dabei, die Funktion abzustellen oder nur zu bestimmten Zeiten Botschaften zu empfangen.

Und selbst Wahrnehmung bedeutet noch kein Interesse: Die erfolgreichsten Push-Meldungen haben nur eine Öffnungsrate von 8,8 Prozent. Die Menschen ignorieren auch standortbasierte Nachrichten oft - zum Beispiel ein Coupon in der Nähe des Stammcafés. Einer Analyse der Marketingfirma CleverTap zufolge gehören Wirtschafts- und Finanznachrichten sowie Unterhaltung und Events zu den erfolgreichsten Sparten. Doch selbst sie bewegen nur jeden 20. Nutzer, den Sperrbildschirm zu verlassen. Laut Marktforschung finden Smartphone-Besitzer in nervigen Push-Nachrichten den häufigsten Anlass, eine App zu löschen.

(Foto: Shutterstock/SZ-Grafik)

Doch die Penetranz der Software folgt letztlich wirtschaftlichen Entwicklungen: Es gibt einfach zu viele Apps. 2009 waren 100 000 iOS-Apps verfügbar, Ende 2018 waren es auf den beiden großen Plattformen mehr als zwei Millionen.

Was heruntergeladen wurde, verstaubt in drei Viertel der Fälle spätestens nach 90 Tagen. Push-Mitteilungen gehören zu den wenigen Möglichkeiten für Apps auf dem Programm-Friedhof, sich wieder in Erinnerung zu rufen.

Deshalb hat sich auch die Methodik der Push verändert: Das Spiel mit der Sorge, etwas zu verpassen, gehört immer noch dazu. Doch längst sprechen die Meldungen subtilere Emotionen an.

Da wäre der Wunsch nach Kontrolle und Messbarkeit: Immer häufiger spucken Push-Meldungen Zahlen und Ziele aus. Die abendliche Gesundheitsbilanz zum Beispiel, die Smartphone-Nutzungszeit oder die Erinnerung, diese Woche erst dreimal meditiert zu haben. Software als Hilfsmittel, um Verhalten zu kontrollieren oder es neu anzutrainieren.

Auch Nostalgie gehört zu den gepushten Gefühlen: Facebook bedient es mit Freundschaftsjubiläen und Erinnerungsalben, Spotify mit den Songs des vergangenen Sommers, die es bündelt und verschickt. Selbst die Smartphone-Betriebssysteme pushen inzwischen Foto-Erinnerungsalben, die sie anhand des Datums oder des Ortes zusammengestellt haben.

Diese Automatisierungen sind aus Nutzersicht durchaus komfortabel. Vor allem aber sind sie persönlich: "Nostalgie und Selbstoptimierung bedienen sehr tiefe menschliche Wünsche", sagt Adam Alter. Er forscht über die Psychologie des mobilen Marketings an der Stern Business School in New York. "Eine Push-Mitteilung, die eines dieser emotionalen Stadien auslöst, kann zumindest für eine kurze Zeit deine Aufmerksamkeit erhalten."

Gespräch mit der Maschine

Früher schickten Freunde Nachrichten, heute kommuniziert die Software mit dem Nutzer.

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Im Kontext der digitalen Verhaltenspsychologie handelt es sich letztlich um ausgefeiltere Anreize, das Smartphone in die Hand zu nehmen. Die Push lässt sich so auch als dezentes Schubsen verstehen, neue Daten zu produzieren. Um das menschliche Verhalten innerhalb der App besser optimieren zu können. Und nicht selten auch, um es in Form vermarktbarer Persönlichkeitsprofile zu verwerten.

Die Meldungen spiegeln dem Nutzer, was die Software aus seinem Verhalten gelernt hat

Die Professorin Shoshana Zuboff hat in ihrem Buch zum "Überwachungskapitalismus" die App-Mensch-Symbiose beschrieben als "Daten-Zulieferkette, die eine höchst genaue Verhaltensvorhersage ermöglicht". Anders als 2009 fliegen dem Nutzer nicht nur zufällige Meldungen um die Ohren, sondern auch das, was die Software aus seinem Verhalten gelernt hat: Er konsumiert das Destillat seiner eigenen Datenspuren, um weitere Datenspuren zu hinterlassen. Die New-Yorker-Autorin Sophie Haigney erkennt darin ein neues, geschlossenes System. Statt Nostalgie über kulturelle Symbole herzustellen, also mit Hilfe von Produkten oder Popkultur-Überbleibseln aus der Vergangenheit, verwenden die Plattformen "dich selbst und das, was sie über dich wissen".

Die Idee, das Smartphone als Teil des Körpers zu verstehen, geht deshalb nicht weit genug. Es ist kaum unterscheidbar, ob Apps das Verhalten der Nutzer spiegeln oder das Verhalten sich den Metriken der Software anpasst. "Du hast heute schon 10 000 Schritte gemacht" Aber wer ist dafür verantwortlich?

"Maschinen spielen uns geschliffene und reglementierte Versionen unserer Leben und Interaktionen vor", schreibt der ehemalige Google-Programmierer David Auerbach in seinem Buch "Bitwise - A Life in Code". "Es ist die Sprache von Labels und Klassifikationen, eine Verkehrssprache für Computer wie für Menschen." Für Unschärfen und Uninterpretierbares gibt es keinen Platz.

Vielleicht ist die Push-Mitteilung und unsere Reaktion darauf die intimste Form, um in dieser neuen Verkehrssprache zu kommunizieren. Womöglich wird uns einiges davon bald wie ein Selbstgespräch vorkommen.

© SZ vom 02.03.2019
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