bedeckt München

Porzellan:Auf den Spuren des weißen Goldes

kahla

Auferstanden: Kahla, einst das Zentrum der DDR-Porzellanindustrie in Thüringen, lebt heute erfolgreich in der Marktwirtschaft.

(Foto: OH)

Nach der Wende zerbrach Deutschlands Porzellanindustrie. Doch ein paar Unternehmen sind wieder erfolgreich. Wie schaffen sie das?

Von Sophie Burfeind, Arzberg

Peter Weger, der Stadtarchivar, sitzt in einem alten Klassenzimmer vor einem kastenförmigen Computer und schaut sich auf Youtube die Sprengung des Braunkohlekraftwerks Arzberg an. "Oh weh!", ruft er, als der Kühlturm in sich zusammenstürzt und schlägt sich die Hände vors Gesicht. "Was hatten wir alles! Und jetzt ist alles verloren!" Das Kraftwerk gibt es seit sieben Jahren nicht mehr, noch immer fassungslos starrt Weger durch seine verschmierten Brillengläser auf den Monitor. "Fabriken hatten wir! Porzellan! Schuhe! Wäsche!" Jeder Satz ein Ausrufezeichen. Er druckt ein paar Artikel über frühere Arzberger Fabriken bei Wikipedia aus.

Peter Weger ist 74 Jahre alt, er arbeitete erst in der Stadtverwaltung, als er in Rente ging, übernahm er das Archiv in der alten Schule am Friedhof. Als die Schule schloss vor mehr als 40 Jahren, kam es dorthin. Es sieht noch so aus wie damals, alte Klassenfotos, alte Urkunden, nur dass sich auf den Schultischen jetzt Papierberge türmen und in Vitrinen, die in den Gängen stehen, die Porzellanteller stapeln.

Es sieht so aus, als hätten Weger und seine Vorgänger versucht, hier drinnen die Zeit festzuhalten, die draußen viel zu schnell verging. "Na gucken Sie sich doch an, wie es hier jetzt aussieht!"

Leere Häuser, leere Straßen, Schaufenster, in denen zwar noch Blümchentassen liegen, an deren Scheiben aber schon diese schwarzen Schilder mit Telefonnummer hängen: "Haus zu verkaufen". Arzberg in Oberfranken war einmal eine der Porzellanhauptstädte Deutschlands, so wie Deutschland einmal die Porzellanhochburg Europas war. Es waren 260 Hersteller, 29 000 Beschäftigte, nach der Wende brach alles zusammen. In Arzberg gab es einmal vier Porzellanfabriken, drei sind schon abgerissen, die vierte ist bald dran.

Von Arzberg aus gesehen kann eine Geschichte über Porzellan nur traurig werden. Dabei ist sie gar nicht so traurig - zumindest, wenn sie woanders spielt.

In Arzberg aber kann man so gut wie vielleicht nirgendwo sonst lernen, was Porzellan einmal bedeutet hat. Anneliese Röhrig könnte stundenlang über Porzellan reden. Weil es edel ist, weil es alles schöner macht, den Tisch, den Alltag, das Leben. Ihre Enkelin war schon zweimal Porzellankönigin, das mit dem Porzellan im Blut habe sie von ihr. Röhrig, das weiße Haar in Locken gelegt, 70 Jahre alt, arbeitet im Arzberger Martinslädchen. Ein Laden für Bedürftige, gebrauchte Kleidung, gebrauchte Schuhe, alles für ein paar Euro.

Sie nimmt eine Porzellantasse mit Blumen aus dem Regal und dreht sie um, sodass man den Stempel des Herstellers sieht. Arzberg, ihre Lieblingsmarke. "Das ist die typische Bewegung eines Oberfranken, man will ja wissen, woraus man trinkt, nicht wahr?" Sie lacht. Dann lächelt sie verschwörerisch. "Und wissen Sie, was Sie machen, wenn Sie an einer fremden Kaffeetafel nachschauen wollen? Sie halten ein poliertes Messer unter die gekippte Tasse!" Danach sagt Anneliese Röhrig das, was einem viele hier in Arzberg sagen: "Porzellan ist für mich Heimat. Das weiße Gold zählt halt was." Unter dem Stichwort "weißes Gold" findet man bei Wikipedia heute auch Kokain.

Zur SZ-Startseite