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Prozessbeteiligte:Die Zeugen

Der Hanseat aus Dubai, der Aufklärer, der Ziehsohn, der Händler mit den geheimen Kenntnissen: Wer bei Gericht alles aussagen soll.

Der Ziehsohn von Mr. Cum-Ex

Der erste Kronzeuge, der bei den Ermittlern groß ausgepackt hat, war ehedem ein gerissener Steueranwalt aus der Kanzlei von Hanno Berger in Frankfurt. Jenem Berger, der Cum-Ex-Deals zulasten der Staatskasse nicht erfunden, der sie aber nach Erkenntnissen der Ermittler immer weiter verfeinert haben soll und der als Mr. Cum-Ex gilt. Berger streitet vehement ab, sich strafbar gemacht zu haben. Sein einstiger Ziehsohn tut das nicht mehr. Der Kronzeuge Nummer 1 hat nicht nur viel erzählt über heimliche Absprachen, er hat auch andere dazu überredet, auszusagen. Und er hat sogar ein Geständnis abgelegt, was nicht auf jeden Kronzeugen zutrifft. Einige von ihnen behaupten, sie hätten geglaubt, das sei alles legal. Sie hätten sozusagen im Verbotsirrtum gehandelt. Bergers Ziehsohn soll wie andere Kronzeugen in dem jetzt anstehenden Prozess beim Landgericht Bonn aussagen. Sein Zeugenauftritt dürfte zwei bis drei Tage dauern; in Anbetracht dessen, was er über diverse Banken und über das ganze System zu erzählen hat. Und über seinen Weg vom Saulus, wie er sich selbst beschreibt, zum Paulus. Klaus Ott

Der Hanseat aus Dubai

Geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Hamburg, in Dubai lebend: So hat sich der deutsche Staatsbürger D., der einen orientalischen Namen trägt, am 3. April bei der Staatsanwaltschaft Köln vorgestellt. Und erzählt, dass er sich als Hanseat fühle, auch wenn er nicht so aussehe. Dann hat D. sehr viel erzählt von seinem Job bei der Bank Varengold, die schwer in den Cum-Ex-Skandal verwickelt sein soll. Varengold selbst sagt dazu, man kooperiere mit den Behörden. Es gehe um Geschäfte früherer Mitarbeiter, die der heutige Vorstand nicht zu verantworten habe. Was D. und andere Kronzeugen den Ermittlern berichtet haben, führt zu dem schwerwiegenden Verdacht. Auch von 2012 bis 2014 sollen damalige Varengold-Verantwortliche mit Aktiendeals, die Cum-Ex geähnelt hätten, noch in die Staatskasse gegriffen haben. Obwohl neue Gesetze solche Deals ab 2011 unmöglich machen sollten. Man habe nach der großen Bankenkrise im vergangenen Jahrzehnt auf das große Geld gehofft, sagte D. den Ermittlern. Das sei für ihn ein Aufstieg gewesen von der Kreisliga in die Champions League. Später folgte der Abstieg. klaus Ott

Der Aufklärer aus der Millionärsfabrik

Der Verdächtige T. kam zum ersten Mal vor zweieinhalb Jahren zur Vernehmung, an 22 Terminen sagte er aus, und ohne ihn wäre vieles im Dunkeln geblieben - nicht zuletzt der Jargon der Cum-Ex-Akteure. Sein Weg ins Verhörzimmer führte ihn vom Physikstudium über eine US-Bank und die australische Investmentbank Macquarie bis zu einem Hedgefonds, mit dem sich T. und seine Partner am Fiskus bereichert haben sollen. Zur Rolle von Macquarie, der "Millionärsfabrik" aus Sydney, hat er wichtige Angaben gemacht. Allen Mitarbeitern bis hin zur Führungsspitze der Bank sei die Cum-Ex-Handelsstrategie der Abteilung, in der T. 2007 arbeitete, klar gewesen. Unter anderem seine Aussagen führten dazu, dass die Staatsanwaltschaft Köln inzwischen unter anderem gegen die amtierende Chefin von Macquarie, Shema Wikramanayake, ermittelt. Die Bank bestreitet, gegen deutsche Steuergesetze verstoßen zu haben. T. tut das nicht mehr. Bei der Staatsanwaltschaft sagte er aus, damals hätten alle Alarmglocken schrillen müssen. Aber man habe sich eben von den Profiten blenden lassen. jan Willmroth

Der Händler mit geheimen Kenntnissen

Der Volkswirt A. wurde Wirtschaftsprüfer, fing bei einer US-Investmentbank an und strukturierte komplexe Aktiendeals. Als die Finanzkrise kam, verließ er die Bank und ging zur Fondsfirma Duet, die tief in die Cum-Ex-Affäre verstrickt ist. Von 2009 an, so erzählte es A. den Ermittlern, habe man Spezialfirmen wie Duet gebraucht. Nachdem der Staat mehrmals vergeblich versucht hatte, die fraglichen Aktiengeschäfte zu unterbinden, seien die Banken vorsichtiger geworden, sie hätten nicht mehr an allen Stellen der Geschäfte mitmachen wollen. A. berichtete ausgiebig und nach Jahreszahlen sortiert, wie sich die Beteiligten vor jeder Transaktion genau abgesprochen hätten. Diese Absprachen sind aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein wichtiger Beweis für die mutmaßlich betrügerische Absicht der Akteure. Viele Feinheiten an manchen Geschäften haben die Ermittler durch A. internen Unterlagen zufolge erstmals durchdrungen. Zum Beispiel, wie ein Fonds mehr als 40 Prozent Rendite erreichen sollte. Ohne Marktrisiko, binnen weniger Tage. jan Willmroth

© SZ vom 27.08.2019
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