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Bei uns in Buenos Aires:Schöne neue Konsumwelt

Was tun, wenn einem der Stress über den Kopf wächst? Die Lösung aus Silikon heißt "Pop It" - und macht sich nebenbei auch ganz hervorragend im Tiefkühlfach.

Von Christoph Gurk

Es war Mitte Mai, als die ältere Tochter nach Hause kam und sagte, sie brauche jetzt wirklich, ernsthaft und ohne Frage auch ein "Pop It". Betretenes Schweigen, fragende Blicke, dann ergab eine kurze Suchanfrage im Netz, dass ein Pop It im Prinzip kaum mehr ist als ein flaches Förmchen aus Silikon, ähnlich derer, mit denen man Eiswürfel machen kann. Allerdings füllt man das Pop It nicht mit Wasser und man legt es auch nicht ins Tiefkühlfach. Stattdessen hält man es in den Händen und stülpt mit den Fingern die kleinen Noppen auf seiner Oberfläche um, eine nach der anderen. Wenn man fertig ist, dreht man das Förmchen um und fängt wieder von vorne an. Schöne neue Konsumwelt.

Es gibt Pop Its in allen Formen und Farben, rot, blau, grün, gelb, bunt, als Herzchen, Regenbogen, Einhorn, Stern. Ein riesen Trend, sagt das Internet, und die Tochter bestätigt das eifrig nickend: Alle in der Schule hätten ein Pop It!

Grundsätzlich will man solchen Bedürfnissen natürlich nicht im Wege stehen. Zwar ist nach abermaliger Netzrecherche klar, dass ein Pop It durchaus eine Anschaffung fürs Leben ist, mit einem Kaufpreis, der nun wirklich in keinerlei Verhältnis zu den tatsächlichen Produktionskosten steht. Am Ende aber greift die Tochter selbst in die Tasche beziehungsweise ihre Spardose und die nächsten Tage sieht man sie kaum ohne Pop It in der Hand.

Mit etwas Abstand betrachtet ist das natürlich interessant, nicht nur aus Marketing-Sicht, sondern auch psychologisch. Schließlich wurden Pop Its angeblich mal entwickelt, um Heranwachsenden beim Stressabbau zu helfen. Spiegelt sich hier also in einem Spielzeug die Gesamtverfassung der Gesellschaft oder gar unserer Zeit wieder?

Schon klar, Alkohol ist keine Lösung

Tatsächlich sind die Zeiten ja alles andere als einfach, erst recht in Argentinien, wo zur Pandemie noch eine verheerende Wirtschaftskrise hinzukommt. Und während in Europa schon wieder von Entspannung, Öffnung und Urlaub die Rede ist, steigen in Südamerika die Infektionszahlen in immer neue Höhen.

Um das neue Pop It in der Schule vorzuführen, bleibt daher leider auch kaum Zeit, denn schon ist der nächste Lockdown da. Restaurants zu, Schulen zu, nicht mal mehr auf Spielplätze darf man gehen. Die Tage verrinnen, werden zu Brei. Doch dann, an einem Abend, fällt der Blick der müden Augen auf etwas Buntes unter dem Sofa: Das Pop It, verstaubt und längst vergessen von der Tochter. Vorsichtig stülpt man mit dem Finger eine der Noppen um, dann noch eine, dann noch eine. Entspannung? Geht so.

Aber nun, wo das Ding schon mal da ist, stellt sich eine viel drängendere Frage: Könnte man das Silikonförmchen nicht tatsächlich dazu benutzen, um Eiswürfel zu machen? Denn natürlich ist das Pop It eigentlich für andere Zwecke gedacht und Alkohol sowieso keine Lösung. Während die Tochter aber meinte, in diesen Zeiten ein Anti-Stress-Spielzeug zu brauchen, hat man selbst das Gefühl, etwas ganz anderes zu benötigen: einen sehr, sehr starken Drink.

© SZ/vit
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