Prognos-Studie:Jobs für Europa

Fünf Millionen Arbeitsplätze in anderen EU-Staaten hängen einer Untersuchung zufolge an Deutschland. Ein schwaches Deutschland würde anderen schaden.

Von Marc Beise

Inmitten einer unsicheren Welt ist die deutsche Wirtschaft so erfolgreich wie selten zuvor. Das liegt maßgeblich am starken Export. Deutschland führt pro Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von weit mehr als eine Billion Dollar aus, importiert jedoch wesentlich weniger. Der Exportüberschuss von fast 300 Milliarden Dollar entspricht beinahe neun Prozent der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt), damit liegt Deutschland auf Platz eins vor China und Japan. Die USA beispielsweise haben umgekehrt ein Exportdefizit von 478 Milliarden Dollar. Für Leistungen "Made in Germany" gibt es offensichtlich Abnehmer in der ganzen Welt, es bedeutet aber auch, dass anderswo weniger produziert wird und dass die Verschuldung in vielen Staaten wächst. Das deutsche "Geschäftsmodell" wird deshalb weltweit heftig kritisiert, nicht nur, aber maßgeblich US-Präsident Donald Trump macht Front gegen die Deutschen.

Dass Deutschland sich zulasten der Welt bereichert, wollen die Forscher der Prognos AG widerlegen. In einer Studie, die an diesem Freitag veröffentlicht werden soll, beziffert das in Basel ansässige Beratungsunternehmen die Vorteile des deutschen Wirtschaftsmodelles für die Welt. Danach sorgt die Nachfrage aus Deutschland für Wertschöpfung und Beschäftigung in ganz Europa im Umfang von 4,8 Millionen Jobs. Allein die Nachfrage der deutschen Industrie nach Vorleistungs- und Investitionsgütern sichert 3,4 Millionen Arbeitsplätze bei den europäischen Partnern; die übrigen sind auf den privaten Konsum zurückzuführen.

Für fast alle Mitgliedstaaten ist Deutschland der wichtigste oder zweitwichtigste Exportmarkt, schreibt Prognos. In Ländern wie Tschechien, der Slowakei, den Niederlanden und Österreich bedingt die deutsche Importgüternachfrage zwischen sieben und acht Prozent der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung - und sorgt damit für jeweils Hunderttausende Arbeitsplätze.

Für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), die die Studie in Auftrag gegeben hat, geht deshalb die Kritik "völlig fehl", wonach die Stärke der deutschen Industrie zu Lasten anderer Staaten in der EU gehe. Das Gegenteil sei der Fall, sagt VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt: "Eine dynamische deutsche Industrie bremst die Entwicklung in den anderen EU-Staaten nicht, sondern ist umgekehrt eine wichtige Triebfeder für deren eigene Wachstumsdynamik."

Prognos hat außerdem untersucht, welche Folgen eine weniger wettbewerbsfähige deutsche Industrie mit niedrigerem Importbedarf und höheren Verkaufspreisen hätte. In diesem Szenario würden besonders die Staaten leiden, die eng mit der deutschen Wirtschaft verbunden sind. In der gesamten EU würde die Wirtschaftsleistung bis 2023 um 36 Milliarden Euro niedriger ausfallen als bei einer Fortsetzung der aktuellen Entwicklung.

Auch führt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie laut Prognos nicht zu einer breiten Marktverdrängung von Unternehmen aus den übrigen Ländern. Vielmehr profitieren die Volkswirtschaften Europas von Deutschland. Sie können nicht nur mehr Produkte dorthin verkaufen, sondern auch ihren eigenen Bedarf an deutschen Produkten günstig decken. Angesichts dieser Ergebnisse fordert Brossardt, "die Scheindiskussion um angebliche negative Effekte des deutschen Leistungsbilanzüberschusses zu beenden. Eine schwächere deutsche Wirtschaft und Industrie würde kein anderes Land stärker machen und damit niemandem nützen."

© SZ vom 16.06.2017
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