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Plastik:Der letzte Strohhalm

Die Europäische Union will die Flut an Plastikabfällen eindämmen - und lässt viele Produkte im Jahr 2021 verschwinden.

Die EU will energisch vorgehen gegen Strohhalme, gegen Plastikwattestäbchen, gegen Stäbe von Luftballons.

(Foto: Olivier Morin/AFP)

Es war ein besonderer Trauerzug, der im vorigen Sommer durch den Berliner Stadtteil Kreuzberg zog. Die Kapelle trug schwarz, aber ihre Musik war fröhlich. Und statt eines Sarges trug die Trauergemeinde einen riesenhaften Becher durch die Straßen. So sollte er aussehen, der Abschied vom Einweg-Kaffeebecher. Passanten erhielten von der Stadtreinigung einen Mehrwegbecher geschenkt, doch richtig gewirkt hat es noch nicht. Stattdessen werden nun überall in der Stadt größere, kugelrunde Mülleimer aufgestellt: Die laufen nicht so schnell über, angesichts der Flut weggeworfener Becher.

Auch der EU sind die Wegwerf-Artikel ein Dorn im Auge, auch sie hat es lange mit Freiwilligkeit versucht. Ihre Aktion "Be ready to change" wirbt für die Vorzüge von Mehrwegbechern, Mehrwegbesteck, Mehrwegtellern. "Helft, unsere Strände und Ozeane zu bewahren", heißt es da. "Startet eine Langzeitbeziehung mit einer smarteren Alternative." Doch wenn das nicht hilft, müssen Gesetze her. Oder, wie Umweltkommissar Karmenu Vella sagt: "Wenn wir in einer Lage sind, dass wir im einen Jahr den Fisch in einer Tüte heimbringen und im nächsten die Tüte in einem Fisch, dann müssen wir hart und schnell reagieren."

Plastik im Meer - es ist der mittlerweile sichtbarste Teil des Problems. 25 Plastiktüten, 115 Plastikbecher, zwei Flip-Flops, einen Nylonsack und 1000 weitere Plastikteile fanden sich unlängst im Bauch eines toten Wals, der an der indonesischen Insel Sulawesi gestrandet war. Einer Studie der Beratungsfirma McKinsey zufolge könnte das Wachstum der Weltwirtschaft den Plastikmüll bis 2030 noch einmal um 80 Prozent steigern lassen: von 260 auf 440 Millionen Tonnen im Jahr. Schon jetzt sei mehr als die Hälfte des Mülls Plastik aus "kurzlebigen Anwendungen". Und genau die soll nun auch ein Verbot der EU treffen. Strohhalme, wie sie sich zu Millionen an Stränden finden, Plastikwattestäbchen, Rührstäbe von der Cocktailbar, Stäbe von Luftballons. Auch sogenannte oxo-abbaubare Kunststoffe will die EU verbieten: Das sind Stoffe, die sich unter UV-Licht zwar in Einzelteile auflösen, deren Reste sich aber nicht weiter abbauen. Das alles soll 2021 verschwinden - zwei Jahre nach Inkrafttreten der Richtlinie, auf die sich nun EU-Parlament, Rat und Kommission geeinigt haben. Auch der Einweg-Kaffeebecher kommt an die Reihe. Die Variante aus aufgeschäumtem Polystyrol soll komplett verschwinden, ähnlich übrigens wie die Verpackungen, in denen Restaurants ihr Außer-Haus-Essen verkaufen. Die Zahl der Pappbecher sollen die Mitgliedstaaten sichtbar senken. Schließlich sind die selten nur aus Pappe, sondern von innen mit einer dünnen Kunststofffolie versehen. Auch Warn- und Entsorgungshinweise sollen beim Abschied helfen. Ein öffentliches Begräbnis wie in Kreuzberg wäre also mit dem neuen EU-Recht vollkommen kompatibel.

Obendrein kommen die Hersteller nun doppelt dran. Nicht nur müssen sie Einbrüche beim Plastik fürchten. Finden sich weiter massenhaft Plastikartikel in der Umwelt, soll eine "erweiterte Herstellerverantwortung" greifen. Die Unternehmen können dann an den Aufräumkosten beteiligt werden. Selbst für Luftballons soll das gelten, wenn sie schlapp irgendwo in der Umwelt landen. Dafür wurde nicht verboten, sie frei fliegen zu lassen. "Müll gehört nicht in die Landschaft", sagt der Europaabgeordnete Karl-Heinz Florenz (CDU), der Verhandlungsführer der konservativen EVP-Fraktion war. Es gehe auch um ein verändertes Bewusstsein: "Vermeintlicher Abfall bedeutet in Wirklichkeit oft wertvolle Rohstoffe", sagt Florenz. Weshalb die Richtlinie auch mehr Recycling etwa bei Plastikflaschen verlangt - und einen höheren Recycling-Anteil im Plastik der Flaschen.

Auch Umweltschützer sind zufrieden. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, um die Einweg-Plastikflut zu stoppen", sagt Olaf Tschimpke, Chef des Naturschutzbundes Nabu. Andere bedankten sich für das "vorgezogene Weihnachtsgeschenk". Und zwar eins ganz ohne Verpackung.

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