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Pleite von Thomas Cook:Pauschalreisende brauchen endlich ein richtiges Schutzsystem

28 05 2018 Stockholm Schweden SWE Man betrachtet ein Flugzeug aus dem Terminal heraus *** 28

Die Politik darf sich nicht erneut von der Reisebranche und den Versicherern über den Tisch ziehen lassen - wie ihr das 2017 passiert ist.

(Foto: imago)

Durch die Pleite des Reiseveranstalters Thomas Cook werden deutsche Kunden viel Geld verlieren - im Gegensatz zu jenen in Großbritannien. Es ist Zeit, Konsequenzen zu ziehen.

Noch wissen die Kunden von Thomas Cook nicht, wie viel von den Zahlungen für gebuchte Ferien sie von der Versicherung des insolventen Reiseveranstalters zurückbekommen. Es ist aber klar, dass sie das meiste verlieren werden.

Daran werden die von Verbraucherschützern jetzt angedachten Klagen sehr wahrscheinlich wenig ändern.

Jetzt ist die große Koalition in Berlin am Zug. Sie muss schnell eine Neuregelung der Entschädigungspflichten für Pauschalreisen auf den Weg bringen, die aus den Neunzigerjahren stammen. Dabei darf die Politik sich nicht erneut von der Reisebranche und den Versicherern über den Tisch ziehen lassen - wie ihr das 2017 passiert ist, als sie die Chance für eine Reform der schlechten Regeln vertan hat.

Die Vorgabe ist klar: Die Europäische Union verlangt seit den Neunzigerjahren, dass alle Mitgliedsstaaten ausreichende Schutzsysteme für Pauschalreisende einführen. Deutschland tat das auf eine bizarre Art und Weise: Die Reiseveranstalter wurden verpflichtet, sich gegen eine Insolvenz zu versichern. Gleichzeitig kann jeder Versicherer sein Risiko aus allen Verträgen mit Pauschalreiseveranstaltern auf 110 Millionen Euro begrenzen - nicht pro versichertem Reiseveranstalter, sondern für alle Risiken in diesem Bereich, die ein einzelner Versicherer übernimmt.

Die Politik hätte die Regeln schon längst verschärfen können - hat es aber nicht getan

Thomas Cook hatte für seine deutschen Kunden eine Police über 110 Millionen Euro bei der deutschen Tochter des Schweizer Versicherers Zurich. In einem ersten Schritt hat die Zurich nach der Thomas-Cook-Pleite dafür gesorgt, dass alle gestrandeten Urlauber zurückgeholt wurden. Was jetzt noch übrig ist, wird auf die Kunden aufgeteilt, die für ihre geplante Urlaubsreise vorausgezahlt haben.

Die Obergrenze von 110 Millionen Euro pro Jahr kam auf Wunsch von Reisebranche und Versicherern zustande. Die Begrenzung bedeutet für die Veranstalter, dass sie weniger Prämie zahlen müssen - und für die Versicherer, dass dieses Risiko überschaubar bleibt und sie bei der Rückversicherung sparen können.

2016 passte die EU ihre Richtlinie an und erweiterte die Versicherungspflicht. In der Umsetzung hätte die große Koalition das Gesetz modernisieren können, wie es Bundesrat und Justizministerium auch verlangten. Aber die Regierung ließ die Gelegenheit verstreichen, es blieb bei den 110 Millionen Euro pro Versicherer.

Die Versicherungswirtschaft versucht gerade, sich abzusetzen von der damaligen Entscheidung. Es werde sicherlich Diskussionen geben, warum die Richtlinie in Deutschland so umgesetzt und trotz des Wachstums der Reisebranche nicht angepasst wurde, sagt Carsten Schildknecht, Deutschlandchef der Zurich. Recht hat der Mann - aber er vergisst zu erwähnen, dass die Versicherer kräftig mitgewirkt haben an der Nicht-Anpassung.

2016 drängte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Bundesregierung, "das bewährte und praxistaugliche deutsche Insolvenzsicherungssystem" beizubehalten. Und weiter: "Auch die Beibehaltung der Haftungshöchstgrenze von 110 Millionen Euro pro Jahr und Versicherer ist im Hinblick auf die Versicherbarkeit des Risikos zu begrüßen." Die Reiseveranstalter traten ebenfalls für eine Fortschreibung ein.

Die Deutschen haben im vergangenen Jahr 36 Milliarden Euro für Pauschalreisen ausgegeben - vier Milliarden Euro davon zahlten sie an Thomas Cook, fast immer als Vorauszahlungen für künftige Reisen. 2016 machte der britische Konzern hierzulande 3,5 Milliarden Euro Umsatz.

Wenn eine Regierung glaubt, mit 110 Millionen Euro für die Absicherung solcher Milliardensummen auszukommen, will sie die Urlauber nicht wirklich gegen Verluste schützen. Es ging ihr offensichtlich nur darum, irgendwie formal die EU-Richtlinie umzusetzen. Und zwar möglichst preisgünstig für die Reisebranche.

Jetzt dürfen die gefoppten Kunden dafür zahlen, die geglaubt haben, sie seien gegen die Insolvenz versichert. Die Politik muss endlich handeln und ein Schutzsystem installieren, das diesen Namen verdient. Die Versicherer können solche Risiken decken und sollten rasch Vorschläge machen. Wenn sie das nicht schaffen, muss sich die Regierung notgedrungen für ein staatliches System entscheiden.

Der Unterschied zwischen Pseudo-Schutz und Schutz ist beträchtlich: Deutsche Kunden von Thomas Cook können nach ersten überschlägigen Rechnungen aus der Versicherungsbranche mit nicht viel mehr als zehn bis 25 Prozent Erstattung ihrer Anzahlungen rechnen. Britischen Thomas-Cook-Kunden zahlt der dortige Sicherungsfonds, der von der Luftfahrtbehörde verwaltet wird, 100 Prozent.

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