Porträt:Endlich angekommen

Porträt: "Meine Integration in Deutschland bedeutete, ich musste mich noch einmal neu sozialisieren." Zane Grike

"Meine Integration in Deutschland bedeutete, ich musste mich noch einmal neu sozialisieren." Zane Grike

(Foto: Oliver Farys)

Wie schwierig ist die Integration in Deutschland? Die Lettin Zane Grike kann davon erzählen.

Von Helga Einecke

Über Integration wird nun angesichts der vielen Flüchtlinge wieder viel gesprochen. Eine, die erfahren hat, was leben, lernen und arbeiten in einer "fremden" Gesellschaft bedeutet, ist die Lettin Zane Grike. Schon als Kind wollte sie ganz genau wissen, warum die Welt so ist, wie sie ist. Und sie wollte raus aus ihrer Welt. Also schlüpfte sie in ihre Turnschuhe, lief Runde um Runde auf dem Sportplatz in Riga. Sie träumte von einem Fahrrad, wollte Journalistin werden, studieren. Das alles konnte sie in Lettland nicht.

Deshalb bewarb sie sich als Au-pair, landete mit 19 Jahren bei einer Familie in Darmstadt, obwohl sie nur Russisch und Englisch sprach. Sie lernte Deutsch in der Volkshochschule, Deutsch für die Hochschulreife genau genommen. Es folgt ein Studium der Soziologie in Mainz. "Meine Integration in Deutschland bedeutete, dass ich mich noch einmal neu sozialisieren musste", sagt sie im Rückblick. Eine Geschirrspülmaschine hatte sie noch nie bedient, vor der ersten Banküberweisung stand sie wie der Ochs vor dem Berg. Alles dauerte lang. So vieles in der deutschen Wohlstandsgesellschaft war ihr völlig fremd. "Man integriert sich ja nicht nur über die Sprache", sagt sie. Ihre Eltern konnten sie nicht finanziell unterstützen, machten ihr aber aus der Ferne immer Mut. Also arbeitete sie neben dem Studium als Kindermädchen und brauchte auch deshalb sieben Jahre bis zum Diplom. Dann kamen die Bewerbungen - und die Bewerbungsgespräche. Warum sie so lange studiert habe, keine Praktika vorwies, keinen Führerschein habe, wollten die Personaler von ihr wissen. Erst bei der Bahn passte es.

Da spielte der Führerschein keine Rolle, ihre Diplomarbeit zur Infrastruktur in Deutschland kam an, vor allem aber sie selbst. "Ich habe mit meiner neuen Chefin Glück", sagt Grike. Seit September ist die 31-Jährige bei DB Netz - nach einem Praktikum-Vorlauf - fest angestellt, man kann sagen, sie ist endlich angekommen. Nun kümmert sie sich um internationale Kooperation, fährt nächstes Jahr zum ersten Mal in ihrem Leben nach Paris.

Wird sie sich vom ersten Gehalt ein Fahrrad kaufen? Zane überlegt. Nein, sagt sie, erst mal ein Paar Laufschuhe ohne auf den Preis zu schauen. Denn das Laufen hat ihr geholfen in all den einsamen Jahren der Integration. Mit dem Laufen verbringt sie ihren Urlaub, das ist ihr Ding. Sie hat den Women's Run und den B2Run in Frankfurt und den Fürth-Halbmarathon gewonnen, was sie stolz erwähnt.

Künftig kann sie auch mit anderen Bahn-Mitarbeitern gemeinsam starten, auch das ist ihr wichtig. Nicht mehr alles allein bewältigen zu müssen. Klar, sie hat einen Freund und eine Freundin, mit der sie zusammen wohnt. Und sie genießt es, in Deutschland als Frau weniger nach ihrem Äußeren beurteilt zu werden. "Frau sein in Lettland ist anders als in Deutschland", sagt sie diplomatisch. In Riga würden Mädchen eher zum Klavierspielen und Jungen eher zum Sport animiert.

Die Bahn gibt an, unabhängig von Noten, Herkunft und Sprache jedem eine Chance zu geben. Ihre 200 000 Mitarbeiter kommen aus 100 Nationen. Aber bei der DB Netz, die alle Infrastrukturbestandteile wie Gleise, Weichen, Schotter managt, ist Zane schon eine - willkommene - Ausnahme. An ausländischen Fachkräften werden meist Ingenieure gesucht. Dafür kooperiert die Bahn mit einer Hochschule in Rumänien. Ingenieure, die nach Deutschland kommen, erhalten Hilfen bei der Sprache, der Wohnungssuche, Behördengängen. Paten aus dem Kollegenkreis sollen den Start erleichtern. Von solch einer Unterstützung konnte Zane nur träumen. Dafür aber weiß sie heute eine ganze Menge mehr darüber, warum die Welt so ist, wie sie ist.

© SZ vom 28.09.2015
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