Pipers Welt:Tenenbaums Erbe

Nikolaus Piper

Nikolaus Piper schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Freitag. Zeichnung: Bernd Schifferdecker

Die westdeutsche Währungsreform von 1948 zeigt, warum die USA zur Vormacht des Westens wurden. Sie zeigt auch, was heute auf dem Spiel steht.

Von Nikolaus Piper

Viel ist in den vergangenen Tagen die Rede gewesen von der Währungsreform 1948 und was sie für die im Entstehen begriffene Bundesrepublik bedeutete. Man sollte die Geschichte einmal aus der Perspektive jener Amerikaner betrachten, die sich damals daran machten, dem einstigen Kriegsgegner beim Aufbau seiner Wirtschaft zu helfen. Projekte wie die Währungsreform und - noch viel stärker - der Marshall-Plan begründeten die Rolle der Vereinigten Staaten als Führungsmacht des Westens. Die Projekte halfen den Deutschen elementar, sie waren aber alles andere als altruistisch motiviert. Getragen wurden sie von einem tiefen Verständnis für das aufgeklärte Eigeninteresse der Vereinigten Staaten. Damals wurden die USA zur "unverzichtbaren Nation", wie es die frühere Außenministerin Madeleine Albright einmal formulierte. Daran zu erinnern, ist nicht unerheblich in einer Zeit, in der ein amtierender Präsident in Washington dabei ist, diese Rolle systematisch zu zerstören.

Das Erinnern sollte mit Edward Tenenbaum beginnen, einem hochgebildeten New Yorker, der mit nur 26 Jahren zum eigentlichen Vater der D-Mark wurde. Tenenbaum hatte Ökonomie an der Universität Yale studiert und seine Abschlussarbeit über das Thema "Nationalsozialismus und internationaler Kapitalismus" geschrieben. Wie der Historiker David Schoenbaum in der Zeit schrieb, befasste sich Tenenbaum mit der Pervertierung der Wirtschaft im NS-Staat. Das sei keine Nebenerscheinung, sondern ein "Wesensmerkmal des Nationalsozialismus, ja für die Triebkraft seiner imperialistischen Fressgier". Der Nationalsozialismus könne endgültig nur überwunden werden "im Rahmen eines neuen internationalen Systems, das die Wirtschaft vor der Selbstsucht des Staates bewahren und deren Eigengesetzlichkeit wieder achten und anerkennen würde". Damit war er gar nicht so weit entfernt von den ordoliberalen Ökonomen rund um Walter Eucken, die sich etwa zur gleichen Zeit in Freiburg Gedanken um eine Nachkriegsordnung Deutschlands machten.

Tenenbaum wurde 1942 zur Armee eingezogen; weil er aber stark kurzsichtig war, setzte man ihn nicht an der Front ein, sondern beim Geheimdienst OSS. Am 11. April 1945 betrat er als erster amerikanischer Soldat das Konzentrationslager Buchenwald. Später wurde er in das Team der Finanzberater von General Lucius D. Clay, dem Militärgouverneur in der amerikanischen Zone, berufen. In der Funktion bereitete er die Währungsreform vor. Er hatte deren Konzept zwar nicht entworfen, aber er setzte es mit alliierten und deutschen Experten durch, und manchmal auch gegen sie. Tenenbaum beherrschte fünf Sprachen, darunter Deutsch. Vielleicht leitete ihn sein Sprachgefühl, als er unter mehreren Vorschlägen den Namen für die neue Währung aussuchte: "Deutsche Mark". Wäre die neue Währung so populär geworden, wenn sie "Batzen" geheißen hätte, wie einige wollten?

Tenenbaum gehört zu einer Generation amerikanischer Ökonomen, die exakte Analyse und Praxisbezogenheit mit humanistischer Leidenschaft verbanden. Einige von ihnen wurden später berühmt: Charles Kindleberger, John Kenneth Galbraith und Walt Rostow. Sie trugen mit zur Hegemonie der amerikanischen Wirtschaftswissenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg bei, einem Stück soft power, wie man heute sagt, ähnlich wichtig wie die wunderbare Musik, die Amerikaner nach dem Krieg mitbrachten.

Edward Tenenbaum selbst wurde nie berühmt, wohl weil er ein "unterentwickeltes Geltungsbedürfnis" (David Schoenbaum) hatte. Er fristete sein Leben als Finanzberater und kam 1975 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. In Fuldatal, wo im April 1948 das berühmte Konklave von Rothwesten zur Vorbereitung der Währungsreform tagte, ist inzwischen immerhin eine Straße nach ihm benannt.

Auch George Marshall wäre in dem Kontext zu nennen. Der General überzeugte seine Landsleute, dass es sinnvoll war, jährlich 1,1 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts in den Wiederaufbau Europas zu stecken. Oder der republikanische Senator Arthur Vandenberg aus Michigan, der dieses Programm gegen den isolationistischen Teil seiner Partei im Kongress durchsetzte. Der Marshall-Plan half nicht nur den Europäern, er diente auch amerikanischen Interessen - kurzfristig, weil er Aufträge für die US-Industrie bedeutete, langfristig, weil er half, den Einfluss der Sowjetunion einzudämmen. Er war ein Beleg dafür, dass internationale Beziehungen kein Nullsummenspiel sind.

George Kennan wusste: Amerikas Wohlergehen hängt von dem der Europäer ab

Ganz nüchtern hat dies der einflussreiche Diplomat George Kennan formuliert: Die Amerikaner, so schrieb er 1947, würden unausweichlich davon beeinflusst, "ob die Europäer einen guten Job dabei machen, sich selbst zu helfen". Deshalb zwangen die USA die Europäer mit sanfter Erpressung zu ihrem Glück: Marshall-Plan-Hilfe gab es nur, wenn sie zusammenarbeiteten. Auf diese Weise wurde Marshall auch so etwas wie ein Großvater der europäischen Einigung.

Man weiß nicht, ob Kennan, Marshall oder Tenenbaum jemals den Begriff "America First" in den Mund genommen haben. Sehr wahrscheinlich ist es nicht. Vielleicht hat aber der eine oder andere an die für die amerikanische Geschichte so wichtige rhetorische Figur der "City upon a Hill" gedacht. "Wir wollen eine Stadt auf dem Hügel bauen", sagte einst der puritanische Prediger John Winthrop: Amerika müsse ein Vorbild für andere Nationen werden. John F. Kennedy und viele andere griffen die Metapher auf. Furchtbar oft haben amerikanische Regierungen dem Hohn gesprochen, in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch nicht. Und wer daran zurückdenkt, ahnt, was in diesen Monaten alles verloren geht.

© SZ vom 22.06.2018
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