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Protest gegen Online-Einkauf:"Achtung, Boykott!"

Hamburger Einzelhändler protestieren gegen Internetkäufe

Hamburger Einzelhändler kleben aus Protest gegen den Online-Einkauf ihre Schaufenster zu - ganz so, als hätten sie bereits dicht gemacht.

(Foto: dpa)

Für die Nachbarn ist es bequem, für die Ladenbesitzer ein Schlag ins Gesicht: Viele Menschen holen die Pakete, die sie online bestellen, beim kleinen Laden um die Ecke ab - anstatt dort etwas zu kaufen. Eine Protestaktion in Hamburg will die Menschen nun aufschrecken.

Von Benjamin Romberg und Nakissa Salavati

Wenn der Postbote kommt, merkt Jimmy Blum, dass er ein Problem hat. Zehn Pakete sind es im Schnitt, die er am Tag annimmt. Zehn Pakete, die nicht an Blum adressiert sind, sondern an seine Nachbarn, die etwas online bestellt haben, aber gerade nicht zuhause sind, um es entgegenzunehmen. Das ist bequem für die Nachbarn, aber ärgerlich für Jimmy Blum. Denn nicht selten gäbe es den Inhalt der Pakete auch in seinem Hamburger Klamotten-Laden zu kaufen.

Deshalb setzt Blum jetzt auf Abschreckung. Gemeinsam mit anderen Ladenbesitzern in der Gegend klebt der 37-Jährige sein Schaufenster mit Packpapier zu - ganz so, als hätten die Geschäfte bereits dicht gemacht. Das Grindelviertel in Hamburg ist ein lebendiges Viertel, mit viel Kultur und viel kleinem Einzelhandel. Blum und seine Kollegen wollen den Bewohnern zeigen, wie es ohne diese Läden aussehen würde. Ein Szenario, so fürchten sie, das durch die Konkurrenz von großen Online-Händlern in nicht allzu ferner Zukunft Wirklichkeit werden könnte.

"Achtung, Boykott!" steht auf den Plakaten an den Schaufenstern. Seit Montag nehmen die Protestierenden keine Pakete von Online-Händlern mehr für ihre Nachbarn an. "Wir haben ja nichts gegen das Internet", sagt Blum. "Wenn man in der Pampa wohnt, ist das super." Nur in einer Stadt wie Hamburg müsse das doch nicht sein. Er will die Kunden für die Lage der Einzelhändler sensibilisieren, sagt er. Das Online-Shopping sei ja auch nur so bequem für die Leute, weil sie ihre Pakete im kleinen Laden um die Ecke abholen könnten.

Der Online-Handel wächst rasant, vor allem vor Weihnachten

Wolfgang Wentzel vom Bundesverband Online-Handel hält nicht viel vom Paket-Boykott. Schließlich würde der Postbote die Sachen dann eben bei einem anderen Nachbarn abgeben. "Es ist nicht sinnvoll, die beiden Verkaufsmodelle gegeneinander auszuspielen", sagt Wentzel. "Auch ein Online-Händler ist oft Einzelhändler, der vor Ort Menschen einstellt und vor Ort Steuern zahlt. Der Unterschied besteht nur darin, dass seine Ladentheke das Internet ist." In Zukunft werde es vermehrt beides geben: Läden in der Stadt, die auch online verkaufen.

Kai Falk vom Handelsverband Deutschland verweist zwar darauf, dass der Großteil des Umsatzes immer noch offline gemacht wird. Etwa ein Zehntel des Geschäfts wird derzeit online abgewickelt, im laufenden Jahr wird der Umsatz schätzungsweise bei 33,1 Milliarden Euro liegen. Doch im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von zwölf Prozent - während der Einzelhandel insgesamt kaum noch zulegt. Und besonders vor Weihnachten wächst der Anteil des Online-Handels deutlich. Falk spricht deshalb von einer "Herausforderung" für die traditionellen Läden. Sie müssten sich umstellen: Neben dem Verkauf im Geschäft sollten sie ihre Waren auch online vertreiben. "Auch kleine Geschäfte können damit erfolgreich sein", sagt er.

Manchmal kommen Leute in den Laden und rufen: "Super Aktion!"

Jimmy Blum hat damit schlechte Erfahrungen gemacht. Seit 2000 betreibt der studierte Textilbetriebswirt sein Second-Hand-Geschäft in der Hartungstraße. Neben Klamotten verkauft er auch Weine und Schuhe. Deshalb ärgert Blum eines besonders: "Wenn die Leute bei uns aus dem Haus ihre Schuhe bei Zalando bestellen, dann macht uns das traurig", sagt er. Blum hat es selbst mal mit einem Online-Shop für Schuhe versucht - nach zwei Monaten musste er schließen. Die Leute haben die bestellte Ware zu oft zurückgeschickt, es hat sich nicht gelohnt.

Die Aktion im Grindelviertel läuft unter dem Motto "Support your local dealer". Die Idee ist nicht neu, bisher gab es solche Proteste aber vor allem in den Fußgängerzonen kleinerer Orte. Dabei lehnen die Einzelhändler den Online-Verkauf nicht immer ab. "Das ist der Lauf der Zeit", sagt Elisabeth Stein-Salomon, damit habe sie kein Problem. Sie will nur die Leute darauf hinweisen, dass sie auch bei den kleinen Geschäften in ihrer Stadt online bestellen könnten.

Deshalb hat Stein-Salomon gemeinsam mit drei anderen Buchhändlern in Würzburg die Initiative "Lass' den Klick in deiner Stadt!" gegründet. Was die Buchhändler bieten, was Amazon nicht kann? Kompetente Beratung, sagt Stein-Salomon. Ihr Online-Shop hat das Gütesiegel von "Buy Local", einem bundesweiten Zusammenschluss von Inhabergeführten Läden und Handwerksbetrieben, der gegen die Verödung der Innenstädte kämpft.

Das richte sich nicht gegen den Online-Handel, erklärt eine Sprecherin. Im Gegenteil: Sogar in der Region funktioniere online. Voraussetzung für die Mitgliedschaft bei "Buy Local" ist eine eigene Website; in manchen Branchen, wie dem Buchhandel, kann man ohne eigenen Online-Shop gar nicht beitreten. Die Initiative wirbt für den Einkauf beim lokalen Händler statt bei Amazon. Ihr Argument: So bleiben die Steuern in der jeweiligen Region und können dort auch wieder investiert werden.

Seit einem Jahr werben die vier Würzburger Buchhändler für ihre Online-Shops - und langsam tut sich etwas: "Die Bestellungen werden mehr", sagt Stein-Salomon. Auch Jimmy Blum bekommt viel positive Resonanz. Bis Sonntag läuft die Protestaktion im Grindelviertel noch. Es kommen Mails aus ganz Deutschland, erzählt er, von Kunden und anderen Händlern. Manchmal kommen Leute in den Laden und rufen: "Super Aktion!" Lieber wäre es ihm wohl, sie würden auch etwas kaufen.

© Süddeutsche.de/rus
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