Produktion deutscher Unternehmen:"Zumindest keine steile Abwärtsspirale"

Lesezeit: 2 min

Lieferengpässe und Ukraine-Krieg bremsen die deutsche Produktion.

Trotz prall gefüllter Auftragsbücher kommt die Produktion der deutschen Unternehmen wegen Materialengpässen und des Krieges in der Ukraine nicht richtig in Schwung. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zusammen 0,7 Prozent mehr her als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem kräftigeren Anstieg von 1,0 Prozent gerechnet, nachdem es im März nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine einen Einbruch von 3,7 Prozent gegeben hatte.

"Vom Vorkrisenniveau sind die Unternehmen weiterhin deutlich entfernt", sagte Konjunkturexperte Jupp Zenzen vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Aufgrund der Lieferengpässe und gestiegenen Preise ist es für viele Betriebe kaum möglich, ihre Bestellungen voll abzuarbeiten." Die Industrieproduktion werde derzeit durch den russischen Angriffskrieg gedämpft, kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium die Entwicklung. "Zum einen ist Deutschland als exportorientiertes Land überproportional von den Handelssanktionen gegenüber Russland betroffen", so das Haus von Ressortchef Robert Habeck. "Zum anderen ergibt sich durch kriegsbedingte Produktionsausfälle und gestörte Lieferketten ein Mangel bei wichtigen Vorleistungsgütern."

Dabei sind die Auftragsbücher randvoll: Die Industriebetriebe haben seit Juni 2020 von Monat zu Monat mehr neue Aufträge bekommen, als sie abarbeiten konnten - mit Ausnahme des Januar 2022. Allerdings fehlen etwa den Autobauern die begehrten Mikrochips, weshalb sie trotz starker Nachfrage nicht so viele Fahrzeuge herstellen können wie eigentlich möglich. Die Folge: Die Reichweite des Auftragsbestandes liegt mittlerweile bei dem Rekordwert von acht Monaten. "Seit dem Beginn der Pandemie ist der Auftragsbestand um 30 Prozent gestiegen", sagte der Konjunkturchef am Kiel-Institut für Weltwirtschaft (IfW), Nils Jannsen. Dies entspreche mehr als 15 Prozent einer Jahresproduktion oder einer Wertschöpfung von rund 100 Milliarden Euro. "Dieses dicke Auftragspolster stellt einen Puffer gegenüber weiteren kurzfristigen Rückgängen der Auftragseingänge dar", erklärte Jannsen. "Allerdings wird es aber wohl längere Zeit benötigen, um die weltweiten Lieferengpässe nachhaltig zu überwinden."

Staus in der Nordsee

Deutschlands wichtigster Handelspartner China bekämpft Corona-Ausbrüche mit harten Lockdowns, wodurch etwa die Wirtschaftsmetropole Shanghai mit ihrem riesigen Hafen wochenlang lahmgelegt wurde. Die fehlenden Vorleistungen aus der Volksrepublik dürften sich aufgrund der Lieferzeiten erst mit Verzögerung in der Produktion bemerkbar machen. Staus und Verzögerungen in der Containerschifffahrt haben dem IfW zufolge nun auch die Nordsee erreicht. "Erstmals seit Ausbruch der Pandemie stauen sich Containerschiffe auch in der Nordsee vor den Häfen Deutschlands, Hollands und Belgiens", so die Forscher. "Hier stecken gegenwärtig knapp zwei Prozent der globalen Frachtkapazität fest und können weder be- noch entladen werden."

Viele Industriebetriebe berichten derzeit von Engpässen, die sich auch wegen der Corona-Lockdowns in China weiter verschärft haben. 77,2 Prozent der Firmen klagten über Engpässe oder Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen, wie das Münchner Ifo-Institut bei seiner Unternehmensumfrage herausfand. Die Industrie allein erhöhte ihren Ausstoß im April um 0,3 Prozent, während das Baugewerbe die Produktion gegen den Trend um 2,1 Prozent drosselte. Im Bereich Energie zog die Produktion um 16,1 Prozent an, nachdem es im März einen Einbruch gegeben hatte. Insgesamt habe es zuletzt auffällige Rückgänge in den energieintensiven Branchen gegeben, sagte Deka-Bank-Ökonom Andreas Scheuerle. "Offensichtlich hatte der Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine einen maßgeblichen, negativen Einfluss." LBBW-Ökonom Elmar Völker kann der Entwicklung aber auch einen positiven Aspekt abgewinnen. "Zumindest gibt es vorerst kein Abgleiten in eine steile Abwärtsspirale", sagte der Experte. "Sofern die Lage in der Ukraine nicht neuerlich eskaliert, besteht über den Sommer Aussicht auf eine Stabilisierung."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB