Süddeutsche Zeitung

Poker um Warenhaus-Kette:Berggruen will raus aus Karstadt

Lesezeit: 4 min

Die Verträge sollen so gut wie fertig sein: Der Tiroler Unternehmer René Benko steht kurz vor der Übernahme von Karstadt. Eigentümer Nicolas Berggruen geht es nur noch um eines.

Von Kirsten Bialdiga, Max Hägler und Ulrich Schäfer

Nicolas Berggruen ist, auch wenn er gern als der kalte Investor dargestellt wird, ein durchaus feinfühliger Mensch. Einer, der die Kunst liebt. Die Malerei. Die Philosophie. Und der darunter leidet, dass sein Image in Deutschland so schlecht ist, seit er als Retter bei Karstadt eingestiegen ist - und es mit dem Unternehmen dennoch nicht vorangeht.

Anfangs, ja, da war er der Held. Er fuhr gemeinsam mit der damaligen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen auf der Rolltreppe. Alle setzten auf ihn: die Politik, die Mitarbeiter, die Medien.

Heute gilt er bei fast allen, die ihnen damals feierten, nur noch als Übeltäter. Als einer, der sich nicht kümmert. Als einer, der hintenherum das Geld herauszieht, das er vorneherum bei Karstadt nicht investiert. Der das Unternehmen nicht gestärkt, sondern geschwächt hat.

Ob der geordnete Ausstieg gelingt?

Berggruen weiß: Es wird nichts mehr mit ihm und Karstadt, und vielleicht auch nicht mehr mit ihm und den Deutschen - und deshalb, davon muss man ausgehen, ist ihm jetzt, da er nach vier Jahren den Verkauf vorbereitet, nur noch eines wichtig: dass der Ausstieg geordnet abläuft; dass er Karstadt übergibt, ohne dass es zu einer Hängepartie kommt.

Ob das gelingt? Schon in den vergangenen Monaten ist mal wieder einiges schiefgelaufen bei Karstadt: Die neue Chefin, die von Ikea kam und die Berggruen so wichtig war, lief nach wenigen Monaten wieder davon, offenbar frustriert. Und auch die Wirtschaftsprüfer zeigten sich nicht sonderlich "amused" und warnten vor Risiken im Geschäft. Dazu die ewigen Gerüchte, Berggruen wolle aussteigen. Dementi folgten. Neue Gerüchte. Und neue Dementi.

Nun aber ist es ernst: Berggruen will raus. Will verkaufen. Die Verträge sind, wenn man die Aussagen aus informierten Kreisen richtig deutet, so gut wie ausgehandelt. Der Investor hat angeblich auf seiner Seite alle Voraussetzungen geschaffen, damit Karstadt schon recht bald den Besitzer wechseln kann. Vielleicht sogar noch im Sommer.

Der potenzielle Käufer - er steht jedenfalls längst bereit. Er muss eigentlich nur Ja sagen - und dann könnte die Sache über die Bühne gehen. Denn René Benko, der 37-jährige Tiroler, der alerte, smarte Immobilien- und Warenhausunternehmer, besitzt schon seit längerem eine sogenannte Call-Option auf das, was er von Karstadt noch nicht besitzt: die klassischen Warenhäuser, die den Kern dieses so traditionsreichen Unternehmens bilden, das 1881 in Wismar von Rudolph Karstadt unter dem Namen "Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft Karstadt" gegründet wurde.

Der Österreicher hat im vergangenen Jahr bereits die Premium- und Sporthäuser von Karstadt zu großen Teilen übernommen, dazu zahlreiche Immobilien, in denen Karstadt mit seinen Warenhäusern der Hauptmieter ist. Nun will Benko auch noch die 83 normalen Karstadt-Filialen kaufen, die Berggruen noch besitzt.

Was also stimmt?

Wann es dazu kommt? Wann der Deal offiziell wird? Noch mag sich dazu niemand äußern, noch wollen sich diejenigen, die im Umfeld des Deals Informationen streuen, nicht festlegen.

Benko will bei Karstadt nicht zum Sündenbock werden

So heißt es aus dem Umfeld von Benko, es werde derzeit überhaupt nicht miteinander geredet, der Stand sei immer noch der gleiche wie vor einigen Wochen. Am Mittwoch allerdings zitierte ihn das österreichische Wirtschaftsmagazin Format mit der Aussage, Berggruen habe ihn und sein Unternehmen, die Signa Holding, um Hilfe gebeten, den Deutschamerikaner als Eigentümer von Karstadt abzulösen. Später hieß es dann aus dem Umfeld von Benko, diese Aussagen seien so nie gefallen, ein offizielles Interview habe er gar nicht gegeben.

"Es gibt nach wie vor Gespräche über den Verkauf von Karstadt an Benko", bestätigte dagegen ein Konzern-Insider von Karstadt am Mittwoch. Einige Punkte seien aber noch offen. Die beiden Eigentümer hätten schon kurz nach dem plötzlichen Rücktritt von Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt vor gut einem Monat erste Verhandlungen aufgenommen.

Was also stimmt?

Weder Benko noch Berggruen oder Karstadt wollten sich am Mittwoch offiziell zu den Informationen äußern.

Es gehört allerdings zum Wesen solcher Verhandlungen, dass kurz vor Schluss besonders viel taktiert wird. Jeder versucht, so auf den letzten Metern noch besonders viel herauszuholen.

Bei Karstadt geht es auch um die Frage, ob Benko dafür, dass er nun auch noch die klassischen Warenhäuser übernimmt, eine Mitgift von Berggruen bekommt. Nötig wäre sie - um die Sanierung voranzubringen. Bereits in der nächsten Woche, am 21. August, soll der Aufsichtsrat über die Zukunft von Karstadt beraten. Nach SZ-Informationen soll in dieser Sitzung ein erstes Sanierungskonzept vorgelegt werden. Gerade in diesem Punkt hatten Berggruen und Benko zuletzt weit auseinander gelegen.

Der Österreicher verlangte von Berggruen dem Vernehmen nach, er müsse die Kosten für eine mögliche Schließung von Filialen und die damit verbundenen betriebsbedingten Kündigungen mittragen. Insider gehen davon aus, dass allein für eine solche Sanierung ein Betrag in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe zu veranschlagen wäre. Zudem wolle Benko bei Karstadt nicht in die Rolle eines Sündenbocks geraten, heißt es in Unternehmenskreisen. Schließlich sei es Berggruen gewesen, der seine Rolle als Retter nicht ausgefüllt habe.

Der Deutschamerikaner Berggruen dürfte mittlerweile den Tag verfluchen, an dem er Karstadt übernommen hat, zu schwierig ist das Geschäft, zu drückend die Forderungen der Belegschaft, zu groß sind die Erwartungen an ihn, den einstigen Hoffnungsträger. Er hatte den Laden eigentlich schuldenfrei übernommen für einen Euro, direkt nach der Insolvenz im Jahr 2010, es gab viele Zugeständnisse. Doch Berggruen wollte, dass die Läden ganz aus eigener Kraft wieder nach vorne kommen, ohne sein Zutun, das sich darauf beschränkte, ein bekannter Eigentümer zu sein.

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Quelle:
SZ vom 14.08.2014/jasch
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