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Produktivität:Warum der digitale Sprung ein großer Irrtum ist

Illustration: Lisa Bucher

Die These von der revolutionären Kraft des Silicon Valley ist zu schön, um wahr zu sein. Denn produktiver werden wir durch die Digitalisierung nicht.

Mehr Hype und Hybris geht kaum: In diesem Jahr krönte das amerikanische Magazin Time Tim Cook, Brian Chesky und Susan Wojcicki zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Die Lenker von Apple, Airbnb und Youtube zählen zu den Idolen eines neuen digitalen Zeitalters, in dem künstliche Intelligenz, totale Vernetzung und smarte Dienste alte ökonomische Regeln außer Kraft setzen. Die Gründer aus dem Silicon Valley verheißen den Beginn einer neuen Ära, in der alle produktiver werden, die Gewinne wachsen und die Wirtschaft prosperiert. "Jetzt kommt das zweite Maschinenzeitalter", prophezeien die Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology, das Wirtschaft und Arbeitswelt völlig auf den Kopf stellen wird.

Ist das alles nur schöne Theorie? Oder macht das Netz der Netze tatsächlich alles neu und anders? Höchste Zeit für eine Zwischenbilanz.

Drei Thesen

Die Behauptung: Das digitale Zeitalter setzt alte ökonomische Regeln außer Kraft

Die Wahrheit: Alle großen Industrienationen leiden unter einer Produktivitätsflaute

Woran es hakt: Die jüngsten Erfindungen sind weniger segensreich als angenommen

Die These von der revolutionären Kraft der neuen Techniken gerät leicht ins Wanken, wenn man sich die volkswirtschaftlichen Daten ansieht. An den Statistiken lässt sich bis heute nicht ablesen, dass Internet und Digitalisierung die Wirtschaft eines Landes produktiver machen. Hört man den IT-Pionieren zu, scheinen fahrerlose Autos, lernende Roboter und andere bis vor Kurzem unvorstellbare Dinge die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten auszuhebeln; von einem Paradigmenwechsel ist die Rede, der die Wirtschaft neu ordnet. Doch die Realität sieht anders aus: Die amtlichen Zahlen bilden die dramatischen Veränderungen nicht ab, die Produktivitätsstatistik zeigt sich unbeeindruckt.

An den Produktivitätsgewinnen aber misst sich der wahre Fortschritt eines Landes. Sie sind langfristig der wichtigste Indikator für das materielle Wohlergehen und den wirtschaftlichen Erfolg einer Gesellschaft. Denn durch eine bessere Arbeitsproduktivität steigt das Bruttoinlandsprodukt. Schnelleres Wachstum mehrt nicht nur den Wohlstand, es hilft, die überbordenden staatlichen und privaten Schulden abzubauen, weil der Staat mehr Steuern einnimmt, Unternehmen mehr Gewinne machen und Beschäftigte mehr verdienen. Nicht zuletzt profitieren die Verbraucher, das zeigen frühere technologische Revolutionen von der Eisenbahn über das Auto bis zum Smartphone: Sie bescheren den Konsumenten Bequemlichkeit, günstigere Produkte und besseren Service.

In ihrer einfachsten Form misst die Produktivität den wirtschaftlichen Ertrag pro eingesetzter Arbeitseinheit. Ein Beispiel: Angenommen, die Monteure bei Boeing bauen 1000 Flugzeuge der Serie 737 im Jahr. Investiert ihr Unternehmen nun in Roboter, schafft dieselbe Mannschaft in der gleichen Zeit vielleicht 1050 Stück. Ihre Produktivität steigt also um fünf Prozent. So weit die Theorie.

Doch die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass längst nicht jede Innovation der Vergangenheit einen nachhaltigen Produktivitäts- und Wachstumsschub ausgelöst hat.

Bahnbrechende Innovationen bleiben aus

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Robert Gordon von der Northwestern University beschäftigt sich ein ganzes Forscherleben lang mit dem Thema und gilt als großer Skeptiker. Die Produktivitätsgewinne des Informationszeitalters hält er für einen Mythos. Mehr noch: Gordon ist überzeugt, dass bahnbrechende Innovationen schon seit langer Zeit ausbleiben. Seinen Höhepunkt habe das Produktivitätswachstum mit der großen Welle der Industrialisierung erreicht; seither herrsche in reichen Volkswirtschaften eher Produktivitätsflaute. Den ersten großen Innovationsschub verortet Gordon in den Jahren von 1750 bis 1830, als vollmechanische Webstühle, Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Dampfschiffe entwickelt wurden, wobei es allerdings 100 Jahre gedauert habe, bis diese Innovationen ihre volle Wirkung entfalteten.

Den entscheidenden Fortschritt, argumentiert Gordon, brachte aber erst die zweite industrielle Revolution, ungefähr zwischen 1870 bis 1970. Sie bescherte den Menschen Elektrizität, fließendes Wasser, elektrisches Licht, Erdöl und Petrochemie, zudem Autos, Flugzeuge und Telefone. Und sie hatte einen viel stärkeren und länger anhaltenden Einfluss auf die Produktivität als die dritte industrielle - die digitale - Revolution, die ihren Anfang in den 1960er-Jahren nahm. Damals wurden bei General Motors die ersten Industrieroboter montiert, und Computer übernahmen standardisierbare Büroarbeiten.

"Computer finden sich überall - außer in den Produktivitätsstatistiken"

"Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift gültig", stand bald auf vielen Verwaltungsbriefen. Investitionen in Elektronische Datenverarbeitung (EDV) würden die Büros leer fegen, befürchteten die Angestellten in den 70er-Jahren. Es kam anders: Einzelne Berufe wie die Stenotypistin verschwanden, andere Arbeitsplätze wurden mit Computern aufgerüstet; produktiver wurden sie dadurch nicht unbedingt. Die jahrelangen Milliardeninvestitionen in Hard- und Software hinterließen in den Wirtschaftsdaten der USA nicht die erwarteten Spuren. In der Zeit von 1891 bis 1972 wuchs die Produktivität unter dem Einfluss der zweiten industriellen Revolution noch um stattliche 2,3 Prozent im Jahr. Danach sank die Zahl auf 1,4 Prozent in den Jahren 1972 bis 1996. Ganz so, als habe die EDV-Einführung und die Anschaffung von PCs seit den frühen 80er-Jahren die Anwender nicht vorangebracht, sondern gebremst.

"Computer finden sich überall - außer in den Produktivitätsstatistiken", scherzte der amerikanische Ökonom Robert Solow im Jahr 1987, ein paar Monate später erhielt er für seine Wachstumstheorie den Nobelpreis. Damals wurde massiv in Computer und Telekommunikation investiert; nur wollten sich diese Ausgaben einfach nicht in einem höheren Produktivitätswachstum niederschlagen. Dieses "Versagen" der neuen Technologien wurde als Solow-Paradox bekannt.

Die Produktivitätskurve machte Anfang der 70er-Jahre einen Knick nach unten, der bis heute anhält. Unterbrochen nur von einer relativ kurzen Episode in der Dotcom-Ära, als Internet und E-Commerce vorübergehend für Aufbruchstimmung sorgten. Das Produktivitätswachstum zog an und erreichte zwischen 1996 und 2004 durchschnittlich 2,5 Prozent im Jahr. In den folgenden Jahren, zwischen 2004 und 2012, schrumpfte das Produktivitätswunder der New Economy wieder auf eine jährliche Wachstumsrate von 1,3 Prozent zusammen. Seither wurde es nicht besser, im Gegenteil: Im ersten Quartal dieses Jahres ist die Arbeitsproduktivität in den USA aufs Jahr hochgerechnet sogar um 1,9 Prozent gesunken, dem war ein Minus von 2,1 Prozent vorausgegangen. Der Abwärtstrend ist alarmierend. Die amerikanische Notenbankchefin Janet Yellen sieht in den schwachen Produktivitätszahlen den Grund für die "verhaltenen Lohnzuwächse in den vergangenen Jahren". Es ist kein allein amerikanisches Problem, enttäuschendes Produktivitätswachstum plagt viele reiche Länder, darunter Deutschland, Japan und Großbritannien.

Das menschliche Gehirn setzt die Grenzen

Ökonomen zerbrechen sich den Kopf darüber und suchen nach Erklärungen. Brynjolfsson und McAfee empfehlen ganz einfach mehr Geduld: Es brauche eben seine Zeit, bis sich neue Technologien in höherer Produktivität niederschlagen würden. Unternehmen hätten nach der Erfindung des Dynamos 1881 auch vierzig Jahre gebraucht, um Elektrizität gewinnbringend einzusetzen. Noch sei der Produktivitätsschub der IT auf einen kleinen Teil der Wirtschaft beschränkt, zu klein, um die Statistiken nachhaltig zu beeinflussen. Die größten produktivitätssteigernden Auswirkungen der digitalen Revolution stünden noch bevor, nämlich dann, wenn sie alle Teile der Wirtschaft erreichten.

Ein anderer Erklärungsversuch geht so: Die Rechner werden einfach schlecht eingesetzt. Computer, Clouds und Netzwerke alleine machen Unternehmen selten leistungsfähiger. Damit sich die Investitionen wirklich lohnen, müssen Firmen zugleich auch Geld für Ausbildung und neue Arbeitsabläufe ausgeben. Trotz aller Wunder der Technik - das menschliche Gehirn setzt die Grenzen für das, was erreicht werden kann.

Am Ende zählen schwarze Zahlen

Und: Für die allermeisten Betriebe ist die digitale Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette noch immer Zukunftsmusik. Gerade kleine und mittelgroße Firmen haben weder das Geld noch die Mitarbeiter, um die immensen technischen Schwierigkeiten zu überwinden, die vor ihrem Aufbruch in die High-Tech-Zukunft stehen. Selbst im technologisch am weitesten fortgeschrittenen Land der Welt, Amerika, gelten vorerst also die gleichen ökonomischen Regeln, die Wissenschaftler schon vor Jahrzehnten in ihre Lehrbücher geschrieben haben.

Gute Ideen, Wissen und Kreativität sind zwar die Basis für Wachstum. Am Ende aber zählen schwarze Zahlen. Das gilt schließlich auch für die vielen Start-ups, denen noch immer billiges Kapital zuströmt, die ihren Investoren aber einen klaren Weg zur Profitabilität aufzeigen müssen, wollen sie im Rennen bleiben. Die Spielregeln für die jungen digitalen Unternehmen sind die gleichen, denen auch traditionelle Firmen unterliegen. Man darf die Frage stellen, ob Firmen wie der Taxi-Vermittler Uber oder der Kurznachrichten-Dienst Twitter jemals so viel Gewinn abwerfen, dass dies die hohen Bewertungen ihrer Geschäftsmodelle rechtfertigt.

Innovationsskeptiker Gordon glaubt, dass die jüngsten Erfindungen einfach nicht so großartig sind, wie es den Anschein hat, und dass sie sicherlich nicht kraftvoll genug sind, um sich gegen die mächtigen Trends zu stemmen, die Produktivität und Wachstum in vielen Industrieländern hemmen: die demografische Entwicklung, die zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen, die wachsende staatliche Verschuldung, die sinnvolle Ausgaben für Infrastruktur und Bildung verhindert, die Zurückhaltung von Unternehmen, Geld in Technik zu investieren, solange es auf dem Weltmarkt einen Überschuss an billigen Arbeitskräften gibt, um nur die wichtigsten Gründe für die Durststrecke zu nennen.

Allem Hype zum Trotz ist die digitale Revolution für Volkswirtschaften weit weniger segensreich als angenommen. Als Trost bleibt: Die Kunden haben viel Spaß mit neuen Gadgets und lustigen Apps.

© SZ vom 30.05.2015/kabr

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