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Prager Frühling:Der atemberaubende Wandel der sozialistischen Tschechoslowakei

Panzer in Prag 1968

Mit Panzern beendete die Sowjetunion die Wirtschaftsreformen in der Tschechoslowakei. Szene in Prag am 21. August 1968.

(Foto: Libor Hayskr/AP)

Im März 1968, mitten im Kalten Krieg, begannen unerwartet die Wirtschaftsreformen im Land. Doch lange währte die neue Freiheit nicht.

Manchen erschien es wie ein Wunder. Im Frühjahr 1968, mitten im Kalten Krieg, begann sich die sozialistische Tschechoslowakei unerwartet und auf atemberaubende Weise zu reformieren. Der stalinistische Chef der Kommunistischen Partei, Antonín Novotný, wurde gestürzt; an seine Stelle trat der Reformer Alexander Dubček. Eine der ersten und folgenreichsten Reformen war die Abschaffung der Zensur am 4. März 1968.

Es kam zu einer "explosionsartigen Entfaltung von Öffentlichkeit", wie der Münchner Historiker Martin Schulze Wessel in seiner gerade erschienenen Monografie ("Der Prager Frühling") schreibt. Über Nacht gab es in Prag keine Tabus mehr, weder die Verbrechen des Stalinismus noch die führende Rolle der Kommunistischen Partei. Studenten konnten ungestraft den Rücktritt der Regierung fordern. Die Gesellschaft "schwamm auf einer Welle der massenhaften Trunkenheit von Demokratie", schrieb der Reformer Čestmír Císař rückblickend. Ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" - so die Parole - schien möglich.

Zu "bürgerlich" und "individualistisch" erschien ihnen Kafka

Am 5. April 1968 beschloss das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ihr Reformprogramm. Es war vor allem eines zur Erneuerung der maroden sozialistischen Wirtschaft. Staatsbetriebe erhielten mehr unternehmerische Freiheit. Waren sollten nicht mehr zugeteilt, sondern auf Märkten gehandelt werden. In den Betrieben wurden Arbeiterräte eingerichtet. Auch Privateigentum gab es wieder.

Prager Frühling

Das blutige Ende des Fortschritts

Ob die Reformen die materielle Lage der Tschechen und Slowaken tatsächlich verbessert hätten, weiß niemand, denn die Truppen der Sowjetunion und ihrer Verbündeten besetzten das Land am 21. August 1968 und machten der Freiheit und dem Markt für 21 Jahre ein Ende. Erst im Dezember 1989 befreite sich die Tschechoslowakei in der "Samtenen Revolution" von der kommunistischen Diktatur.

Die Akteure dieser Revolution, darunter einige Veteranen aus dem Prager Frühling, versuchten sich gar nicht erst an einer Mischung aus Sozialismus und Kapitalismus, sondern führten eine "Marktwirtschaft ohne Adjektiv" ein - ökonomisch sehr erfolgreich, politisch jedoch mit problematischen Begleiterscheinungen. In Tschechien, wie in den meisten Ländern Osteuropas, grassiert der Rechtspopulismus. Umso wichtiger ist es, sich heute, mit 50 Jahren Abstand, des Prager Freiheits-Erlebnisses von 1968 zu erinnern.

Die Wirtschaftsreformen hatten zwei Wurzeln, eine rein ökonomische und eine intellektuelle. Letztere ist, aus heutiger Perspektive überraschend, eng mit dem Namen Franz Kafka (1883 - 1924) verbunden. Die Kommunisten hatten die Bücher des berühmtesten Schriftstellers Böhmens groteskerweise verboten - zu "bürgerlich" und "individualistisch" erschien ihnen Kafka, der in seinen Romanen "Der Prozess" und "Das Schloss" die Entfremdung des modernen Menschen wie kein anderer beschrieben hatte.

Dann jedoch, im Mai 1963, bekam der Literaturhistoriker Eduard Goldstücker unverhofft die Genehmigung, auf Schloss Liblice (Lieblitz) eine Kafka-Konferenz zu veranstalten. Die Konferenz rehabilitierte den Schriftsteller nach heftigen Debatten. Dabei blieb es aber nicht. Wer Kafka gelesen hatte, der stellte Fragen: Waren nicht gerade die Kommunistische Partei und ihr Apparat der Inbegriff des Kafkaesken?

So gab es einen Ökonomen namens Ota Šik. Während des Krieges war Šik im kommunistischen Widerstand gegen die Deutschen gewesen und hatte das KZ Mauthausen überlebt. In den 1960ern war er Mitglied im ZK der KP und in der staatlichen Plankommission. Šik schrieb: "Die Analyse der Werke von Kafka, in welchen der menschenverachtende Selbstzweck und die anwachsende Sinnlosigkeit der bürokratischen Maschine unnachahmlich dargestellt werden, bildete eine einzigartige Gelegenheit, um indirekt die Bürokratisierung der 'sozialistischen' Gesellschaft und die Entfremdung der Menschen anzuprangern." Auch die Betonköpfe erkannten die Sprengkraft von Kafka. Mit der Konferenz von Liblice habe das "konterrevolutionäre Wüten" in Prag begonnen, schrieb der DDR-Schriftsteller Alfred Kurella.