Süddeutsche Zeitung

Pleite von Solar Millenium:Luxusleben auf Kosten der Anleger

  • Die gescheiterte Solar Millenium AG ist eine der größten Pleiten im Bereich erneuerbare Energien. Anleger verloren Millionen.
  • Viel Geld floss in den luxuriösen Lebensstil von Managern.
  • Der Insolvenzverwalter fordert 200 Millionen Euro Schadenersatz.
  • Die Ex-Aufsichtsräte und Vorstände sind nur schwer zur Verantwortung zu ziehen.

Von Markus Balser, Berlin, und Uwe Ritzer

Geplatzter Traum einer atomfreien Welt

Es war in den Sechzigerjahren, als der Physiker Peter W. für seine Diplomarbeit am Forschungsreaktor in Garching arbeitete. "Seitdem bin ich ein entschiedener Gegner der Kernenergie", sagt der heute 73-Jährige, "weil ich weiß, was in einem Reaktor passiert, welche gefährlichen radioaktiven Spaltprodukte entstehen und wie langlebig sie sind." Peter W. beschloss: Er steigt aus.

Jahre später sah er sich seinem Traum von einer atomfreien Welt ein großes Stück näher. Die Solar Millennium AG kündigte an, in der kalifornischen Mojave-Wüste, etwa 350 Kilometer östlich von Los Angeles, das größte Sonnenkraftwerk der Welt zu bauen. Bald werde es so viel Strom liefern wie ein Atommeiler, versprach das Erlanger Unternehmen. "Mir schien es, als hätte das alles Hand und Fuß", sagt Peter W. Also investierte er. Im März 2009 zeichnete er Anleihen der Solar Millennium AG, für 41 827,20 Euro. Laufzeit fünf Jahre, Garantiezins 6,75 Prozent.

Fünfeinhalb Jahre später ist das Geld weg. Der Physiker ist einer von 30 000 Anlegern und Aktionären, die mit ihren Investments in Solar Millennium mehrere hundert Millionen Euro verloren haben. Im Dezember 2011 brach die Firma unter dubiosen Umständen zusammen. Viele Projekte entpuppten sich als Luftnummern.

Der Insolvenzverwalter fordert 200 Millionen Euro Schadenersatz

Nun versucht Insolvenzverwalter Volker Böhm die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung fordert er von etwa einem Dutzend ehemaliger Vorstände und Aufsichtsräte von Solar Millennium insgesamt mehr als 200 Millionen Euro Schadenersatz. Selten zuvor sollten Manager in Deutschland in solchem Umfang haften.

Der Fall gilt schon jetzt als eine der größten Pleiten im Bereich Erneuerbarer Energien. Staatsanwälte und Gerichte befassen sich damit. Auch in den USA forschen Juristen, wohin die Unsummen flossen, die Anlegern abgeknöpft wurden. Von Briefkastenfirmen ist die Rede. Von möglichem Insiderhandel mit Aktien, Kapitalanlagebetrug und Anlegertäuschung.

Neue Dokumente aus den US-Verfahren enthüllen: Viel Geld von Investoren wie Peter W. floss gar nicht erst in Kraftwerksprojekte, sondern gingen für glamourösen Lebensstil von Managern drauf. So schildert es eine Klageschrift, die Insolvenzverwalter des amerikanischen Solar-Millennium-Ablegers STA bei Gericht im US-Bundesstaat Delaware eingereicht haben.

Sie erheben auch Vorwürfe gegen Manager der deutschen Muttergesellschaft. Die Beschuldigten hätten versucht, das Unternehmen "zu berauben" und "den Gläubigern zu entkommen". Von der Gründung der STA 2009 bis zu ihrem Insolvenzantrag 2012 hätten die Verantwortlichen im für die Firma zentralen US-Geschäft eher im eigenen Interesse gehandelt als in dem der Eigentümer, heißt es in Justizdokumenten. Sie lesen sich wie ein Protokoll einer wüsten Verschwendungsorgie.

Manager lebten in Saus und Braus

Besonders schlecht kommt ein Ex-STA-Chef weg. Er sei vor allem seinen eigenen Interessen gegenüber höchst loyal gewesen, so die Anwälte. Während Anleger Euro um Euro im guten Glauben auf die globale Energiewende überwiesen, hätten Verantwortliche in Saus und Braus gelebt.

Für "Nebenkosten" flossen jährlich 435 000 Dollar aus der Firmenkasse - allein 18 000 Dollar ging für die Miete einer Luxuswohnung im Trump-Tower in Chicago drauf, weitere 6000 Dollar für ein Apartment in Houston. 5000 Dollar kosteten Mitgliedschaften von Golf-, Country- und Fitness-Clubs. Und zwar Monat für Monat. "Unglaublich" finden das selbst hartgesottene US-Anwälte. Dabei verkaufte Solar Millennium den deutschen Anlegern ausgerechnet Amerika als große Hoffnung, mehr als 100 Millionen Euro flossen dorthin ab. Mit dem größten Solarkraftwerk der Welt sollte das Prunkstück der Firma entstehen.

Die US-Tochter sei schon im Oktober 2010 insolvent gewesen

In Wirklichkeit sei die US-Tochter womöglich bereits im Oktober 2010 insolvent gewesen, heißt es in den US-Dokumenten weiter - zwei Jahre vor dem Insolvenzantrag. Ganz eng wurde es 2011. Die Firma zahle ihre Rechnungen nicht mehr pünktlich, warnte ihr Finanzchef. Man brauche dringend weitere 130 Millionen Dollar. Wäre das damals publik geworden - kaum ein Anleger hätte noch einen Cent investiert.

Zur gleichen Zeit rührte Solar Millennium in Deutschland die Werbetrommel. "Think Big" - so buhlte die Firma um Geld. In einem Anlegerprospekt der Firma aus dem Jahr 2011 heißt es: "Mit gutem Gewissen attraktive Zinsen erhalten. Begleiten Sie uns auf unserem Weg in eine saubere Energiezukunft." Sauber? Aufklärer der Affäre hegen daran Zweifel. Insolvenzverwalter Böhm will Schadenersatz in rekordverdächtiger Höhe eintreiben. Fast alle Ex-Vorstände und Aufsichtsräte sind betroffen, außer Utz Claassen. Der ehedem prominenteste Manager von Solar Millennium war nur wenige Tage als Vorstandschef an Bord und ließ sich Böhm zufolge nichts zuschulden kommen.

Bei den anderen scheint Böhm überzeugt, dass sie mit dem Geld der Anleger mehr als schludrig umgegangen sind und ihre Pflichten grob verletzt haben. Ob aus Dummheit, Unfähigkeit oder krimineller Energie heraus, das wäre noch zu klären. Sie sollen noch zig Millionen Euro in die USA gepumpt haben, als längst klar war, dass die ehrgeizigen Kraftwerkspläne dort nicht realisiert werden können. Weder sei die Finanzierung des kalifornischen Sonnenkraftwerks gesichert gewesen, noch soll es einen verbindlichen Vertrag mit einem für den Bau notwendigen Generalunternehmer gegeben haben. Die Manager hätten "längst die Reißleine ziehen müssen", sagt ein Insider. Insolvenzverwalter Böhm wollte auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben.

Die Verantwortlichen sind schwer zur Rechenschaft zu ziehen

Der Jurist hat ein Problem: Die Verantwortlichen finanziell zur Rechenschaft zu ziehen ist schwierig. Böhm wäre wohl schon froh, wenn er etwa fünf Prozent der von ihm geforderten 200 Millionen Euro herausschlagen könnte. In den vergangenen Monaten hat er mit der D&O-Versicherung verhandelt. Sie deckt Ansprüche an Ex-Manager von Solar Millennium ab. Das Problem: Die maximale Deckungssumme beträgt 20 Millionen Euro. Ein Großteil davon geht bereits für Anwälte und Gutachter drauf. Da bleibt nicht mehr viel.

Böhm hat dem Vernehmen nach mit der Versicherung einen Kompromiss ausgehandelt, der in etwa so aussieht: Die Versicherung zahlt 5,5 Millionen Euro und zahlt später weitere zwei Millionen, sollten nicht auch noch in den USA Haftungsansprüche gegen die Ex-Aufsichtsräte und Vorstände entstehen. Die sollen zudem gemeinsam eine Million Euro aus eigenen Taschen bezahlen. Selbst wenn noch der ein oder andere Euro oben drauf käme - am Ende werden wohl kaum mehr als zehn der geforderten 200 Millionen Euro fließen.

Ein fauler Kompromiss?

Es drohen jahrelange Prozesse

Böhm und der Gläubigerausschuss, der in diesen Tagen über den Kompromiss entscheiden will, stecken in einem Dilemma. Die Alternative wäre, die Ex-Vorstände und Aufsichtsräte einzeln zu verklagen. Dann drohen jahrelange Prozesse durch mehrere Instanzen mit Millionenkosten.

Auch strafrechtlich gestaltet sich die Aufarbeitung der Solar-Millennium-Pleite schwierig. Nürnberger Staatsanwälte ermitteln seit Längerem wegen möglichem Kapitalanlagebetrug in Zusammenhang mit der Ausgabe von Anleihen. Ein Ende ist ebenso wenig in Sicht wie bei einem Verfahren in München. Dort geht es um mögliche Verstöße gegen das Wertpapierhandelsgesetz und unerlaubten Insiderhandel mit Solar-Millennium-Aktien.

Peter W., der Physiker und Anleger, ist desillusioniert. Er sagt, bei allem, was er inzwischen über Solar Millennium weiß, fühle er sich hintergangen. "Da ballt sich bei mir die Faust in der Tasche."

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Quelle:
SZ vom 20.10.2014/fie
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