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Porträt:Der Milliardär mit dem Honda Accord

Wenig Sinn für Luxus: Für edle Büroausstattungen gibt Jeff Bezos, 55, kaum Geld aus. Am Anfang baute er Schreibtische aus alten Türen. Schwach wird er allerdings, wenn es um die Raumfahrt geht.

(Foto: SAUL LOEB/AFP)

Amazon-Gründer Jeff Bezos ist der reichste Mann der Welt. Seine auffälligste Eigenschaft aber ist: seine Sparsamkeit.

Jeff Bezos liebt Filme. Das mag banal klingen, viele Menschen lieben Filme, aber in Bezos Fall ist es interessant, weil diese Liebe ihn bisweilen dazu bewegt, von einem seiner eisernsten Prinzipien abzuweichen: dem Prinzip der Sparsamkeit. Der 55 Jahre alte Amazon-Gründer ist aus vielerlei Gründen zum reichsten Menschen der Welt geworden. Weitsicht, Ideenreichtum, Fleiß, Brutalität und Unnachgiebigkeit wären unter anderem zu nennen, aber eben immer auch Sparsamkeit. Im Jahr 1997, als er bereits Milliardär war, fuhr er immer noch in einem Honda Accord durch Seattle. Das sei ein tadelloser Wagen, sagte er damals. 1999 ersetzte er ihn durch einen Volvo, auch nicht unbedingt ein Angeber-Auto.

Mit seinen Amazon-Studios gibt er Milliarden von Dollar für Filme und Serien aus, durchaus mit Erfolg. Die Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" wurde mit einem Emmy ausgezeichnet, der Film "Manchester By the Sea" gar mit einem Oscar. Dem Wall Street Journal zufolge hat Bezos ein persönliches Interesse an den Produktionen. Als das Studio die Rechte von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Romanreihe "Der Herr der Ringe" erwerben wollte, um daraus eine Serie zu machen, schrieb er persönlich an Tolkiens Erben, um ihnen zu versichern, dass das Werk bei ihm in guten Händen sei. Er zahlte dann 250 Millionen Dollar für die Rechte, geplant sind zunächst 20 Folgen, von denen jede zehn Millionen Dollar kosten soll. So teuer war bisher nur die Serie "Game of Thrones". Bezos, so ist zu lesen, wollte das Projekt unbedingt, so dass der Preis fast zweitrangig wurde.

Seine Sparsamkeit ist legendär. Der Überlieferung zufolge sah er während der Einrichtung des ersten Büros, dass im Baumarkt gegenüber Türen im Sonderangebot waren. Also kaufte er Türen und schraubte diese auf Böcke. Das war billiger, als Schreibtische zu kaufen. Bis heute würdigt Amazon Ideen, die dabei helfen, die Kosten zu senken, mit einem "Door Desk Award", dem Tür-Tisch-Preis.

Gegen die geplante Zentrale in New York gab es viel Protest. Da kippte er das Projekt

Diese Sparsamkeit hat ihn auch immer wieder zur Zielscheibe von Kritik gemacht. Die Löhne in seinen Distributionszentren sind niedrig, erst auf öffentlichen Druck erklärte sich Bezos 2018 bereit, zumindest seinen amerikanischen Mitarbeitern den Mindestlohn zu zahlen. Steuern zahlt er wenig, bisweilen gar nicht. Besonders der demokratische Senator Bernie Sanders hatte ihn öfter kritisiert und ein nach Bezos benanntes Gesetz angeregt, um Großunternehmen zu verpflichten, ihre Angestellten ordentlich zu bezahlen.

Als Amazon ein zweites Hauptquartier in New York bauen wollte, führte die demokratische Senatorin Alexandria Ocasio-Cortez den Protest dagegen an, weil sich der Konzern von der Stadt Subventionen in Milliardenhöhe hatte zusichern lassen. Amazons Argument: Im Gegenzug entstünden Tausende Arbeitsplätze. Unter anderem hatte Amazon eine Genehmigung für einen Hubschrauberlandeplatz erwirkt, was die lokale Boulevard-Zeitung New York Post dazu bewog, eine Karikatur von Bezos in einem Hubschrauber voller Geldsäcke zu drucken. Amazon zog sich von dem Projekt zurück. Mehrere Medien vermuteten, Bezos habe schlicht keine Lust auf die negative Publicity gehabt.

Von ebensolcher hatte er reichlich, als er Anfang des Jahres verkündete, dass er sich nach gut 25 Ehejahren von seiner Ehefrau MacKenzie Tuttle Bezos scheiden lasse. Die beiden hatten sich beim New Yorker Finanzdienstleister D.E. Shaw kennengelernt und 1993 geheiratet, sie haben vier Kinder. Da sie keinen Ehevertrag ausgehandelt hatten, wurde allenthalben darüber spekuliert, welch enorme Summe Bezos würde zahlen müssen und ob nun ein Rosenkrieg bevorstünde. Die beiden haben sich gütlich geeinigt, MacKenzie Bezos erhält 38 Milliarden Dollar.

Das Boulevardblatt National Enquirer hatte damals Bilder veröffentlicht, die Bezos mit seiner neuen Freundin Lauren Sanchez zeigten. Zudem versuchte es, Bezos zu erpressen. Man habe, ließ das Blatt ihn wissen, unter anderem ein Selfie, das ihn unter der Gürtellinie zeige. Bezos ging in die Offensive und machte das Schreiben öffentlich. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er die Sache für politisch motiviert hielt, da David Pecker, der Verleger des National Enquirer, dem Präsidenten Donald Trump nahesteht und diesem auch früher schon Gefallen getan hatte.

Das war ein gewagtes Manöver, denn nun war in der Welt, dass es die Fotos gab, aber es war erfolgreich. Bezos erhielt viel Lob für seinen Vorstoß und dafür, dass er sich nicht hatte erpressen lassen. Dass Bezos vermutet, Trump könne ein Interesse daran haben, ihm zu schaden, liegt daran, dass er im Jahr 2013 die Washington Post für rund 250 Millionen Dollar gekauft hat. Die Post berichtet oft kritisch über Trump. Zudem unterhält sie einen Faktencheck-Dienst, der sämtliche Unwahrheiten Trumps penibel auflistet, was dem Präsidenten offenbar sehr auf die Nerven geht.

Auf Twitter beschimpfte er die Faktenchecker als "Fake News", obwohl sie tatsächlich nichts anderes tun, als seine Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Jeff Bezos verhöhnte er als "Jeff Bozo", als "Jeff Depp". Die Post nennt er gern "Amazon Washington Post". Spötter merken an, dass Trump vermutlich vor allen Dingen neidisch darauf sei, dass Bezos so viel mehr Geld habe als er selbst.

Dass Bezos bei Filmen nicht auf den Cent schaut, mag einer Leidenschaft geschuldet sein. Das zweite Projekt, bei dem Geld nicht die Hauptrolle spielt, ist seine wahre Mission. Im Jahr 2000 gründete er das Weltraumprogramm Blue Origin. Zur Finanzierung zweigt er jedes Jahr eine Milliarde Dollar ab. Sein Ziel ist es, in absehbarer Zeit mit einem wiederverwendbaren Raumschiff selbst ins All zu fliegen. Mittel- bis langfristig soll die Firma dabei helfen, den Mond und andere Planeten zu besiedeln. Dies sei sein wichtigstes Projekt, hat Bezos öfter gesagt. Seine Kritiker werfen ihm vor, er strebe nach der Weltherrschaft. Seine Freunde sind der Ansicht, er habe all das viele Geld nur verdient, um sich den Traum vom Weltraum zu erfüllen.

© SZ vom 06.07.2019
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