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Preis-Absprachen gegen die Bahn:Das Schienen-Kartell von Hannibal Lecter und der Domina

Sie nannten sich Schienenfreunde: Ein Kartell von Stahlfirmen soll die Deutsche Bahn um Hunderte Millionen Euro gebracht haben. In einem italienischen Restaurant und unter dubiosen Decknamen haben die Unternehmer offenbar Preise abgesprochen.

Der Name klingt so schön harmlos und ist sonst den Anhängern von Modelleisenbahnen vorbehalten: "Schienenfreunde". So nannte sich auch ein Kartell von mehreren größeren und kleineren Stahlfirmen aus Nordrhein-Westfalen, Bayern, Niedersachsen, Berlin und Baden-Württemberg.

Gütertransport auf der Schiene zurückgegangen

Stahlpoesie auf dem Güterbahnhof in Dresden-Friedrichstadt.

(Foto: dpa)

Diese Schienenfreunde haben möglicherweise Ungesetzliches getan. 1998 begann das Kartell, und es soll etwa zehn Jahre gehalten haben. Die etwa zehn Unternehmen, die Schienen vor allem an die Deutsche Bahn, aber auch an Regional- und Industriebahnen, Nahverkehrskunden oder Bauunternehmen liefern, stehen im Verdacht, Einzelaufträge abgesprochen zu haben. Die Kunden hätten deshalb überhöhte Preise gezahlt. Der mögliche Schaden kann noch nicht beziffert werden, könnte aber nach Schätzungen bei einigen hundert Millionen Euro liegen.

"Der Fall hat gerade erst begonnen", sagte ein Sprecher des Bundeskartellamtes. Die Bonner Behörde ermittelte zusammen mit der Staatsanwaltschaft Bochum. Bundesweite Durchsuchungen wurden bereits am 11. und 12. Mai diesen Jahres durchgeführt. Diese richteten sich gegen etwa zehn Firmen und rund 30 Personen, teilte die Staatsanwaltschaft Bochum mit, die auf Wirtschaftsstrafsachen spezialisiert ist. Betroffen sind beispielsweise eine Tochter von Thyssen-Krupp und die österreichische Firma Voestalpine.

Würde sich der Verdacht illegaler Absprachen bestätigen, kann das Kartellamt hohe Geldstrafen gegen die beteiligten Unternehmen verhängen. Dazu kämen Schadenersatzansprüche. Die Deutsche Bahn teilte am Donnerstag mit, dass alles geprüft werde. "Sobald wir aus dem Ermittlungsverfahren ein klares Bild von dem Kartell haben, werden wir mögliche Ansprüche gegen die Kartellbeteiligten prüfen", sagte Gerd Becht, Vorstand Recht der Deutschen Bahn.

Thyssen-Krupp bestätigte den Vorfall. Parallel zu den Ermittlungen von Kartellamt und Staatsanwaltschaft seien bei der Konzerntochter GfT Gleistechnik interne Untersuchungen eingeleitet worden. Der Verdacht wettbewerbswidriger Absprachen gegenüber einer kleinen Zahl leitender Mitarbeiter haben sich dabei erhärtet, sagte ein Sprecher. Für ein solches Verhalten gebe es bei Thyssen-Krupp "null Toleranz". "Eine Handvoll" Leute aus der Führungsmannschaft sei bereits entlassen worden. Welchen Umfang die Absprachen hatten und welcher Schaden für die Abnehmer daraus entstanden sein könnte, wollte der Sprecher nicht sagen. GfT Gleistechnik hat 280 Mitarbeitern und einen Umsatz von 300 Millionen Euro.

Thyssen-Krupp ist von den Vorgängen überrascht worden. Der Konzern arbeite eng mit den Ermittlungsbehörden zusammen und habe auch die Ergebnisse der internen Untersuchungen weitergeleitet.

Die Treffen der Schienenfreunde fanden der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zufolge in der Duisburger Pizzeria "Da Bruno" statt. Diese wurde im August 2007 bundesweit bekannt, als vor dem Lokal sechs Mitglieder einer italienischen Mafia-Organisation erschossen wurden. Bei den Treffen verwendeten die Beteiligten demnach Tarnnamen, etwa "Hannibal Lecter", "das Brüderchen" und "die Domina". Das Kartell sei zerbrochen, als Arcelor-Mittal die Preise der anderen deutlich unterboten habe.