Süddeutsche Zeitung

Fernsehen:Warum der Chefwechsel bei Pro Sieben Sat 1 so brisant ist

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Der Sender hat gerade einige Probleme. Nun könnten auch noch die Werbeeinnahmen einbrechen, Vorstand Beaujean musste gehen. Und im Hintergrund lauert schon ein bekannter Investor - Silvio Berlusconi.

Von Caspar Busse

Rund 1,3 Millionen Zuschauer saßen vor dem Bildschirm: "Hochzeit auf den ersten Blick" lief an diesem Montagabend auf Sat 1, die Quoten lagen über dem Durchschnitt des Senders. Das Konzept der Doku-Soap aus Dänemark: Paare treffen sich erstmals auf dem Standesamt, heiraten und werden dann von der Kamera begleitet. Nach einigen Wochen müssen sie dann entscheiden, ob sie sich wieder scheiden lassen oder nicht.

Eine Beziehung der anderen Art ging - zeitgleich an diesem Montagabend - endgültig in die Brüche: Rainer Beaujean, 54, wird das börsennotierte Fernsehunternehmen Pro Sieben Sat 1 Media als Vorstandsvorsitzender mit sofortiger Wirkung verlassen. Offenbar hatte er sich mit dem neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrats, dem ehemaligen Springer-Manager Andreas Wiele, überworfen. Das Verhältnis sei nicht mehr zu kitten gewesen, ist am Konzernsitz in Unterföhring zu hören. Am Ende stand die abrupte Trennung von Beaujean. Übernehmen soll Deutschlands größten Privatfernsehanbieter nun der langjährige RTL-Mitarbeiter Bert Habets, 51.

Im Dezember wurde der Vertrag bis 2027 verlängert, jetzt ist Schluss

Die Entscheidung kam auch für enge Mitarbeiter sehr überraschend. Beaujean hatte erst im März 2020 die Führung übernommen, im Dezember 2021 war sein Vorstandsvertrag dann noch bis Mitte 2027 verlängert worden. Das erfolgte noch unter dem ehemaligen Chefaufseher Werner Brandt. Der langjährige Finanzchef des Softwareunternehmens SAP ist aber mit der Hauptversammlung von Pro Sieben Sat 1 in diesem Mai ausgeschieden. Seine Nachfolge trat Wiele an, mit ihm kamen weitere Aufsichtsräte, darunter übrigens auch Habets. Der gebürtige Niederländer wechselt also direkt aus dem Aufsichtsgremium an die Spitze des Vorstands. Ob dieser Schritt schon bei seinem Eintritt in den Aufsichtsrat denkbar gewesen ist, ist offen.

Klar ist, dass Wiele und Beaujean ziemlich unterschiedlich sind. Beaujean ist ein ausgewiesener Finanzexperte. Er arbeitete zuvor für Unternehmen außerhalb der Medienbranche, etwa beim Verpackungshersteller Gerresheimer oder beim Kränespezialisten Demag. Im Juli 2019 wurde er Finanzvorstand bei Pro Sieben Sat 1. Nach turbulenten Jahren, Vorstandskollegen sprachen sogar von Vorstands-Soap-Opera, übernahm Beaujean. Er sollte das Unternehmen beruhigen, doch dann kam die Pandemie, die dem Konzern zunächst sehr zusetzte.

Wiele dagegen ist Medienmanager durch und durch, er war unter anderem 20 Jahre lang Vorstandsmitglied bei Axel Springer (Welt, Bild). In dieser Zeit versuchte Springer unter anderem, Pro Sieben Sat 1 zu übernehmen, scheiterte aber am Einspruch des Bundeskartellamts. Möglicherweise wollte sich Wiele stärker auch ins operative Geschäft einbringen als Vorgänger Brandt. Mit dem Abgang Beaujeans ist die Ära Brandts nun endgültig zu Ende, heißt es.

Der abermalige Wechsel an der Spitze des Unternehmens kommt zu einer heiklen Zeit. Zum einen könnte ein deutlicher Wirtschaftseinbruch, den viele Experten derzeit erwarten, besonders die Medienindustrie treffen. Dann würden die Werbebuchungen bei Fernsehsender zurückgehen, was deutliche Auswirkungen auf die Gewinne hätte. Der Aktienkurs von Pro Sieben Sat 1 ist bereits am Boden und hat seit Jahresbeginn knapp 50 Prozent an Wert verloren. Immerhin, die übrigen drei Vorstände sollen nach dem Abgang Beaujeans an Bord bleiben.

Zum anderen ist die Unabhängigkeit von Pro Sieben Sat 1 in Gefahr. Hinter den Kulissen war zuletzt ein Machtkampf im Gange, der alles andere als entschieden ist. So kontrolliert Media For Europe (MFE, früher Mediaset) etwa ein Viertel der Aktien des Fernsehunternehmens. Hinter MFE steht die Familie des umstrittenen rechtspopulistischen italienischen Politikers Silvio Berlusconi. Immer wieder wird darüber spekuliert, dass die Italiener weiter aufstocken und Pro Sieben Sat 1 am Ende in ihre paneuropäische Holding integrieren wollen.

Beaujean zumindest wehrte sich vehement dagegen. "Ich sehe Pro Sieben Sat 1 als absolut unabhängiges Unternehmen, das aus sich selbst heraus wächst", sagte er noch im Mai der SZ. Es sei "bisher keine Kritik geäußert worden, weder an mir persönlich noch an unserer Strategie", fügte er an. Zuvor hatte es immer wieder geheißen, die Italiener seien unzufrieden, vor allem mit Beaujean als Vorstandschef. "Ich habe auch italienische Zeitungen gelesen, was dort berichtet wurde, hat mich teilweise verwundert", sagte er dazu. Die Ablösung Beaujeans sei nun aber nicht auf Druck des Großaktionärs zustande gekommen, betonte eine Konzernsprecherin. Wie auch immer: MFE dürfte sich jedenfalls darüber freuen, sind sie doch nun einen der größten Widersacher los. Wie Wiele zu den Plänen der Italiener steht, ist bislang öffentlich nicht bekannt.

Auf der anderen Seite machte immer wieder auch Konkurrent RTL öffentlich, dass man an einem Zusammengehen mit Pro Sieben Sat 1 interessiert sei. Thomas Rabe - der Bertelsmann-Chef führt RTL in Personalunion, als Nachfolger von Habets - sprach öfter davon. Allerdings könnte das am Bundeskartellamt scheitern. Rabe fusioniert gerade RTL mit den Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr, was zu großen Verwerfungen führt. Zudem setzt er mit viel Geld auf den Ausbau des Streamingportals RTL +, im Kampf gegen Netflix, Disney+ oder Amazon Prime. Pro Sieben Sat 1 hat in dem Bereich auch zu kämpfen und vor einigen Jahren die Plattform Joyn gestartet. Erst vor zwei Wochen hatte Beaujean Joyn vollständig übernommen und den bisherigen Partner, den US-Konzern Discovery, ausgelöst.

Es war die letzte große Amtshandlung von Beaujean.

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