Playmobil Zoff in der Plastikwelt

Der Spielwarenhersteller präsentiert sich verschlossen wie noch nie. Intern herrscht Unruhe, und im Geschäft werden Tabus gebrochen.

Von Uwe Ritzer

Playmobil hatte auf der Spielwarenmesse immer einen attraktiven Platz. In bester Lage, wo zwangsläufig viele Medienvertreter vorbeikommen mussten und viele auch am Stand hängen blieben. Die Neuheitenschau am Tag vor der Eröffnung der weltweit größten Branchenmesse in Nürnberg nutzen fast alle namhaften Hersteller als Showbühne. Playmobil war jahrelang eine unübersehbare und feste Größe. Nur in diesem Jahr nicht mehr.

Erstmals seit Langem blieb Deutschlands zweitgrößter Spielzeughersteller aus dem fränkischen Zirndorf der Neuheitenschau fern. Das passt ins Bild. Ausgerechnet Playmobil, Hersteller von inzwischen fast drei Milliarden fingerlangen Plastikmännchen, die allesamt einen offenen Gesichtsausdruck tragen, bunkert sich ein. Medienvertreter blitzen mit Interviewwünschen bei den Managern ab. Die früher bei der Messe übliche Jahres-Pressekonferenz - abgeschafft. Und der seit 1. Dezember 2016 amtierende Vorstandschef Steffen Höpfner, 50, gibt keine Interviews.

Nun ist ein Privatunternehmen der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldig. Und sich womöglich kritischen Fragen zu verweigern, ist gerade in Mode, wie die Beispiele Donald Trump, AfD oder 1860 München zeigen. Playmobil jedoch schottet sich inzwischen derart rigoros ab, dass sich die ganze Spielwarenbranche wundert und über die Motive rätselt. Schließlich gehört dort Trommeln von Haus aus zum Geschäft. Außerdem könnte gerade Playmobil derzeit besonders glänzen. Um stolze zehn Prozent legte der Umsatz im vergangenen Jahr auf 611 Millionen Euro zu.

Diese Zahlen teilte die Firma schriftlich mit, aber auch kaum mehr. Wem es gelingt, kleine Gucklöcher in die dicke Mauer zu bohren, die das Unternehmen inzwischen bildlich umschließt, dem offenbart sich ein in Teilen garstiges Bild. Es mag das Schweigen zum Teil erklären und passt so gar nicht zur heilen Plastikwelt der fröhlich lächelnden Playmobil-Männchen.

Der Tag, an dem sich diese Welt komplett drehte, war der 3. Juni 2015. An diesem Tag erlag Firmengründer Horst Brandstätter kurz vor seinem 82. Geburtstag einem Krebsleiden. Playmobil hatte ihn zum Milliardär gemacht. Brandstätter war ein eigenwilliger Patriarch alter Schule, genial, gewieft und charismatisch, andererseits aber auch cholerisch und bisweilen ziemlich ruppig im Umgang mit anderen. Sein im Nachhinein größter Fehler sei es jedoch gewesen, seine Nachfolge nicht vernünftig zu regeln, sagt nicht nur ein altgedienter Weggefährte.

Der Gründer hat seine Nachfolge nicht geregelt - für manche ein großer Fehler

Seine Söhne hatte Brandstätter längst schon mehr oder weniger rüde aus dem Unternehmen gekickt. Firma und Vermögen sind heute in Stiftungen eingebracht. Neue starke Frau in dem Konstrukt wurde nach seinem Tod zur allgemeinen Überraschung seine langjährige persönliche Assistentin Marianne Albert. Die kümmert sich seither nicht nur um sein Grab, sondern auch ums Geschäft. In der Spielwarenbranche ist Albert ein unbeschriebenes Blatt. Doch die designierte Brandstätter-Nachfolgerin Andrea Schauer hatte das Unternehmen kurz vor seinem Tod aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Jahrelang hatte sie Playmobil erfolgreich gemanagt und die Launen des Alten geschickt ausbalanciert. Mit der weithin geschätzten Managerin verlor Playmobil mitten in der Götterdämmerung die wichtigste Stütze.

Seitdem herrscht angeblich wirre Unordnung in Zirndorf. Manager kamen und gingen, erprobtes Personal resignierte, Führungskräfte belauern sich angeblich gegenseitig. Bis zu Höpfners Beförderung gab es in der fünfköpfigen Geschäftsführung anderthalb Jahre lang niemanden, der bei Bedarf das letzte Wort hatte. Am Produktionsstandort im fränkischen Dietenhofen verzettelte sich das Management 2016 im Zuge von Betriebsratswahlen in einen ebenso grotesken wie überflüssigen Konflikt mit der Gewerkschaft. Er brachte der IG Metall positive Schlagzeilen und neue Mitglieder, dem Unternehmen hingegen Häme, Spott und Kopfschütteln.

Immer wieder wird angesichts all dessen spekuliert, Playmobil könnte ein Übernahmekandidat werden. Doch das ist in absehbarer Zeit unwahrscheinlich, denn Geld haben sie in Zirndorf genug. Brandstätter hinterließ ein Milliardenvermögen; die Eigenkapitalquote der Konzern-Holding betrug zum Zeitpunkt seines Todes 83,3 Prozent, die Umsatzrendite vor Steuern lag bei gut 22 Prozent. Selbst unfähige Manager würden einige Zeit brauchen, um Playmobil zu ruinieren.

Vorerst werfen sie vieles über den Haufen, was dem Patriarchen zu Lebzeiten heilig und womit die Firma gut gefahren war. So ist Playmobil in das immer verpönte Lizenzgeschäft eingestiegen, wobei das "Ghostbusters"-Thema angeblich nicht besonders läuft. Über seinen PR-Mann lässt Höpfner ausrichten, Lizenzartikel seien "ein Meilenstein für unsere Marke" und es seien "weitere Lizenzen in Planung". Wichtige Themen der nächsten Zeit seien zudem der "Aufbau strategischer Partnerschaften" und der "Ausbau des internationalen Produktionsnetzwerkes".

Aber - was heißt das? Plant Playmobil womöglich auch eine Fertigung in China anstatt nur in Europa? Vieles ist unklar. Immerhin ist man auf der Spielwarenmesse noch vertreten, mit einem gut abgeschirmten Stand in Halle 12.2. Es heißt, 170 Neuheiten würden dort gezeigt.