Pipers Welt Weise Frauen

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel.

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Das Gezerre um die Berufung eines anerkannten Ökonomen in den Rat der fünf Weisen zeigt: Geschlechterquoten in der Wissenschaft können tückisch sein.

Von Nikolaus Piper

Es stimmt schon, früher einmal war die Zunft der Ökonomen ein eingeschworener Klub von Männern. Davon konnte die Forscherin Elinor Ostrom ein Lied singen. Sie wollte als junge College-Studentin Ende der 1950er-Jahre an der University of California in Los Angeles einen Doktor der Ökonomie erwerben. Die Fakultät dort sperrte sich aber, weil Ostroms Mathematik-Kenntnisse angeblich nicht reichten. Das entbehrte nicht einer gewissen Komik, denn am College hatte man ihr zuvor von Mathematik-Kursen abgeraten. Ein Mädchen brauche so etwas nicht. Besser wäre es für sie, Maschineschreiben und Steno zu lernen. Die Politologen in Los Angeles immerhin hatten ein Einsehen und akzeptierten Ostrom als Doktorandin, nicht ohne intern heftig darüber zu streiten, ob es überhaupt weibliche Politologinnen geben dürfe. Ostrom promovierte 1965 mit einer Arbeit über Wassermanagement in Südkalifornien.

Im selben Jahr bekam ihr Mann Vincent eine Professur in Indiana angeboten. "Ich ging mit, denn es war in diesen Tagen für jede Fakultät schwer, eine Frau anzustellen." Auch in Indiana zeigten sich die Politologen konziliant. Als Assistenzprofessorin durfte sie Einführungskurse geben - morgens um 7.30 Uhr, zu einer Zeit also, zu der niemand sonst Lust hatte. Irgendwann bekam sie dann doch eine reguläre Professur, und im Jahr 2009, drei Jahre vor ihrem Tod, wurde Ostrom mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt, als erste und bisher einzige Frau. Das Nobelkomitee zeichnete genau die Forschungen über die Verwaltung von Gemeineigentum aus, die Ostrom einst in Los Angeles begonnen hatte, als Politologin, die nicht Ökonomin sein durfte.

Seit den Tagen von Elinor Ostrom hat sich die Welt der Wirtschaftswissenschaften radikal verändert. Immer mehr junge Frauen lassen sich von dem Fach begeistern. Immer mehr Lehrstühle werden von Frauen besetzt. Im Verein für Socialpolitik (VfS), dem Klub der deutschsprachigen Ökonomen, sind heute zwölf Prozent der Professoren Frauen. Das werden bald mehr sein: Bereits 36 Prozent der VfS-Mitglieder zwischen 20 und 29 sind weiblichen Geschlechts. Schön ist auch das Beispiel eines Paares aus Amerika, in dem beide Partner Star-Ökonomen sind. Der Mann, George Akerlof, bekam 2001 den Nobelpreis; seine Frau Janet Yellen wurde 2014 Chefin der US- Notenbank Federal Reserve und damit für fünf Jahre eine der mächtigsten Frauen der Welt.

Auch im hochmögenden Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, den "fünf Weisen", änderten sich die Dinge. Im Jahr 2004 wurde die Schweizer Ökonomin Beatrice Weder di Mauro aufgenommen, als erste Frau und als erste Ausländerin seit Gründung des Rates 1963. Heute sitzt in dem Gremium die international hoch angesehene Finanzmarktexpertin Isabel Schnabel von der Universität Bonn.

Ob Ökonomen neue Impulse geben können, hängt nicht von ihrem Geschlecht ab

Es herrscht also eine neue Normalität, über die sich eigentlich Männer und Frauen uneingeschränkt freuen könnten. Das aber ist leider nicht der Fall. Warum, das hat gerade der Frankfurter Professor Volker Wieland, ein Experte für Geldtheorie und Geldpolitik, erfahren. Wieland sitzt seit fünf Jahren im Rat, als derjenige unter den fünf Weisen, den die Arbeitgeber empfohlen haben. Seine zweite Amtszeit war eigentlich ausgemachte Sache, Wieland genießt als Wissenschaftler einen hervorragenden Ruf. Nur hat er die unangenehme Eigenschaft, ein Mann zu sein. Und das verstößt gegen das Bundesgremienbesetzungsgesetz, kurz BGremBG, fand Anfang des Jahres die damalige Familienministerin Katarina Barley. Das Gesetz sieht vor, dass alle Gremien, in denen der Bund das Sagen hat, paritätisch besetzt werden sollen. Nun ist ein Sachverständigenrat, der aus einer weisen Frau und vier weisen Männer besteht, tatsächlich nicht paritätisch besetzt. Deshalb musste eine Frau her, fanden einige Politiker und Teile der Öffentlichkeit, weshalb die geschäftsführende Bundesregierung die eigentlich für den Februar fällige Entscheidung hinausschob. Das hatte für den Kandidaten Wieland eine wochenlange peinliche Wartezeit zur Folge.

Mittlerweile hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Das Bundeskabinett entschied sich für Wieland, er ist mit sofortiger Wirkung wieder der fünfte Weise. Aber auch wenn der Fall formal abgeschlossen ist, sollte man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern Schlüsse für die Zukunft ziehen. Wissenschaftliche Gremien wie der Sachverständigenrat taugen nicht für Geschlechterquoten. Zum einen ist der Rat zwar ein Gremium des Bundes, seine Mitglieder sollen jedoch, laut Gesetz und anders als die Berater des US-Präsidenten, "unabhängig" sein, sie dürfen explizit nicht der Bundesregierung angehören. Eine verordnete Quote hätte da zumindest einen komischen Beigeschmack.

Zum anderen schwingt bei Debatten um die Quote gelegentlich implizit oder auch explizit die Vorstellung mit, Frauen würden oder müssten eine andere Ökonomie betreiben als Männer. Kerstin Andreae, Sprecherin der Grünen-Fraktion für Wirtschaft, meinte, eine Frau könne "Impulse für die Wirtschaftspolitik in Deutschland" bringen. Heute sei der Rat zu stark auf "Zahlen und Prognosen" fixiert. Stattdessen solle er Debatten über die "Qualität des Wohlstands" führen. Denkt man diese Aussage zu Ende, dann landet man irgendwo dort, wo Elinor Ostrom beginnen musste: Mädchen brauchen keine Mathematik, Frauen untersuchen den Wohlstand qualitativ, ohne Zahlen.

Das Thema könnte im nächsten Jahr wiederkehren. Da wird Peter Bofinger, der als Kandidat der Gewerkschaften im Rat sitzt, aus Altersgründen ausscheiden. Als Nachfolger will der DGB Jens Südekum von der Universität Düsseldorf vorschlagen. Ob ihm die Öffentlichkeit sein Mann-sein verzeihen wird?