Probleme bei der Bahn:Mehdorns Vermächtnis

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Chaos bei der Berliner S-Bahn, illegal erfasste Krankendaten, miserable Zahlen: Bahn-Chef Rüdiger Grube hat jede Menge Ärger - die Schuld daran trägt jedoch sein Vorgänger.

M. Bauchmüller u. D. Kuhr

Hartmut Mehdorn muss eine wunderbare Zeit verleben. Fern von allen Problemen der Bahn dürfte er sich in Südfrankreich sonnen, und eines ist sicher: Einen besseren Zeitpunkt für seinen Abgang als den März dieses Jahres hätte der ehemalige Bahnchef nicht finden können.

S-Bahn Berlin, dpa

Die Berliner S-Bahn bereitet der Deutschen Bahn jede Menge Sorgen. Etliche Beobachter glauben, das Chaos hängt mit der Privatisierungspolitik des ehemaligen Bahn-Chefs Hartmut Mehdorn zusammen.

(Foto: Foto: dpa)

Denn daheim bei der Bahn türmen sich die Probleme wie schon lange nicht mehr. Das Eisenbahn-Bundesamt hat mal eben zwei Drittel der Berliner S-Bahnen lahmgelegt, der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix leitet erneut Nachforschungen bei der Bahn ein, und in zwei Wochen darf Mehdorns Nachfolger Rüdiger Grube erstmals Zahlen präsentieren - nämlich die schlechtesten seit langem.

Führungszirkel fast komplett ausgetauscht

Wäre Mehdorn nicht im März schon gegangen, spätestens die Affäre um die Erhebung von Krankheitsdaten bei Eisenbahnern hätte ihn nun, kurz vor der Bundestagswahl, ganz sicher den Job gekostet. Noch immer ist unklar, wie und warum es zu der Datensammlung gekommen ist. Und Berlins Datenschutzbeauftragter Dix ist hartnäckig. Einen Tag zuvor hatte die Bahn offengelegt, dass bei ihrer Sicherheitstochter Krankheitsdaten von Mitarbeitern illegal erfasst und innerhalb des Konzerns weitergegeben worden seien.

Abermals müssen deshalb Verantwortliche ihren Hut nehmen. Die wievielte leitende Stelle Grube künftig neu besetzen muss, lässt sich kaum noch nachvollziehen. Seit seinem Amtsantritt Anfang Mai vergab er unzählige Posten neu, um einen Neuanfang glaubhaft zu dokumentieren. Nahezu der komplette engere Führungszirkel um Mehdorn ist mittlerweile ausgetauscht. Doch den gewünschten Schlussstrich unter das Thema Datenschutz konnte Grube damit nicht ziehen, das hat sich jetzt gezeigt.

Drastischer Umsatzeinbruch

Doch das ist längst nicht die größte Baustelle, mit der die Bahn zu kämpfen hat. Am 20. August wird Grube zum ersten Mal die Halbjahreszahlen des Konzerns präsentieren. Und die fallen, nach allem was bislang zu hören war, katastrophal aus. Der Umsatz ist im ersten Halbjahr um fast 14 Prozent eingebrochen. Zwischen Januar und Juni nahm die Bahn fast zwei Milliarden Euro weniger ein als im selben Zeitraum ein Jahr zuvor. Grube kann dafür nicht das Geringste, der Rückgang ist in allererster Linie eine Folge der Wirtschaftskrise, die mittlerweile auch die Bahn erfasst hat. Doch es wird an ihm liegen, den Konzern aus dieser Krise wieder herauszuführen.

Recht unschön bleiben auch die Zustände in Berlin. Zwar gehen die Arbeiten schneller vonstatten als gedacht, und es werden zunehmend Züge aus den S-Bahn-Werken wieder freigegeben. Doch noch ist nicht absehbar, wie hoch der Schaden für den Konzern ist, ganz zu schweigen vom Imageverlust. Erst am Dienstag musste erneut ein Zug aus dem Verkehr gezogen werden; von einem Radsatz war Qualm aufgestiegen. Manche behaupten, solche Pannen hingen auch mit Mehdorns Privatisierungspolitik zusammen. Schließlich hatte das Management auf dem Weg an die Börse auch so manche Werkstatt geschlossen, um noch mehr zu sparen und um die Bahn fein zu machen für Investoren.

Grube arbeitet sich seit Wochen am Vermächtnis seines Vorgängers ab, und zwar Tag und Nacht. Doch längst nicht alles kann er in den Griff kriegen - etwa die Bahngewerkschaften. Die schicken sich zu einer Neuauflage eines alten Streits an - um die Vorherrschaft beim fahrenden Personal. Schon einmal, 2007, hatten sich die Lokführer-Gewerkschaft GDL und die Konkurrenzvereinigung Transnet heftig darum gestritten; ein Streik der Lokführer legte tagelang den Bahnverkehr lahm. Nun zieht der nächste Konflikt herauf, denn beide Gewerkschaften wollen sich mithilfe eines Flächentarifvertrags abermals gegenseitig Mitglieder abspenstig machen. Hartmut Mehdorn wird es entspannt in der Zeitung nachlesen, aus weiter Ferne.

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