Proteste in Frankreich "In den Kellern ist alles voller Benzinkanister"

Mitarbeiter des Autozulieferers GM&S zerstörten aus Protest Produktionsmaterial und verbrannten Paletten.

(Foto: AFP)

Mitarbeiter einer französischen Fabrik drohen, ihre Firma in die Luft zu sprengen, um die Abwicklung zu verhindern. Ihre Aktion ist eine deutliche Warnung an den neuen Präsidenten Macron.

Von Leo Klimm, La Souterraine

"Achtung, nur nicht zu nah an die Gastanks", warnt Jean-Marc Ducourtioux. "Hier ist alles vermint!" Auf dem Gelände von GM&S Industry haben Ducourtioux und seine Kollegen Gasflaschen verteilt und mit Zündkabeln verbunden. "In den Kellern ist alles voller Benzinkanister", raunt Ducourtioux. Er behauptet, mit den selbstgebastelten Bomben ließe sich der Betrieb in die Luft jagen. Und damit klar ist, dass es den Arbeitern ernst ist mit der angedrohten Zerstörung ihrer Produktionsmittel, haben sie vor ein paar Tagen schon damit begonnen: Im Werkshof liegen noch die Trümmer der Maschine, mit der beim insolventen Autozulieferer GM&S Airbags gefertigt wurden. Vor ein paar Tagen haben sie das Gerät unter Zuhilfenahme eines Gabelstaplers geschrottet.

Ducourtioux, 52 Jahre, Industriemechaniker, organisiert in der linksradikalen Gewerkschaft CGT, ist einer von 277 Beschäftigten bei GM&S im zentralfranzösischen Städtchen La Souterraine. Seit elf Tagen halten sie die Fabrik besetzt, um in ihrer Verzweiflung irgendwie eine Rettung zu erzwingen, ehe ein Handelsgericht an diesem Dienstag die Abwicklung des maroden Betriebs anordnet. Die Werkshallen sind heruntergekommen, einige der Maschinen, die darin stehen, museumsreif.

Bei GM&S kommen viele Sorgen der französischen Industrie zusammen

"Wir werden alles kaputt machen", ist auf ein Gasreservoir im Hof geschmiert. Doch die Frage ist, ob die Fabrik außer den Mitarbeitern jemandem fehlen wird. Finanziell betrachtet hat sie keinen Wert. Ihre bisherigen Hauptkunden, die Hersteller PSA Peugeot Citroën und Renault, können sie entbehren. Da wirkt die Zerstörung, die Ducourtioux und seine Kollegen aufmerksamkeitswirksam inszenieren, wie ein Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

GM&S in La Souterraine - das ist das düstere Kontrastprogramm zur vermeintlichen Lichtgestalt Emmanuel Macron, dem neuen, jungdynamischen Präsidenten, der Frankreichs Wirtschaft wieder erstrahlen lassen will. La Souterraine, "die Unterirdische", ist nach einer im Fels verborgenen Krypta benannt. Jetzt aber steht der beschauliche Ort mit nur 5500 Einwohnern im ländlichen Herzen Frankreichs für "ganz unten". Für die wirtschaftliche Realität eines Teils des Landes. Für das andere, das abgehängte Frankreich, das sich nicht in Macrons Zuversicht wiedererkennt und bei der Präsidentenwahl für Abschottung gestimmt hat. Bei GM&S in La Souterraine kommt vieles zusammen, was die Sorgen der französischen Industrie ausmacht: mangelnde Investitionen, strategische Fehlentscheidungen, Konfliktkultur statt Sozialpartnerschaft.

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Emmanuel Macron "Wir werden alles kaputtmachen"

Arbeiterprotest in Frankreich

"Wir werden alles kaputtmachen"

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