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Kunststoff:Deutschland produziert mehr Plastik als vor der Pandemie

Recyclingwirtschaft kritisiert Plastiksteuer

Flakes aus Kunststoffverpackungen: Mehr Recycling bietet eine Möglichkeit, unabhängiger von fossilen Rohstoffen wie Öl zu werden.

(Foto: Hendrik Schmidt/Picture Alliance)

Der Bedarf an Verpackungen und Autoteilen ist hoch, die Verarbeiter beklagen eine "Preisexplosion". Die Ursachen reichen bis nach Texas und Ägypten.

Von Benedikt Müller-Arnold, Köln

Die FFP2-Maske verhindert Infektionen, die Plexiglas-Scheibe schützt Beschäftigte, das Restaurant verpackt die Lieferung in Kunststoffschalen: Plastik erlebt in der Corona-Krise einen denkwürdigen Boom. "Derzeit liegt die Kunststoffproduktion sogar über dem Niveau vor Beginn der Pandemie", sagt Michael Zobel, Vorsitzender von Plastics Europe in Deutschland, dem Verband der Kunststoffproduzenten. Damit nicht genug: Das vielfach ungeliebte Plastik ist spürbar rar und teuer geworden.

So beklagte die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen "eine noch nie gesehene Preisexplosion" bei Plastik. In einer neuen Umfrage des Verbands berichteten Verpackungshersteller "im Mittel von Steigerungen zwischen 50 und 60 Prozent seit Jahresbeginn", sagt Geschäftsführerin Mara Hancker. Besonders verteuert habe sich beispielsweise Styropor. Auch der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie monierte zuletzt, fehlendes Plastik verhindere, dass die Branche die Krise rasch hinter sich lasse.

Die Malaise begann 2020, als die Pandemie Industrien wie die Autobranche wochenlang stillstehen ließ. Damals drosselten Stahl- oder Kunststoffhersteller ihre Produktion, zogen manche längere Wartung vor. "Bis so eine Kette wieder ans Laufen kommt, haben Sie natürlich Verzögerungseffekte", sagt Plastics-Europe-Chef Zobel. Dabei waren Kunststoffe schneller wieder gefragt, als viele erwartet hatten. Das liegt nicht nur an Schutzausrüstungen und Essensverpackungen. Auch die Autoproduktion hat angezogen, der Bedarf an Elektronik ebenso.

Allerdings importieren hiesige Plastikhersteller viele Vorprodukte - die allermeisten basieren noch auf Erdöl - aus Förderländern wie den USA. Beispielsweise braucht es Ethylen für die Herstellung von Polyethylen, wie man es von Kanistern oder Schläuchen kennt. Doch ausgerechnet in den Südstaaten der USA legte ein ungewöhnlich heftiger Wintereinbruch im Februar die ölverarbeitende Industrie zeitweise lahm. "Es kam zu deutlich weniger Exporten in die EU", konstatiert Zobel. Auch in China übersteige der Bedarf an Plastik das Angebot. "Und immer noch fehlen im internationalen Warenverkehr Schiffscontainer." Zu allem Überfluss blockierte im März ein Frachter tagelang den Suezkanal, eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt.

Weltweit wird bislang zu wenig Plastik recycelt

All das wirft ein Schlaglicht darauf, dass viele Industrieunternehmen kaum noch Vorprodukte bevorraten. "Heute passiert alles just-in-time", sagt Zobel. Dies macht Lieferketten anfälliger - wenngleich beispielsweise Wetterextreme künftig eher häufiger auftreten dürften. Plastics Europe erwartet, dass sich der Kunststoffmarkt erst Ende 2021 entspannen dürfte.

Insgesamt beschäftigen Plastikhersteller hierzulande gut 53 000 Menschen. Sie produzierten voriges Jahr knapp 18 Millionen Tonnen. Der Rückgang gegenüber 2019 hielt sich mit 1,6 Prozent in Grenzen. Die große Herausforderung der Branche besteht darin, langfristig unabhängig von Rohstoffen wie Öl zu werden. Andernfalls droht sie in einem möglichst klimaneutralen Deutschland keine Zukunft zu haben. Hinzu kommt, dass weltweit bislang viel zu viel Plastikmüll in Meeren und der Umwelt landet.

Zwar tüfteln Firmen daran, mehr nachwachsende Rohstoffe und CO₂ als Kohlenstoff-Quelle zu nutzen, mehr Altplastik einzusammeln und zu recyceln und Produkte so zu designen, dass sie wiederverwendbar sind. Allerdings kranken bislang viele Ansätze daran, dass Neuware aus Öl noch immer günstiger ist. Auch fehlen in vielen Anwendungsfeldern das Angebot an geeigneten Rezyklaten oder international nachprüfbare Standards. Zudem dürften Plastikhersteller absehbar mehr Strom benötigen, der künftig aus erneuerbaren Quellen stammen sollte. "Produzieren und Recyceln ist energieintensiv", betont Plastics-Europe-Geschäftsführer Ingemar Bühler. Dabei bietet gerade die Kreislaufwirtschaft die Chance, unabhängiger von Kapriolen auf den Weltmärkten zu werden.

© SZ
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