Porzellan:Richtige Porzelliner erkennt man am Augenleuchten

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"Wir fertigen die Kollektionen von Designern und eigene Kollektionen", sagt Geithel. Kleine Stückzahlen, alles, was nicht in einer Fabrik entstehen kann. Es ist schon Abend, sie führt durch die leere Produktionshalle, die Maschinen stehen still, aber das meiste wird hier sowieso mit der Hand gemacht. Löcher ausstanzen, den Scherben mit einem Schwamm formen, Tiere aus mehreren Teilen zusammensetzen. Geithel läuft an Maltischen mit Farbtöpfen und Pinseln vorbei, ihre Augen leuchten, wenn sie erklärt, wie der Scherben gedreht, bemalt und gebrannt wird.

Richtige Porzelliner erkennt man am Augenleuchten, wenn sie über Porzellan sprechen. Denn sie lieben ihren Werkstoff, einen der ältesten der Menschen, er kann 20 000 Jahre in der Erde liegen und genauso wieder ausgegraben werden, er kann fast jede Form annehmen. Wenn er gebrannt wird, schrumpft er um 17 Prozent, stimmt die Form nicht, fällt er in sich zusammen, manchmal ist diese Liebe auch eine Hass-Liebe.

Christian Strootmann, 54, Vorstandsvorsitzender des führenden deutschen Porzellanherstellers, der BHS Tabletop AG, hat keine leuchtenden Augen, wenn er über Porzellan spricht, er ist mehr Geschäftsmann als Porzelliner.

Zurück in Oberfranken, in Selb, dem Ort mit der glorreichsten deutschen Porzellanvergangenheit, wo etwa Rosenthal und Hutschenreuther herkommen. BHS Tabletop, ehemals die Hutschenreuther AG, ist jetzt der Weltmarktführer in der Herstellung von Porzellan für Hotels, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung, macht 121 Millionen Euro Umsatz, beschäftigt 1150 Mitarbeiter.

Strootmann, der früher Düfte und Säfte vermarktet hat, sagt: "Wir verkaufen nicht einfach Teller und Tassen, sondern Dienstleistungen, Servicepakete, Logistikkonzepte, Verlässlichkeit und Design." BHS Tabletop hat sich auf Porzellan in der Außerhausverpflegung spezialisiert - Flugverkehr, Schifffahrt, Krankenhäuser, Kantinen, Altenheime, Restaurants.

Alles, nur kein Haushaltsporzellan verkaufen, das ist die zweite Option. (Ein weiterer Beleg: Auch in der Herstellung künstlicher Hüftgelenke wird Porzellan immer beliebter.)

"Das Porzellan, von dem du isst, das bist du."

In jedem der Bereiche gebe es besondere Anforderungen, sagt Strootmann. Das Geschirr in Flugzeugen muss besonders leicht sein, in Kantinen besonders gut stapelbar, es gibt Teller mit Chips, die das Bezahlen beschleunigen. In Altenheime werden Schüsseln mit zwei Henkeln geliefert, zu Krankenhaustellern passende Plastikdeckel verkauft, den Hygienerichtlinien entsprechend. Auch in Restaurants und Hotels muss Geschirr heute schick aussehen, sagt Strootmann, "es geht um Funktion, aber das Design wird immer wichtiger".

Ein paar Kilometer entfernt in Weiden. Im Werk des Unternehmens sieht man kaum noch Menschen, dafür Roboter, die "stumme Mitarbeiter" heißen. Hier wird nicht gedreht oder bemalt, sondern gepresst, gestanzt, gebrannt, 55 000 Teller pro Tag. Porzellanherstellung, das ist hier industrielle Massenproduktion.

Porzellan, einst Ausdruck von Reichtum und Macht, ist für die meisten Menschen also zu einem Gebrauchsgegenstand geworden, den sie etwa in Form eines Tellers für 1,99 Euro bei Ikea kaufen, ohne darüber nachzudenken, dass es sich dabei eigentlich um Kulturgut handelt.

Es gibt Künstler wie David Lehmann, die glauben, dass sich das wieder ändert. Letzte Station München, Obersendling. Lehmann, Anfang 30, ist Industriedesigner, vor ein paar Jahren hat er im Science-Magazine gelesen, dass keramische Gefäße nicht wie bislang angenommen vor 10 000, sondern vor 20 000 Jahren erfunden wurden. "Das bedeutet: Ein rundes, im Feuer gehärtetes Gefäß ist eines der ältesten Produkte der Menschheit."

Normalerweise macht Lehmann Stühle, Taschen und Kristallgläser, jetzt baut er auf dem Tisch in seinem Atelier ein Porzellanservice auf. Für ihn ist Porzellan Kulturgut, deswegen will auch er Kulturgut schaffen. Sein Service hat sechs Teile, sechs Teile für alles in puristischem Weiß.

Der kleine Becher zum Beispiel kann Eierbecher, Espressotasse, Sauciere oder Eisbecher sein. Alltagstauglich, platzsparend, in Deutschland produziert, Porzellan für die heutige Zeit, sagt Lehmann. Eine Zeit, in der es wichtiger wird, wo Dinge herkommen, wie sie produziert werden, dass sie lange halten. Es ist ein Experiment.

Ein teures Experiment, viele Tausend Euro hat es ihn schon gekostet, seine Freunde haben ihn für verrückt erklärt. Einige Restaurants und Bars verwenden sein Geschirr schon, aber ob es auch Privatpersonen kaufen werden, ob er sein Geld je wiedersehen wird - keine Ahnung. Klar, sei das ein Risiko, sagt Lehmann, aber letztlich gehe es doch darum, grundsätzlich darüber nachzudenken, wie wichtig einem Esskultur sei. Was man esse, wie man esse - und von was. "Das Porzellan, von dem du isst, das bist du", sagt David Lehmann.

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