Süddeutsche Zeitung

Prosecco:Winzer fordert Glyphosat-freien Prosecco

Italiens Schaumwein soll in Zukunft ohne Pestizide prickeln. Doch der Prosecco-Chef Stefano Zanette machen sich mit der Ankündigung auch Feinde.

Für Stefano Zanette, Prosecco-Winzer aus Treviso im Veneto, gibt es kein Zurück. Am Dienstagabend war der Chef des größten italienischen Weinkonsortiums vor Kollegen in San Giorgio della Richin Velda aufgetreten. Die hatten ihn misstrauisch und mit spitzen Bemerkungen empfangen. "Was ist denn das?", hieß es etwa. Und: "Da müssen wir noch mal drüber reden". Nicht mit Zanette. Er fordert die Ächtung von Glyphosat und zwei weiteren Pflanzengiften im Prosecco-Land. Ohne Einschränkungen. Von Selbstverpflichtungen und Empfehlungen hält er nichts. Zanette sagt: "Nur verbindliche Regeln machen uns glaubwürdig".

Hinter dem 54-Jährigen liegt eine aufreibende Woche. Am vergangenen Freitag hatte er in der schmucken Zentrale des Prosecco-Konsortiums in Treviso die Wende angekündigt. Der prickelnde Schaumwein aus dem Hinterland Venedigs hat in einem Jahrzehnt den Weltmarkt erobert. 2016 füllten die Kellereien 510 Millionen Prosecco-Flaschen ab. Drei Mal mehr als vor sechs Jahren. Jeden Tag werden heute weltweit mehr als eine Million Flaschen entkorkt. Überaus erfolgreich wetteifern die Italiener inzwischen mit den Herstellern des französischen Champagners um die Gunst der Freunde perlender Weine.

In der Bevölkerung wächst die Angst vor der gesundheitlichen Belastung

Doch turbulentes Wachstum und Goldgräberstimmung haben auch ihre Schattenseiten. Seit sich die Glera-Reben, aus deren Trauben das spritzige Lifestyle-Getränk gekeltert wird, auch auf den kleinsten Flecken zwischen Wohnhäusern und Schulhöfen breit machen, gärt es im Prosecco-Land. In der Bevölkerung wachsen die Angst vor der gesundheitlichen Belastung durch die Giftwolken und der Verdruss über die Belästigung. Darum ist der Prosecco-Chef nun vorgeprescht. Die Umstellung von 23 000 Hektar Rebfläche auf einen nachhaltigen Anbau soll nicht nur die Umwelt schützen, sondern die Produktion auch wirtschaftlich auf eine gesunde Grundlage stellen.

Ihm gehe es darum, die sozialen Spannungen in der Gegend zu beseitigen und den Verbrauchern ihre Sorgen zu nehmen, sagt Zanette. Als erster italienischer Wein mit geschützter Herkunftsbezeichnung soll sich der Prosecco durch ein Gift-Verbot auszeichnen. Das bedeutet: Wer den neuen Richtlinien nicht folgt, verliert das Gütesiegel Prosecco DOC.

Ein großer Pestizid-Hersteller bittet bereits um ein Gespräch

Alle drei Pflanzengifte, die der Bann trifft, sind in Europa erlaubt. Der Herbizid-Bestseller Glyphosat, der von der Weltgesundheitsorganisation als "möglicherweise krebserregend" eingestuft wird, erhielt von der EU-Kommission eine Verlängerung der Zulassung. Die Fungizide Folpet und Mancozeb sind bei Winzern sehr beliebt, weil sie billig und effizient gegen den Pilzbefall der Trauben helfen. Zanette sagt: "Ich habe einen großen Stein ins Wasser geworfen". Nun schaut der Winzer zu, welche Kreise seine Ankündigung zieht.

In den eigenen Reihen machte er sich auch Feinde. Klar sei das Verbot für manche Kollegen zunächst ein Rückschlag, da sie ihre Produktion umstellen müssten, räumt er ein. Er selbst hat es auf seinen 30 Hektar bereits getan. Die Regionalregierung Venetiens und der Bauernverband Coldiretti stehen hinter ihm. Und an Geld fehlt es nicht: Die aufstrebenden Prosecco-Winzer erzielen mit Erträgen von 25 000 bis 30 000 Euro pro Hektar Spitzenrenditen. Im benachbarten Soave-Anbaugebiet kommt man auf 7000 Euro.

Im Konsortium riefen auch irritierte Agrarhändler an. Und sogar ein großer Pestizid-Hersteller bat um einen Gesprächstermin. Verständlich: In Treviso rührt sich jetzt kein kleiner Nischenproduzent, sondern eine expandierende Weinmacht mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz. Ihr Bann könnte Schule machen. Vielleicht sogar in der vornehmen Champagne.

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SZ vom 03.03.2017/vit
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