Policendarlehen Schnelles Geld

Ein neues Sofa kann teuer sein.

(Foto: imago/Hohlfeld)

Wer eine Kapitallebens- oder eine Rentenversicherung hat, kann sie beleihen, um schnell an Geld zu kommen. Das kann günstiger sein als ein Bankkredit. Doch die Altersvorsorge geht verloren, wenn man das Geld nicht zurückzahlt.

Von Caroline Biallas, Köln

Woher schnell Geld bekommen, wenn das Auto schlapp macht, der Ex-Partner hohe Unterhaltsforderungen vor Gericht erstritten hat oder das Haus gestrichen werden muss? Wer kurzfristig höhere Summen benötigt, aber keinen herkömmlichen Kredit aufnehmen will, kann seine private Kapitallebens- oder Rentenversicherung beleihen. Dabei bekommt der Kunde einen Teil der Versicherungsleistung bereits vor Fälligkeit ausgezahlt, den er in Teilbeträgen oder auf einen Schlag zurückzahlen kann, wenn er will. Die Summe beträgt meistens 90 bis 100 Prozent des Rückkaufwertes. Dieses Geld würde der Kunde auch bekommen, wenn er die Police kündigt.

Ein Policendarlehen bietet mehrere Vorteile: Das Geld steht dem Kunden innerhalb weniger Tage oder Wochen zur Verfügung, der Versicherungsschutz gegen Todesfall oder Berufsunfähigkeit bleibt vollständig erhalten, und es gibt keinen Schufa-Eintrag. Der wesentliche Unterschied zum Kredit: Der Kunde muss das Geld nicht zwingend zurückzahlen. Der Versicherer kann es ihm auch bei Vertragsende von der Ablaufleistung der Police abziehen. Allerdings muss er auf jeden Fall Zinsen zahlen.

Es gibt drei Wege, eine Lebensversicherung zu beleihen: Der Kunde in Geldnot kann bei seinem Versicherer ein klassisches Policendarlehen aufnehmen, er kann auf eine Bank zugehen und den Vertrag als Sicherheit bieten, oder er kann auf ein entsprechendes Angebot von sogenannten Zweitmarktfirmen zurückgreifen, deren Hauptgeschäft der Aufkauf von Lebensversicherungen ist.

Policendarlehen können eine Alternative zu Bankkrediten sein

Alle drei Varianten werden zwar als Policendarlehen bezeichnet, doch die beiden letzten sind nichts anderes als vergünstigte Kredite, bei denen die Lebensversicherung als Sicherheit dient. "Das sind günstige Alternativen zum Konsumenten- oder Ratenkredit", erklärt Philipp Opfermann, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Zinssätze für Bankkredite liegen nicht selten bei 7 Prozent oder höher - abhängig von der jeweiligen Kredithöhe sowie Arbeitsverhältnis, Einkommen und Bonität des Kunden.

Die Policendarlehen-Angebote von Zweitmarktanbietern sind allerdings zum Teil günstiger als die der Versicherer. Beim Policenaufkäufer Policen Direkt liegt der Sollzins bei Laufzeiten von mehr als fünf Jahren bei 2,95 Prozent, der effektive Zinssatz inklusive Kosten beträgt 2,99 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Allianz liegt der effektive Zinssatz für ein Policendarlehen im März 2017 bei 4,20 Prozent (Sollzins: 4,03 Prozent). Der Unterschied zum Darlehen vom Versicherer: Das Geld kommt von der Bank, der Lebensversicherungsvertrag dient als Sicherheit.

Policen Direkt kooperiert mit der Onlinebank SWK und der DKB-Marke SKG Bank. Max Ahlers, Gründer und Geschäftsführer von Policen Direkt, sieht darin einen Vorteil: "Der Kunde kann unser Angebot mit dem des Versicherers vergleichen und sich für die günstigste Beleihung entscheiden." Die Versicherer hingegen vergeben nur Darlehen für ihre eigenen Policen - zu ihren konzernüblichen, meist höheren Zinssätzen. Policen-Direkt-Gründer Ahlers rät zu einem genauen Kostenplan: "Wer nur einen Teilbetrag braucht, sollte seine Lebensversicherung besser beleihen. Wer jedoch die gesamte Summe benötigt, kann die Police auch gleich verkaufen. Wichtig ist zudem, den richtigen Zeitpunkt im Blick zu haben."

Denn eine vorschnelle Kündigung ist immer der schlechteste Weg, wenn es knapp wird und eine größere Summe gebraucht wird, ist sich Verbraucherschützer Opfermann sicher: "Die Versicherer warten ja nur darauf, dass die Kunden ihre gut verzinsten Verträge auflösen." Bevor es dazu kommt, sollten alle Alternativen durchgespielt werden. So können Versicherte die Beitragszahlung zum Teil oder komplett aussetzen, einen möglichen Widerruf prüfen - oder eben Teilsummen als Policendarlehen entnehmen.

Wer das Geld nicht sofort zurückzahlt, kann die Summe auch bei Vertragsende mit der Ablaufleistung verrechnen lassen. Davon raten Experten jedoch ab, weil so der Zweck des Vertrages, die Altersvorsorge verloren geht.

Insgesamt haben Kunden im Jahr 2015 bei allen deutschen Versicherern Policendarlehen in Höhe von 687,9 Millionen Euro neu abgeschlossen. Bei Zweitmarktanbietern ist das Volumen geringer: Marktführer Policen Direkt kommt 2016 beispielsweise nur auf ein Darlehensvolumen von etwa 15 Millionen Euro. Grund ist vor allem, dass sie unbekannter sind als die großen Konzerne.

Allgemein werden Policendarlehen immer weniger in Anspruch genommen. Die Zahl der Darlehen ist in den vergangenen zehn Jahren konstant zurückgegangen, hat der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ermittelt. Während der Gesamtbestand bei allen deutschen Versicherern 2006 noch 5,2 Milliarden Euro umfasste, waren es 2016 nur noch 2,9 Milliarden Euro. Allein zwischen 2015 und 2016 schrumpfte der Bestand nochmal um gut 400 Millionen Euro. Auch bei der Allianz ist die Zahl der Policendarlehen rückläufig: Im März 2017 zählt Deutschlands größter Versicherungskonzern nur noch 104.800 bestehende Policendarlehen - im August 2016 waren es noch 122.400, im März 2013 rund 141.500.

Weder GDV noch Allianz kennen die genauen Gründe für den Rückgang und können nur spekulieren: Möglicherweise trägt die gute Konjunkturlage dazu bei, dass insgesamt weniger Geld geliehen wird. Beim GDV heißt es: "Policendarlehen werden ja hauptsächlich dann in Anspruch genommen, wenn keine anderen Sicherheiten für einen Kredit vorhanden sind." Das ist bei Lebensversicherungskunden, die auch Haus- oder Wohnungsbesitzer sind, aber der Fall. Deshalb sei es möglich, dass weniger Menschen ihre Policen beleihen, weil Hypothekendarlehen wegen der niedrigen Zinsen beliebter sind, sagt ein Allianz-Sprecher.