Presseschau zum Jobabbau bei Siemens Aderlass für den Wasserkopf

Siemens-Chef Löscher will knapp 17.000 Jobs streichen - bei den Arbeitnehmervertretern herrscht blanke Wut. Doch wohin geht die Reise bei Siemens? Die Reaktionen der Presse.

Zusammengestellt von Tobias Dorfer

Bei Siemens bleibt kein Stein auf dem anderen. Vom Jobabbau hatte Konzernchef Peter Löscher längst gesprochen - und dann war da noch seine Andeutung von der "Lehmschicht" aus kleinen und mittleren Verwaltungsangestellten, die er abzutragen gedenkt. Nun sind die Zahlen auf dem Tisch: Knapp 17.000 Stellen fallen bei Siemens weg. Bei den Arbeitnehmern und der Politik herrscht Wut und Hilflosigkeit. Die Reaktionen der Presse fallen sehr gemischt aus.

Aufräumer Löscher? Die deutschen Zeitungen sind sich nicht einig über die Strategie des Siemens-Chefs.

(Foto: Foto: ddp)

Die Lübecker Nachrichten haben Verständnis für den Ärger der Angestellten. "Für Schmiergeld hatte das Unternehmen Millionenbeträge zur Verfügung. Nun sollen wieder einmal die oft langjährigen Mitarbeiter die Lasten tragen, die mit der - vornehm ausgedrückt - Verschlankung einhergehen. Und das alles bei vollen Auftragsbüchern und Milliardengewinnen. Wer soll das verstehen?"

Die Financial Times Deutschland rät Löscher, ehrlich zu sein. Er solle nicht den Eindruck erwecken, dass der Jobabbau fast ausschließlich Führungskräfte trifft. Ein offener Umgang mit den Mitarbeitern sei für Löscher gerade deshalb wichtig, "weil er als erster Konzernchef von außen immer noch nicht richtig in der Siemens-Familie angekommen ist." Bislang habe er die Belegschaft noch nicht von seinem Weg überzeugen können - vielleicht, weil er selbst nicht weiß, wohin die Reise geht? Löscher "will die alte Führungskultur brechen, bleibt aber eine Ansage schuldig, wie die neue Siemens-Identität aussehen soll." Das reiche nicht aus, um Verständnis für die Pläne zu bekommen. Löscher benötige eine klare Botschaft, schreibt die FTD. "Vorwärts ins Irgendwo reicht als Marschroute nicht aus."

Nach Ansicht der Nürnberger Nachrichten wird die Handschrift Löschers inzwischen deutlich sichtbar. Nachdem er sich im ersten Jahr mit den Korruptions-Altlasten seiner Vorgänger herumschlagen musste, ist der "gestern verkündete Kahlschlag sein Werk. Kein geschickt inszeniertes allerdings, weil er seine Sparziele zu früh genannt habe und so Unruhe im Unternehmen verbreitet hätte. "Die freilich kann Siemens ganz und gar nicht gebrauchen." Nötig seien Vertrauen, Ruhe und Beständigkeit, schreibt das Blatt. "Löschers Entlassungs- und Umbaupläne bewirken das Gegenteil."

Auch für die Rheinische Post hat Löscher "viel Glaubwürdigkeit gegenüber der Belegschaft verspielt". Nachdem er zuerst angekündigt hatte, vor allem im Management zu sparen, sei nun "der kleine Mann in den Verwaltungen dran". Die Kommunikationspanne ändere allerdings nichts an der Tatsache, dass der Jobabbau nötig sei. Siemens müsse sich auf dem Weltmarkt mit Produzenten aus Asien messen. "Jeder Euro, der im Wasserkopf der unübersichtlichen Siemens-Verwaltung versickert, kann ein Euro zuviel sein."

Für den in Bamberg erscheinenden Fränkischen Tag sind die Zeiten, "in denen der Konzern so träge und solide vor sich hin dümpeln konnte, dass er gern als Bank mit angeschlossenem Elektrohandel bezeichnet wurde, längst vorbei."

Die Kuschel-Pause ist vorbei, schreibt auch der Münchner Merkur. Ein Jahr lang kümmerte sich Löscher überwiegend darum, den Schmiergeld-Sumpf trocken zu legen. "Da verhielten sich auch Manager-bissige Arbeitnehmervertreter wie Kuschelpädagogen." Doch damit sei es jetzt vorbei, Zum Bruch zwischen Löscher und den Arbeitnehmern werde es allerdings nicht kommen. "Löscher hat sich zum Faustpfand dafür gemacht, dass Siemens nicht zerschlagen wird, sondern ein 'integrierter Technologiekonzern' bleibt." Dieses Faustpfand, so die Zeitung, sei zu wertvoll, als dass man es riskieren könnte - "nicht einmal für 18.000 Jobs."

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht keinen offenen Konflikt zwischen Arbeitnehmervertretern und dem Top-Management. "Es wäre nicht das erste Mal, wenn für ein Kostensenkungsprogramm von Siemens am Ende ein Kompromiss stünde, mit dem beide Seiten ihr Gesicht wahrten." An betriebsbedingte Kündigungen glaubt die Zeitung nicht. "Auch dieses Mal wird das Unternehmen niemanden einfach auf die Straße setzen."