Probleme im Stahlkonzern Thyssen-Krupp Die Wahrheit den Bedürfnissen des Herrn angepasst

Cromme hat es verstanden, sich vor Kritik und Vorwürfen zu schützen und eine weiße Weste zu behalten. Dazu diente ihm über zwei Jahrzehnte sein treuer Pressesprecher Jürgen Claassen, 54. Der hat für seinen Herrn alles getan, um nicht den leisesten Zweifel an der Größe des Gerhard Cromme entstehen zu lassen. Er hat Journalisten geschickt gesteuert und die Wahrheit, so berichten Kenner des Hauses, auch mal den Bedürfnissen seines Herrn angepasst. Zum Dank wurde er vor zwei Jahren von seinem Mentor in den Vorstand befördert. Ein Schritt, der in der deutschen Industrielandschaft Kopfschütteln auslöste.

Dumm war, dass Mitte November Medienberichte erschienen, in denen zu lesen war, dass Claassen Journalisten zu Luxusreisen eingeladen hatte und es selbst bei Reisekosten an die Grenze des Erträglichen trieb. Das war denn doch zu viel auch für die Verhältnisse des Hauses. Beitz selbst, so berichten Insider, habe die "Empfehlung gegeben", Claassen abzulösen. Das war ein Befehl. Selbst Cromme musste sich beugen.

Claassen ist ein Vertreter des alten Regimes, als man an der Ruhr noch dicke Hosen hatte und sich gern großspurig gab. Lässliche Sünden, die aber nicht mehr in die Zeit passen. So sehen das die Herren heute in Essen. Das gehe nun nicht mehr, da gibt sich auch Cromme ganz unsentimental.

Cromme und Berthold Beitz sind Vertraute, aber nicht ein Herz und eine Seele. Sie gerieten auch aneinander. Das Verhältnis ist nicht freundschaftlich, eher sachlich. Beitz stören viele Dinge an seinem Erben, zum Beispiel die vielen Verpflichtungen Crommes in anderen Unternehmen. Aber er ließ ihn meist gewähren, auch als Cromme seinen Gefolgsmann Claassen zum Lohn in den Vorstand holte, obwohl viele abrieten.

Mister Teflon. Cromme kennt diese Vorwürfe, aber sie perlen an ihm ab. Seine Gegner sind für ihn nur Neider, Missgünstige, die ihm den Weg an die Spitze der Krupp-Stiftung verbauen wollen. Überlebt Cromme lange genug, um den Patriarchen Berthold Beitz an der Spitze der Stiftung zu beerben, dann ist er der mächtigste Mann im größten deutschen Bundesland. Mehr geht nicht. Und überhaupt: Ein Aufsichtsrat kann auch nicht alles wissen, dafür ist doch der Vorstand da, also bitte.

Er ist fein raus, so sieht er das. Wer will ihm denn einen Strick drehen? Der müsste gleich den ganzen Aufsichtsrat feuern, Arbeitnehmervertreter inklusive: Ihr wart doch alle dabei, wird er ihnen zurufen, wenn sie Front gegen ihn machen sollten. So leicht weicht ein Cromme nicht.

Er findet dabei, das ist ganz klar, die volle Unterstützung von Hiesinger. So sind sie denn in guten und in schlechten Zeiten aufeinander angewiesen, die beiden Chefstrategen von Thyssen-Krupp in ihren luftigen Eckzimmern im obersten 13. Stock der Konzern-Zentrale in Essen. Und sie haben einen Dritten im Bunde: Berthold Beitz, den alten Herrn des Hügels.

Um wirklich etwas zu ändern bei Thyssen-Krupp, müsste wohl Beitz sein Büro räumen, so kalkulieren inzwischen ein paar Aufsichtsräte. Cromme könnte ihn beerben und den Posten des Ober-Aufsichtsrates einem unbelasteten Manager übergeben. Die Frage ist nur, wer bringt dem alten Herrn bei, dass es für ihn nach so vielen Jahrzehnten im Dienste von Krupp und an der Zeit sein könne, in dem Ruhestand zu gehen? Beitz geht auf seinen hundertsten Geburtstag zu. Er hat noch keine Andeutung gemacht, sich zurückziehen zu wollen. Und inzwischen wächst der Druck auf Cromme, er wird die Loyalität des Patriarchen brauchen und erhalten. Nur die Frage, ob diese unendlich sein wird, ist unbeantwortet.

Noch sind die alten Zeiten bei Thyssen-Krupp nicht vorbei.