Pipers Welt:Wie 1930

Pipers Welt: An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Corona-Krise ist die schlimmste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise. Kann sich die Katastrophe von damals wiederholen?

Von Nikolaus Piper

Das Ungeheuerliche kommt oft mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit daher. Die "schlimmste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise" erwarten Konjunkturforscher unisono. Es war, soweit feststellbar, Gita Gopinath, die Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds (IWF), die in ihrem Blog am 14. April zum ersten Mal den Vergleich zwischen dem "Great Lockdown" 2020 und der "Great Depression" zog. Inzwischen gehört dieser Vergleich zur neuen Normalität.

Unheimlich ist das alles, weil hier eine Dimension ins Spiel kommt, von der man geglaubt hatte, sie gehöre einer finsteren Vergangenheit an. Die Krise, die mit dem Börsenkrach im Oktober 1929 begann und irgendwann 1933 endete, war ja nicht einfach eine Rezession, sie war eine globale Katastrophe. Millionen Menschen stürzten ins Elend, und in Deutschland brachte die Krise schließlich die Nationalsozialisten an die Macht. Wer einmal Volkswirtschaft studierte, der hat gelernt, spätestens in der ersten Vorlesung über Makroökonomie, wie es zur Großen Depression kam und warum so etwas heute nicht mehr passieren kann. Oder, wie es Ben Bernanke formulierte, der frühere Chef der US-Notenbank Federal Reserve: "Die Große Depression zu verstehen, das ist der heilige Gral der Makroökonomie."

Aber ist es überhaupt sinnvoll, 1930 und 2020 miteinander zu vergleichen? Am besten lässt sich die Frage anhand amerikanischer Zahlen beantworten. Der IWF sagt den USA für 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5,9 Prozent voraus. 1930, im ersten Jahr der Weltwirtschaftskrise, schrumpfte die amerikanische Wirtschaft um 8,3 Prozent, auf ihrem Tiefpunkt 1932 um 12,9 Prozent. Die schlimmste Rezession seither war die Finanzkrise 2009 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,8 Prozent. (1946 gab es zwar noch einen Einbruch um 11,6 Prozent. Aber der war Folge der Demobilisierung nach dem Zweiten Weltkrieg und insofern ein Sonderfall.)

Die Aussage von der schlimmsten Rezession seit den Dreißigerjahren stimmt also. Einen Beleg dafür findet man auch auf dem Arbeitsmarkt: Die offizielle Arbeitslosenrate in den USA liegt jetzt bei 14,7 Prozent, das ist deutlich mehr als 1930 (8,7 Prozent. Die Börsen allerdings spiegeln das bisher nicht. Ja, es gab einen kurzen und heftigen Corona-Schock, doch seit dem Tiefpunkt am 23. März hat der Dow Jones schon wieder knapp ein Viertel seines Wertes zurückgewonnen. Jetzt schwanken die Kurse zwar heftig, das ist aber nichts im Vergleich zur Großen Depression,, die mit einem Crash begann. Heute setzen die meisten Anleger darauf, dass die Wachstumskurve, anders als in den Dreißigern, die Form eines "V" annimmt - steil nach unten und bald wieder steil nach oben.

Und hier kommt die Politik ins Spiel. Die Weltwirtschaftskrise war, so sagt man, eine normale Rezession, die erst durch Fehler der Politiker zur Depression wurde. Heute vertrauen fast alle darauf, dass Politiker und Notenbanker aus diesen Fehlern gelernt haben. Und das stimmt ja auch. Niemand käme mehr auf die Idee, gegen die Krise anzusparen, wie es der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning in den Jahren 1930 bis 1932 tat. Im Gegenteil - die Regierungen steuern dagegen, so wie es der große John Maynard Keynes als Konsequenz aus der Krise gelehrt hat. Sie stützen die Wirtschaft und verschulden sich in einem Ausmaß, wie es bis vor kurzem noch unvorstellbar erschienen wäre.

Könnte es sein, dass den Notenbanken in der Krise die Munition ausgeht?

Ihre ganz eigenen Lehren zogen die Notenbanker aus dem Versagen damals. Der Ökonom Milton Friedman, intellektueller Gegner von Keynes, hatte nachgewiesen, dass die Weltwirtschaftskrise auch deshalb so verheerend war, weil die Federal Reserve weder den Absturz der Geldmenge noch den Kollaps des Bankensystems verhindert hatte. Auf einer Konferenz zum 90. Geburtstag Friedmans im November 2002 gab Ben Bernanke, damals an der Spitze der Fed, stellvertretend eine Art kollektives Schuldbekenntnis der Notenbanker gegenüber dem Ökonomen ab: "Sie haben Recht, wir haben es verbockt (We did it). Es tut uns furchtbar leid. Aber dank Ihnen werden wir es nicht wieder tun."

Sechs Jahre später hatte dieser Lernprozess sehr praktische Folgen. In der Finanzkrise fluteten Bernanke, ebenso wie die EZB und andere Notenbanken, die Wirtschaft fast unbegrenzt mit frischem Geld, sie setzten die Zinsen auf null und retteten Banken. Der Erfolg gab ihnen recht. Jetzt setzen sie die erprobte Therapie wieder ein, mit noch viel größeren Summen.

Die Frage ist allerdings, ob das reicht. Was wäre zum Beispiel, wenn die Infektionszahlen im Herbst wieder steigen und ein zweiter Lock-down notwendig werden solle? Was ist, wenn Banken gestützt werden müssen? Was, wenn sich herausstellen sollte, dass man die zerstörerische Kraft des Virus bisher unterschätzt hat? Und was, wenn die Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens sich zu einer großen irrationalen Verweigerung auswachsen?

Vor allem aber: Könnte es sein, dass den Notenbanken die Munition ausgeht, weil sie schon vor der Krise so viel zur Stabilisierung der Wirtschaft getan haben? Im Herbst 1929 lag der Zinssatz der Fed bei sechs Prozent; heute ist er nahe null, im Falle der EZB sogar negativ. Und schließlich noch eine beunruhigende Parallele zu den Dreißiger. Im Juni 1930 hatte der amerikanische Kongress das berüchtigte Smoot-Hawley-Gesetz beschlossen, das die Zölle auf 20 000 Produkte heraufsetzte und den Welthandel zum Erliegen brachte. Heute schwelt ein Handelskrieg zwischen den USA und der neuen Weltmacht China. Im Weißen Haus herrscht der Irrationalismus. Gut möglich, dass noch viel mehr Geld nötig ist, um ein neues 1930 zu verhindern.

© SZ vom 15.05.2020
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