Preisausschreiben:Diese Frau hat das Glück gepachtet

Preisausschreiben: Martina Radtke, 57, mag es besonders, wenn sie nützliche Dinge gewinnt. Die Waschmaschine kam genau dann, als die alte gerade kaputtgegangen war - der Toaster ebenso.

Martina Radtke, 57, mag es besonders, wenn sie nützliche Dinge gewinnt. Die Waschmaschine kam genau dann, als die alte gerade kaputtgegangen war - der Toaster ebenso.

(Foto: Veronika Wulf)

Ein Jeep, eine Kaffeemaschine, ein Trip zur WM nach Südafrika: Martina Radtke gewinnt immer wieder bei Preisausschreiben. Wie sie das macht - und was mit all den Gewinnen passiert.

Von Veronika Wulf

Martina Radtke hat das Glück gesammelt, gelocht und abgeheftet. Drei dicke Aktenordner wuchtet sie auf den Wohnzimmertisch. Darin Gewinnbenachrichtigungen, Flugtickets und Kinokarten. Menüs, Lottoscheine und Zeitungsausschnitte mit Fotos, von denen viele Martina Radtkes herunterstrahlen mit vielen Blumensträußen in den Händen. Die Tierpflegerin hat vermutlich öfter bei einem Preisausschreiben gewonnen als die meisten Menschen überhaupt an Preisausschreiben teilnehmen. Wenn man den Wert all der geschenkten Reisen, Rucksäcke und Rotweingläser zusammenrechnet, kommt man auf etwa 200 000 Euro. Wie macht sie das? Und was bedeutet Glück für jemanden, der es scheinbar gepachtet hat?

Martina Radtke, 57, mag den Montag nicht. Denn da kommt keine Post an in Esebeck, dem 600-Seelen-Dorf bei Göttingen, wo sie ihren Frühruhestand genießt. Zum Briefkasten zu gehen ist für sie "spannend", es könnte ja eine Gewinnbenachrichtigung darin sein. Busse fahren auch nicht so oft nach Esebeck, deshalb holt sie den Besuch mit dem gewonnenen Auto vom Bahnhof ab. Dann kocht sie Kaffee mit dem gewonnenen Vollautomaten.

Wann die Glückssträhne begann, das weiß sie nicht mehr, aber sie sieht sich noch als Zehnjährige vom Rummel nach Hause laufen, einen Plüschbären im Arm, fast so groß wie sie selbst. Seither ging es so weiter mit den Gewinnen. Martina Radtke blättert durch die Ordner; 1999 ein Jeep, 2010 ein Trip zur WM nach Südafrika, 2013 ein Ford, 2017 eine Reise nach Ägypten, 2018 eine Waschmaschine. Vergangenes Jahr habe sie "nur sieben Mal" gewonnen, sagt sie "das Wetter war so gut".

Denn gewinnen kostet auch Zeit: Postkarten ausfüllen, bei Hotlines anrufen, Online-Formulare ausfüllen. Martina Radtke durchforstet Zeitschriften und Reklamehefte, hat Vera's Glücks-Ratgeber abonniert, ein Blatt, das Gewinnspiele bündelt, und schaut im Supermarkt nach Preisausschreiben, die um Sektflaschen baumeln oder auf Waschmittelpackungen gedruckt sind. "Dann kauf ich eben mal das Waschmittel von einer anderen Marke", sagt Martina Radtke. Aber nur, wenn sie sowieso Waschmittel brauche. Um den Ford zu gewinnen, hat sie 22 Mal Katzenfutter einzeln gekauft und zweiundzwanzig Kassenbons eingesendet. An 30 bis 50 Gewinnspielen nimmt sie im Monat teil. Für Porto, Anrufe und Bastelmaterial komme nie mehr als 50 Euro zusammen, sagt sie - "auch nicht teurer als jedes andere Hobby".

Kaufen ist nichts für diejenigen, die gewinnen wollen

Mehrfach teilzunehmen ist bei manchen Gewinnspielen erlaubt, man muss auf das Kleingedruckte achten. Doch es gibt Profis, die immer mehrere Karten einsenden - auf den Namen des Mannes, der Kinder, der Haustiere. Martina Radtke findet das nicht verwerflich. "Mir ist das nur zu viel Arbeit und zu teuer." Einmal im Lostopf zu landen, reiche schon aus, ist sie überzeugt. Am liebsten mag sie ohnehin Preisausschreiben, für die man kreativ sein muss: Für einen Matratzenhersteller legte sie sich mit Taucherbrille auf eine Art Wasserbett, für das Maskottchen einer Getreidemühle erfand sie einen Namen, für eine Supermarktkette posierte sie mit einer Einkaufstüte unter Wasser, und für ein Magazin bastelte sie mit einer gewonnenen Heißkleberpistole eine Weihnachtskarte, die blinkte und glitzerte. "Gewinnen fühlt sich irgendwie noch mal besser an, wenn man was dafür getan hat", sagt Radtke.

Was ihr noch fehlt, ist ein E-Bike. Einen Roller hat sie schon gewonnen, auch eine Batterie für ein Elektrofahrrad. Aber noch nicht das Fahrrad dazu. "Ich könnte mir natürlich eines kaufen, aber ich will ja eines gewinnen", sagt sie grinsend. Generell nehme sie nur an Gewinnspielen teil, wenn sie die Preise auch gebrauchen könne. Trotzdem kommen manchmal Dinge an, mit denen sie nichts anfangen kann, wie der Ring mit den wechselbaren Schmucksteinen. "Ich dachte, ein Charlotte-Ring ist was zum Backen", sagt Martina Radtke, die in Fleecepulli und Pantoffeln auf dem Blümchensofa sitzt und weder Schmuck noch Schminke trägt.

Sie gibt kein Geld für materiellen Luxus aus. Als Mädchen teilte sie sich mit den Schwestern ein Zimmer, danach lebte sie 18 Jahre lang in einem Wohnheim der Universität, an der sie als Tierpflegerin arbeitete. "Ich kannte es nicht anders."

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