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Pipers Welt:Wiener Ökonomie

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel.

Was man von einer Installation am Naschmarkt lernen kann: Künstler träumen den Traum vom "Reich der Freiheit", das Karl Marx einst versprach. Fakten haben keine Chance.

Wer in diesen Tagen nach Wien kommt, sollte einmal am berühmten Naschmarkt vorbeischauen, der österreichischen Version des Viktualienmarkts. Dort, auf einem großen Parkplatz für die Marktbesucher, findet sich seit Kurzem eine roh gezimmerte Holzstruktur, die aus der Ferne ein wenig aussieht, als hätte ein Riese Probleme mit seinen Ikea-Möbeln gehabt. Die Struktur ist eine "Installation", also ein Kunstwerk, entworfen und aufgebaut von einer Gruppe Wiener Künstler mit Namen "Team Wien"; sie wird noch bis zum 24. September zu sehen und zu nutzen sein. Der offizielle Name der Installation ist "Park macht Platz", wichtigster Teil der Installation ist ein großer Holztisch mit Bänken, dazu kommen noch ein paar Holzspielsachen, freies Wlan, eine Website (www.parkmachtplatz.at) und ein Klo.

Ökonomen sollten sich "Park macht Platz" durchaus ein wenig genauer anschauen, denn das Thema der Aktion ist die Zukunft der Arbeit im Kapitalismus, es geht also um eine Grundfrage der Nationalökonomie. An dem großen gezimmerten Tisch werden, wenn es nicht gerade regnet, Diskussionen über die Arbeit und deren Rolle in einer modernen Stadt geführt. Es gibt sogar "Überraschungsessen" (Motto: "Park serviert") für 35 Euro inklusive Weinbegleitung. Und das sind die Fragen, die die Macher von Team Wien bewegen: "Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen - was machen wir dann mit unserer freien Zeit? Suchen wir uns eine 'Neue Arbeit'? Eine, die wir wirklich gerne machen? Bei der wir gemeinschaftlich und gemeinwohlorientiert arbeiten?" Und: "Welche Orte und Infrastrukturen braucht es in Zukunft in der Stadt für sogenannte 'Neue Arbeit' - Arbeit, die wir Menschen uns frei von wirtschaftlichen Zwängen selbst einteilen?"

Nun sind Kunstaktionen mit einem wirtschaftskritischen Einschlag nichts Ungewöhnliches. Wie die Documenta in Kassel zeigt, braucht man sich in der heutigen Kunstszene ohne ein klares antikapitalistisches Bekenntnis gar nicht erst sehen zu lassen. Trotzdem ist es immer noch etwas Besonderes, ausgerechnet in Wien über Arbeit, Wirtschaft und Gemeinwohl zu diskutieren. Hier scheint es so etwas wie einen genius loci zu geben, der die Entstehung ökonomischer Ideen, welcher Art auch immer, befördert. Die Tradition ist überwältigend. In Wien gibt es eine lange, aus der Not nach dem Ersten Weltkrieg geborene Tradition öffentlichen Wohnungsbaus ("Gemeindebauten"), hier steht eine berühmte Universität mit einer wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, die ihre Ursprünge auf das Jahr 1763 und Kaiserin Maria Theresia zurückführt. Hier wurde der Sozialismus von den Austromarxisten weiterentwickelt und von den Liberalen widerlegt. In Wien wirkte zum Beispiel der liberale Ökonom Ludwig von Mises (1881 - 1973), der sich ein Leben lang mit der Frage befasst hat, die jetzt auf dem Parkplatz des Naschmarktes diskutiert werden soll: Wie funktioniert Arbeit "ohne wirtschaftliche Zwänge" (vulgo: Sozialismus), und ist das überhaupt möglich? Mises hat 1932 in Wien darüber ein ganzes Buch geschrieben ("Die Gemeinwirtschaft"). Dass es die Macher von "Park schafft Platz" offenbar nicht kannten, darf man ihnen nicht vorwerfen, auch an deutschen VWL-Fakultäten wird der neoliberale Mises heute kaum noch gelehrt. In der "Gemeinwirtschaft" legt Mises dar, dass Sozialismus nicht funktioniert, weil eine Wirtschaftsrechnung und die effiziente Steuerung der Produktion nicht möglich ist ohne Marktpreise. Und dass eine Gesellschaft dem Einzelnen keine Anreize gibt, sein "Arbeitsleid" zu überwinden, wenn sie also keinen "wirtschaftlichen Zwang" ausübt. Der historische Streit zwischen Mises und den Sozialisten ist längst entschieden. Mises hat gewonnen, die Geschichte der Sowjetunion lieferte hinlänglich Anschauungsmaterial dazu. Trotzdem wird der sozialistische Traum immer wieder neu geträumt, der Traum von einem "wahren Reich der Freiheit" ohne Zwänge, wie es Karl Marx einst im "Kapital" versprochen hat.

Selbstbestimmte Arbeit heißt nicht, dass es keine wirtschaftlichen Zwänge gibt

Es ist sicher nur ein Zufall, aber während noch beim Naschplatz über "Neue Arbeit" nachgedacht wurde, hatte die Universität in Wien in diesem Jahr den Verein für Socialpolitik zu Gast, die einflussreiche Vereinigung deutschsprachiger Ökonomen. Dort waren auch die Leute vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vertreten. Und die haben vor Kurzem eine interessante Studie veröffentlicht. Danach wird es zu dem von den Künstlern beschworenen Zustand (die Roboter machen unsere Arbeit) nie kommen. Im Gegenteil: Es fehlen in Deutschland Hunderttausende von Arbeitskräften, um die herkömmliche, "alte" Arbeit zu verrichten. Die uralte These, wonach "uns" die Arbeit ausgeht, stimmt einfach nicht.

Es lohnt sich, auch die übrigen Begriffe in der Proklamation von "Park schafft Platz" genauer anzusehen. Was heißt zum Beispiel "gemeinwohlorientiertes" Arbeiten? Wer bestimmt, was Gemeinwohl ist? Der Begriff ist so schillernd wie missbrauchbar, und er wurde missbraucht. Oder warum ist Arbeit nur dann "selbstbestimmt", wenn sie ohne "wirtschaftlichen Zwang" verrichtet wird. Wirtschaftlicher Zwang bedeutet, dass man Produkte herstellt, die anderen Menschen nützen, und dass man dies möglichst effektiv und ressourcenschonend tut. Voraussetzung für selbstbestimmtes Arbeiten ist es aber doch nicht, dass die Produkte der Arbeit niemandem nützen außer einem selbst.

Es ist ein alter Widerspruch, der schon dem - ebenfalls zeitweise in Wien wirkenden - Ökonomen Joseph Schumpeter auffiel: Der Kapitalismus schafft erst die materiellen Voraussetzungen für die militante Kritik an ihm. Heute würde ihm dazu sicher die Documenta einfallen und vielleicht auch der Parkplatz neben dem Wiener Naschmarkt.