Probleme im Stahlkonzern Thyssen-Krupp Cromme hat viele Gegner

Dann also ging Hiesinger zum Aufsichtsratschef und packte alle Fakten auf den Tisch. Cromme war erschüttert, so wird es geschildert, und nimmt für sich in Anspruch, sofort gehandelt zu haben. Seither aber steht er auch selbst in der Kritik. Für den Strategen ist das gefährlich. Er will eines Tages Berthold Beitz beerben, den Herrn der Krupp-Stiftung im Hügelpark, die 25 Prozent am Aktienkapital des Konzerns hält. Das bedeutet Vetorecht. Keine Entscheidung im Konzern läuft am Hügel vorbei. Cromme will Beitz II werden und damit zu einem neuen Ruhrbaron. Die aktuelle Lage kommt da nicht gut.

Ohnehin ist Crommes Leistungsbilanz nicht gut. Bis 2001 führte er den Konzern gemeinsam mit Schulz, danach rückte er allein an die Spitze des Aufsichtsrates. Seitdem geht es bergab. Beim Start des Doppelkonzerns war die Firma noch 15 Milliarden Euro wert. Heute beträgt die Börsenkapitalisierung 8,4 Milliarden Euro.

Da kann man natürlich auf die Idee kommen, der langjährige Oberstratege Cromme sei Teil des Problems von Thyssen-Krupp, Teil der alten Kultur, die Hiesinger überwinden will. "Es muss es einen Neuanfang geben", sagen Manager im Hause, die nicht mit Namen zitiert werden wollen, und sie meinen damit, dass auch Cromme den Aufsichtsrat verlassen sollte, um Hiesinger freie Bahn zu lassen.

Nun kommt es auf Berthold Beitz an.

Der hat in seinem langen Leben mit vielen Gütern gehandelt, er weiß, dass die seltensten Dinge die kostbarsten sind. Das seltenste und kostbarste Gut, das es für den alten Herrn gibt, ist das Vertrauen. Seine freundliche, weltgewandte, oft charmante Art täuscht leicht darüber hinweg, dass er in seinem Leben nur sehr wenigen Menschen wirklich vertraut hat. Viele Weggefährten, Topmanager, starke Männer an seiner Seite hat er gekippt. Nur einem hat der Alte stets das Vertrauen ausgesprochen: seinem Aufsichtsratschef.

Cromme ist der Mann an Beitzens Seite seit 1986. Beitz hat sich noch bei den 200-Jahr-Feiern von Krupp 2012 offiziell zu ihm bekannt, hat ihn als Nachfolger für sich an der Spitze der Krupp-Stiftung, nominiert. Das macht Cromme stark, deshalb will er nicht weichen. Der Mann, der neben Siemens auch noch der Axel Springer AG als Kontrolleur dient, sieht sich selbst als eine Art Chef der Deutschland AG. Und da soll er in Essen ein Teil des überholten Systems sein? Er sei es doch gewesen, der im Aufsichtsrat seit Jahren nachgefragt, gebohrt habe! Und wurde er nicht vorgeführt, betrogen, womöglich belogen? Erst kürzlich wurde darüber im Aufsichtsrat debattiert. Das Entsetzen über die Zustände im Konzern war groß, deftige Worte sind gefallen. Cromme sieht sich nicht als Verantwortlicher, sondern als Teil eines früher ahnungslosen Kollektivs.

Er sei es doch auch gewesen, so sagt er Vertrauten, der den allseits geschätzten und unerschrockenen Siemens-Manager Hiesinger geholt habe. Und hat er nicht, als dieser nach neun Monaten Einarbeitungszeit zu ihm kam und das ganze Ausmaß der Misere ausbreitete, den Krisenapparat angeworfen? Heerscharen von Anwälte prüfen nun im Auftrag Crommes die Versäumnisse von Vorstand und Aufsichtsrat.

Das war schon immer seine Methode - auch im Korruptionsfall Siemens. Und wie schon in München finden die Anwälte allerlei Belastendes bei vielen der Beteiligten, nur nicht bei ihm: nichts, gar nichts! Manche Anwälte sind lange schon für Thyssen-Krupp tätig - erstellen sie womöglich Gefälligkeitsgutachten? Sicher nicht, sagt Cromme, das seien Koryphäen auf ihrem Gebiet, unbestechlich. Sicherheitshalber hat er einen Obergutachter berufen, den er noch nie im Leben gesehen hat. Der prüft nun auch.

Dieser Gerhard Cromme, wie er schaltet und waltet bei Thyssen-Krupp, ist für seine Gegner schwer zu ertragen - und Gegner hat er viele. Ein Mann, der in Sachen Unternehmensführung (Corporate Governance) klare Vorstellungen hat und diese diese in der deutschen Wirtschaft auch durchgesetzt hat - etwa, dass Ex-Vorstandschefs nicht direkt den Aufsichtsrat führen dürfen -, sich aber selbst nicht daran hält. Ein Mann, der sich seit langem auf vermintem Gelände bewegt, in Konzernen, die von M wie Missmanagement bis K wie Korruption einiges erlebt haben. Der es aber schafft, dass die Einschläge immer woanders kommen, aber niemals bei ihm.