Umwelt Die Einweg-Tüte muss verboten werden

Die Einwegtüte ist der flüchtige Begleiter der Konsumgesellschaft. Landet sie in der Umwelt, ist sie freilich alles andere als flüchtig.

(Foto: dpa)

Sie ist ein Symbol des Selbstbetrugs, dem sich viele Bürger beim Umweltschutz hingeben.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Zwangsläufig sieht ein Entwicklungsminister eine Menge von der Welt, und nicht immer muss es Elend sein. Auf seinen Reisen hat er auch Länder kennengelernt, die konsequenter zu Werke gehen als Deutschland: Ruanda, Tunesien, Indien, Bangladesch, Kenia zum Beispiel. Sie alle haben Plastiktüten verboten. Andere wollen folgen. Und das fordert Gerd Müller, Entwicklungsminister von der CSU, nun auch für Deutschland. Recht hat er.

Die Einwegtüte ist der flüchtige Begleiter der Konsumgesellschaft. Was der Mensch so braucht, lässt sich damit bequem nach Hause schaffen. Ist es allerdings zu viel, reißen die Henkel und das Plastik beult aus. Dann ist die Tragetasche ein Fall für den Müll, selten nur wird sie mehrmals verwendet. Landet sie in der Umwelt, dann ist sie leider gar nicht mehr flüchtig: Bis sie vollständig zerfällt, vergeht eine halbe Ewigkeit: 500 Jahre. Wird sie verbrannt, dann gehen mit jeder Tüte um die 30 Gramm Öl durch den Kamin. Dieses Öl ist auf alle Zeit verloren.

Die Bundesregierung baut bisher auf eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handels. Seit 2016 verlangen viele Supermärkte und Einzelhändler nun Geld für Einwegtüten. Wie viel, bleibt ihnen selbst überlassen. Sanktionen gibt es keine. Tatsächlich ging die Menge der Tüten in der Folge um mehr als ein Drittel zurück. Übrig sind aber immer noch 2,4 Milliarden Einwegtüten - pro Jahr. Sie ließen sich durch Stoffbeutel oder langlebige Kunststofftaschen mühelos ersetzen, und zwar dauerhaft. Ohne drastische Vorgaben aber wird das kaum gehen.

Natürlich hat so ein Verbot auch hohen Symbolwert. Kaum eine Tüte aus Deutschland findet sich in den Plastikstrudeln der Ozeane. Die Tüten flattern auch nicht, wie in vielen Entwicklungsländern, an Zäunen, Sträuchern oder Bäumen. Die meisten landen hierzulande in der Tonne - und damit in einem Wegwerfparadies, in dem sich die Deutschen nur allzu wohlig eingerichtet haben.

Einwegtaschen sollten verboten werden. Denn sie stehen für einen Selbstbetrug

Nichts illustriert das besser als der Begriff der "Entsorgung": Fällt der Deckel der Mülltonne, haben sich Konsumenten hierzulande ihrer Sorge entledigt. Bei der gelben Tonne, in der idealerweise aller Verpackungsmüll landen soll, kommt danach ein komplizierter Mechanismus in Gang. Da müssen diejenigen, die den Plastikmüll in die Welt setzen, letztlich dafür sorgen, dass Müllautos durch die Städte fahren, Sortieranlagen laufen und große Öfen deren nicht gerade kleinen Ausschuss verbrennen. Derart von Entsorgung umgeben, haben die Deutschen ihren Verpackungsmüll über die Jahre ganz sorglos gesteigert. Haushaltsreiniger bekamen Sprühaufsätze, Kaffeepackungen einen Schraubverschluss. 25 Kilo wirft jeder Deutsche allein an Verpackungsmüll aus Plastik jedes Jahr weg. Nicht einmal die Hälfte wurde zuletzt recycelt. Das ist nicht nachhaltig, das ist Selbstbetrug.

Müller hat recht, weil ein Tütenverbot genau an diesem Selbstbetrug ansetzt. Es ist eben nicht selbstverständlich, eine Tragetasche nur einmal zu verwenden, um sie dann zu "entsorgen", erst recht nicht, wenn es umweltschonende, langlebige Alternativen gibt. Wo Bequemlichkeit, wo Gewohnheit über Vernunft siegt, braucht es eben Gesetze, zur Not auch ein Verbot.

Mexiko-Stadt hat gerade eins erlassen, für Plastiktüten und andere Wegwerfprodukte. War gar nicht so schwer.

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