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Porträt:Veganes Prada

Warum muss es immer Leder sein? Handtaschen kann man auch aus Apfelresten erzeugen, wie die Design-Schmiede Miomojo in Bergamo zeigt.

Von Marcel Grzanna

Die Auswahl an veganer italienischer Küche ist in Bergamo zur Mittagszeit überschaubar, beklagt Claudia Pievani. Die Designerin wählt in ihrer Heimatstadt in der Lombardei deshalb gerne die Linsenpasta, wenn sie mit Freunden zum Essen geht. Auf pflanzliche Ernährung legt sie wert, weil ihr das Tierwohl wichtig ist. Konsequent geht sie den gleichen Weg mit ihrer Firma Miomojo, die Mode und Accessoires im modern klassischen Stil herstellt. Als "veganes Prada" bezeichnete das Pariser Eluxe-Magazin die Marke.

"Ich nehme diese Bezeichnung demütig zur Kenntnis, aber bis dahin haben wir schon noch einen sehr weiten Weg zu gehen", sagt Pievani, die auch fließend Deutsch spricht. Vier Jahre lebte sie zu Beginn des Jahrtausends in Heidelberg und studierte dort BWL. Die Entwicklung von Miomojo treibt die 40-Jährige zielorientiert voran. Über deutsche Kunden wie Rossmann, DM oder Müller verschaffte sie sich in den ersten Jahren die nötigen Aufträge für ihre Accessoires. Die Kontakte nach Deutschland hatte Pievani als ehemalige Exportleiterin eines Modekonzerns knüpfen können.

Vegan wollte sie von Beginn an produzieren. Fast empört reagiert sie, wenn man sich vergewissert, ob sie dem Ethos seit der Firmengründung 2014 treu geblieben sei. "Das steht außer Frage", sagt sie. Tatsächlich muss Leder nicht mehr zwingend aus der Haut von Tieren produziert werden. Miomojo ist eines von einer wachsenden Zahl an Unternehmen, die sich vorhandener Alternativen bedienen. In ihrer neuen Linie Prima Linea nutzt Firmenchefin Pievani erstmals Apfel- und Kaktusleder für eine Handtaschen-Kollektion. Das ungeschulte Auge erkennt wohl kaum einen Unterschied zum Tierprodukt.

Apfel oder Kaktus als Grundstoffe machen die Taschen allerdings nicht günstiger als solche aus klassischem Rohstoff. Die Handtaschen erreichen Preise von mehreren Hundert Euro, aber gelten in der Branche als konkurrenzfähig. "Die Taschen sehen gut aus und liegen absolut im Trend. Auch die Preise sind angemessen", sagt Julia Veiga Martinez aus Köln, Inhaberin der Agentur VM3 zum Vertrieb von Mode aus Südeuropa bei ihrem Blick auf die Taschen im Onlineshop von Miomojo.

Ein Zentrum für die Herstellung für Apfelleder ist Südtirol, wo etliche Apfelplantagen bei der Saftproduktion natürliche Abfälle hinterlassen. Die Pressrückstände, sogenannte Trester, werden getrocknet und pulverisiert und anschließend mit Farbstoffen und Bindemitteln vermischt. Die Masse wird danach in mehreren dünnen Schichten auf Baumwoll-Leinwände aufgetragen und getrocknet. Das Endprodukt kann dann beliebig gestanzt, geschnitten und geformt werden. Während das Apfelleder seit etwa drei Jahren auf dem Markt ist, gilt Kaktusleder als absolute Neuheit in der Vegan-Branche. Erfunden wurde es in Mexiko von zwei Unternehmen. Es gilt als widerstandsfähig und qualitativ hochwertig. Nach zehn Jahren ist es teilweise biologisch abbaubar. Vorgestellt wurde es im vergangenen Jahr in Mailand. Für Miomojo ist es eine weitere Alternative. "Ein Teil unserer Arbeit besteht darin, neue vegane Produkte aufzuspüren und verlässliche Lieferketten aufzubauen. Bei neuen Produkten ist das die größte Herausforderung", sagt Miomojo-Chefin Pievani. Ihre Taschen lässt sie bei einem Hersteller in Padua fertigen, der vornehmlich für Luxusmarken arbeitet. Anfangs musste Pievani Überzeugungsarbeit leisten, um die Manufaktur als Partner zu gewinnen.

Zunehmend beliebt als Basisstoff sind auch Bananenfasern, Ananas oder Kaffeesatz, die in spezifischen Verfahren zu verwertbaren Stoffen für die Herstellung von Textilien, Schuhen oder Accessoires verwendet werden. Aber auch Plastikmüll oder alte Fischernetze, die recycelt werden, finden zunehmend das Interesse von Modelabels. Ältere Kollektionen von Miomojo bestehen bereits aus diesen Materialien. Und auch große Designer oder Händler haben Alternativen im Angebot. Prada beispielsweise sorgte im vergangenen Jahr für Aufsehen, als es seine Re-Nylon-Taschen vorstellte. Modeketten wie H&M oder Zara, aber auch der Sportartikelhersteller adidas setzen vereinzelt auch auf wiederaufbereitete Materialien. Auch für das Marketing sind das wertvolle Produktlinien. Auf breiter Fläche planen die großen Unternehmen aber noch nicht mit alternativen Stoffen.

Vegane Leder sind für Gerbereien und Tierleder-Hersteller zwar noch keine unmittelbare Bedrohung ihres Geschäftsmodells, doch der gesellschaftliche Trend zu nachhaltigem Wirtschaften könnte sie zunehmend unter Druck setzen. Die traditionelle Branche argumentiert, dass kein einziges Tier für die herkömmliche Lederproduktion sterben müsse. Rinder, Schweine, Schafe oder Ziegen würden wegen ihres Fleischs geschlachtet, nicht wegen ihrer Haut. Stattdessen würde die Lederproduktion eine kostenaufwendige Entsorgung der Tierreste verhindern.

Fraglos aber ist die Gerberei eine größere Umweltsünde als die Produktion von Apfel- oder Kaktusleder, vor allem auch wegen des erhöhten Einsatzes von Chemikalien. Hinzu kommen niedrige Umweltstandards in Ländern wie Indien, einer der führenden Exportmärkte für Rindfleisch und die Produktion von Rindsleder. Allerdings ist auch Apfelleder nicht frei von Chemie. Um die Trester zu binden, wird Polyurethan eingesetzt, ein Wirkstoff, dessen Umweltfreundlichkeit umstritten ist. PU, wie es geläufig heißt, dichtet und ist sehr biegsam. Hergestellt wird es aus Erdöl unter hohem Energieaufwand und mit einer großen Menge an Chlor. Umweltverbände warnen davor, dass beim Verbrennen giftige Gase entstehen.

Dennoch sind zunehmend viele Kunden von den neuen Materialien überzeugt, was kleinen Design-Schmieden wie Miomojo zugute kommt. Zweistellige Wachstumsraten verzeichnete das Unternehmen seit seiner Gründung. Die Corona-Pandemie bremst nun das Geschäft. "2020 wäre unser bestes Jahr geworden. Den Rückschlag konnten wir aber noch gut verkraften. Das nächste Jahr könnte allerdings schwierig werden", prophezeit Pievani. Viele Händler würden noch auf alten Kollektionen sitzen. Neue Bestellungen würden sie zunächst hinten anstellen.

© SZ vom 18.11.2020
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