Pipers Welt:Spontane Ordnung

Pipers Welt: An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

Wie sollen Städte künftig den Verkehr regeln, wenn sie lebenswert bleiben und dabei klimaneutral werden wollen? Anregungen dazu können die Erfahrungen mit dem verheerenden Hurrikan "Sandy" 2012 in New York liefern.

Von Nikolaus Piper

Am 15. März werden in Bayern neue Bürgermeister, Gemeinde- und Kreisräte gewählt. Eines der wichtigsten Themen dabei wird der Verkehr in den Städten sein, und ob dieser angesichts des anhaltenden Zuzugs und des Klimawandels neue Regeln braucht. Die Grünen zum Beispiel wollen aus München eine Fahrradstadt machen mit Radlstraßen, -schnellwegen und Grünphasen nur für Radler. Die CSU will es auch grüner habe, lehnt aber gleichzeitig eine Politik gegen das Auto ab. Sie wettert etwa gegen den "Kahlschlag" an Parkplätzen in der Münchner Innenstadt. Die FDP fordert die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer, von Fußgängern, Radlern und Autos.

Für Ökonomen ist das ein faszinierendes Thema, ganz unabhängig davon, was letztlich dabei heraus kommt. Ökonomen interessieren sich immer dafür, wie Politiker Regeln festsetzen und ob sie dabei erreichen, was sie vorhaben oder nicht. Zugegeben, in der Theorie der Regulierung geht es normalerweise nicht um Verkehrsregeln, sondern um die Regeln auf Finanz- und Telekommärkten oder, ganz allgemein, um den Kampf gegen Monopole. Verkehrsregeln waren eher etwas für Stadtplaner und Experten in Sachen Verkehrssicherheit. Heute jedoch sind angesichts des Klimawandels Verkehrsfragen auch Existenzfragen: Wie kann man den Ausstoß an Kohlendioxid auf Null reduzieren und gleichzeitig Mobilität möglich machen und lebenswerte Städte erhalten?

Insofern gibt es gute Gründe, die Frage der Verkehrsregeln einmal ganz grundsätzlich zu betrachten. Dazu bietet sich ein Experiment an, das die Einwohner New Yorks vor mehr als sieben Jahren über sich ergehen lassen mussten.

Es war in der Nacht zum 30. November 2012, als der Hurrikan "Sandy" in der Gegend von Atlantic City auf das nordamerikanische Festland traf. Für die Millionenstadt New York, 150 Kilometer nordöstlich gelegen, sollte es eine der schlimmsten Sturmkatastrophen der Geschichte werden. Mindestens 53 Menschen starben, unzählige Häuser wurden zerstört, Teile der U-Bahn standen unter Wasser. Die Börse an der Wall Street blieb zwei Tage hintereinander geschlossen.

Was "Sandy" besonders tückisch machte, war, dass der Sturm ungewöhnlich viel Wasser aus dem Atlantik in den Long Island Sund drückte. Das Wasser schwappte nicht nur in Straßen und U-Bahn-Tunnel, sondern auch über die Mauern eines Umspannwerks des Stromversorgers Con Edison. Das hatte zur Folge, dass in Manhattan südlich der 30. Straße tagelang der Strom ausfiel. Kein elektrischer Strom aber bedeutet auch: keine Straßenlaternen und vor allem keine Ampeln. Ein paar Tage lang waren in Manhattan also die Verkehrsregeln vielleicht nicht ausgesetzt, aber doch weitgehend irrelevant geworden. Man kam im Süden Manhattans zwar noch voran, aber man brauchte ein gutes Stück Common Sense, besonders nachts. Der Nobelpreisträger Friedrich A. von Hayek hätte das Ergebnis vielleicht augenzwinkernd eine "spontane Ordnung" genannt. Der Impuls der Menschen zu handeln, so schrieb Hayek in anderem Zusammenhang, "ist etwas, das nur sie selbst berührt; und nur dadurch, dass sie in ihrem Handeln durch Regeln in Schranken gehalten werden, entsteht eine Gesamtordnung".

Das Schöne war: Nach Sandy entstand in Manhattan eine neue Ordnung des Verkehrs, und sie funktionierte. Alles ging langsamer voran, aber es ging voran. Keine größeren Unfälle wurden gemeldet und sogar New Yorks Taxifahrer, in normalen Zeiten wegen ihres kriminellen Fahrstils gefürchtet, waren zahm wie Lämmer. Den West Side Highway, eine sechsspurige Autobahn, die bis an die Südspitze Manhattans führt, konnte man als Fußgänger gefahrlos überqueren, auch bei Nacht. Hilfreich war sicher auch, dass die Autofahrer gezwungen waren, Benzin zu sparen. Der Hurrikan hatte Hafenanlagen zerstört, über die normalerweise Öl und Benzin für die Stadt angelandet werden. Daher rationierte die Stadtverwaltung Treibstoff: Am einen Tag durften die Autos mit einer geraden Zahl auf dem Nummernschild tanken, am nächsten Tag die mit einer ungeraden Zahl. Für viele Tankstellen war die Regel allerdings bedeutungslos, weil sie sowieso kein Benzin bekommen hatten.

Der Stromausfall von Manhattan war sicher eine Ausnahmesituation. Ein äußerer Feind wie ein Hurrikan macht solidarisch und mobilisiert bei vielen Menschen die Logik des Nächstliegenden. Die Frage ist, ob so etwas nicht nur bei einem Hochwasser funktioniert, sondern auch, wenn die Not zwar nicht so akut ist, dafür mittelfristig um so größer und komplexer? Wenn es also darum geht, Konsequenzen aus der Erderwärmung zu ziehen.

Eine verblüffende Ähnlichkeit zur Realität in Manhattan nach "Sandy" hat etwa das Konzept des "Shared Space" (Gemeinschaftsraum), das sich einst der niederländische Stadtplaner Hans Monderman ausgedacht hatte. Im Gegensatz zu einer normalen Fußgängerzone sind im Shared Space alle Verkehrsteilnehmer absolut gleichberechtigt. Weder Autos, noch Fahrräder, noch Fußgänger haben Vorfahrt. Es gibt keine Verkehrsschilder mehr, keine Ampeln und keine Bordsteine. Versuche mit dem Konzept im vergangenen Jahrzehnt legen nahe, dass die Sache mit dem gesunden Menschenverstand auch hier funktioniert. Der Verkehr wurde beruhigt, der Straßenraum ist besser genutzt, und in den meisten Fällen gab es auch weniger Verkehrsunfälle.

So gesehen ist es eigentlich schade, dass die Stadt New York aus der Notlage 2o12 nicht einfach einen verkehrspolitischen Großversuch gemacht hat. Aber damals war wohl die Zeit in Amerika noch nicht reif für so etwas. Manhattans Taxis jedenfalls fahren heute wieder so kriminell wie eh und je.

© SZ vom 24.01.2020
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