Plan-W-Kongress:Wie nachhaltiges Wirtschaften funktionieren könnte

BERLIN: Wirtschaftskongress PLAN W im Spree-Speicher

Beim Wirtschaftskongress von Plan W diskutieren im Spree-Speicher Nanda Bergstein (Tchibo; 3. v.l.), Valentina Daiber (Telefónica Deutschland; 2. v.r.) und Sophie Glusac (Kearney, r.) über Nachhaltigkeit. Zugeschaltet sind Barbara Bajorat (Mars Petcare) und Jan Schnellenbach (TU Cottbus).

(Foto: Johannes Simon/SZ)

Unternehmen mühen sich, ihre CO₂-Emissionen zu senken, sei es bei Tierfutter oder bei Kleidung. Der Weg dahin ist schwierig.

Von Katharina Kutsche, Berlin

Wer glaubt, sein Papagei oder die Miezekatze seien kein Problem für die Umwelt, irrt. Das macht Barbara Bajorat schnell deutlich: "Klimaneutral ist ein Haustier nicht - jedes Lebewesen, das auf dieser Erde wandelt, hat einen CO₂-Fußabdruck." Mehr als die Hälfte der Bürger in Deutschland leben mit mindestens einem Tier zusammen, doch die verbrauchen nun mal Nahrung, die produziert werden muss. Wie kann das möglichst umweltfreundlich geschehen?

Das Thema treibt viele auf dem Plan-W-Kongress der SZ um. Unternehmen, egal ob familiengeführt oder börsennotiert, müssen sich im Angesicht der Klimakatastrophe fragen, wie sie nachhaltiger werden und dabei wettbewerbsfähig bleiben können. Betroffen sind alle Branchen, Tech- und Modefirmen, die Industrie und eben auch die Tierfutterproduktion.

Bajorat verantwortet den Bereich Petcare des Konzerns Mars, den die meisten wohl eher mit Schokoriegeln verbinden. Doch Mars Deutschland produziert bekannte Marken wie Whiskas, Pedigree und Trill. Insgesamt habe das Unternehmen einen CO₂-Fußabdruck so groß wie das Land Panama, sagt Bajorat: "Daraus leitet sich eine große Verantwortung ab." Der werde man gerecht, indem eine große Forschungs- und Entwicklungsabteilung an innovativem Tierfutter arbeite: Fischfutter aus Algen, Katzenfutter auf Insektenproteinbasis etwa. Wichtig sei, Innovation auch im Preis angemessen abzubilden: "Generell sollte es sich jeder leisten können, ein Haustier zu halten."

Vorwürfe helfen nicht

Dem stimmt Jan Schnellenbach zu. Er ist Ökonom an der TU Cottbus und nimmt die Verbraucher in Schutz. Sicherlich müssten sich die Menschen Gedanken machen über ihren Konsum. "Wir haben viele Hebel, den Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich glaube aber nicht, dass wir diesen Weg gehen sollten", sagt Schnellenbach. "Wenn wir jemandem einen Vorwurf machen, weil er eine Katze hält oder zu viele T-Shirts kauft, werden wir nicht allzu weit kommen."

Schnellenbach verweist auf Daten aus der Pandemie. Während der Lockdowns habe es weniger Konsum und weniger Mobilität gegeben. Das habe zwar den CO₂-Ausstoß gesenkt. Doch würde man diese niedrigen Werte beibehalten, reichten sie immer noch nicht, um die Klimaziele aus dem Pariser Abkommen zu erreichen. "Das heißt im Umkehrschluss: Wie viel Verzicht wäre dann vom Verbraucher überhaupt nötig, um die Zahlen dauerhaft zu senken?" Der Ökonom sieht die Lösung eher in Anreizen für die Menschen und hinreichend hohen CO₂-Preisen für die Industrie.

Das Thema berührt auch die kritische Frage, ob die Menschheit immer ein Mehr braucht - ist Null-Wachstum eine Lösung? Schnellenbach sagt, man könne sich bestimmte Dinge ohne Wachstum nicht mehr leisten, etwa die deutschen Sozial- und Rentensysteme. Auch Bajorat zweifelt: Mars investiere 90 Prozent seiner Gewinne wieder ins Unternehmen und mache dadurch viel Forschung und Entwicklung möglich. "Wenn das Wachstum schrumpft, fehlen vielleicht genau die Mittel, die für radikale Ideen nötig sind."

Ein Schock führte zum Wandel

Dass es große Würfe braucht, um sich nachhaltiger aufzustellen, sieht auch Sophie Glusac so. Sie ist Beraterin bei Kearney und beschäftigt sich mit dem Wandel in der Modebranche. Die habe, so sagt sie, nach wie vor "nicht auf dem Schirm, wie stark sie zur Umweltverschmutzung beiträgt", dabei liege sie nach der Industrie auf Platz zwei. "Wenn man bedenkt, dass der Wohlstand auf der Welt steigt und Menschen sich mehr leisten können, aber die Modeindustrie weiter auf Fast Fashion, also schnelle Kollektionswechsel setzt - dann ist es mit Lösungen wie Papier- statt Plastiktüten nicht getan."

Bei Tchibo habe man sich vor 15 Jahren auf den Weg gemacht, das Geschäft nachhaltiger zu gestalten, sagt Nanda Bergstein, Chefin der Unternehmensverantwortung des Hamburger Konsumgüterkonzerns. Der habe sich damals mit einer großen, negativen Imagekampagne konfrontiert gesehen wegen der weltweit kritisierten Zustände in den Textilfabriken in Bangladesch. "Das war ein großer externer Schock." Der habe den Wechsel eingeleitet, so Bergstein.

Tchibo bemühe sich seitdem um mehr Nachhaltigkeit, etwa darum, Textilien schadstofffrei herzustellen. Das sei auch kein Nachteil: "Man kann nachhaltiger wirtschaften und trotzdem ökonomisch erfolgreich sein", sagt Bergstein. Das Vertrauen der Kunden habe Tchibo behalten. Wobei die nicht alles mitmachen, was gut gemeint sei: Ein Rücknahmekonzept für Textilien sei bei den Verbrauchern nicht angekommen.

BERLIN: Wirtschaftskongress PLAN W im Spree-Speicher

"Ich bin davon überzeugt, dass Unternehmen in mehreren Jahren nicht mehr am Markt agieren können, wenn sie sich mit diesen Themen nicht beschäftigen", sagt Nanda Bergstein, Tchibo.

(Foto: Johannes Simon/SZ)

Beim Mobilfunkkonzern Telefónica können Kunden schon lange Altgeräte zurückgeben, in den Geschäften, aber auch per Post, sagt Vorständin Valentina Daiber. Auch gebe es gemeinsame Umweltprojekte mit dem Naturschutzbund Nabu. Daiber wünscht sich zwar mehr Informationen und Appelle an Verbraucher, doch insgesamt sei ihre Botschaft: "Wir sind gar nicht so schlecht, wie wir denken." Bis zum Jahr 2025 wolle Telefónica klimaneutral werden.

Daiber sagt aber auch, dass Nachhaltigkeit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. "Das Engagement der jungen Menschen bei Fridays for Future ist so wichtig, weil das Thema dadurch zum Kern der gesellschaftlichen Debatte wurde und Anreize gibt, sich selbst zu beteiligen", so die Vorständin. Sie erntet keinen Widerspruch.

© SZ
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