Pipers Welt:Selbstmord begehen

Nikolaus Piper

Nikolaus Piper schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Freitag. Zeichnung: Bernd Schifferdecker

Vor 100 Jahren legte eine Kommission Vorschläge für die Vergesellschaftung der deutschen Kohleindustrie vor. Ihr Schicksal ist lehrreich.

Von Nikolaus Piper

Joseph Schumpeter war nicht nur ein großer Ökonom, sondern auch ein Sprücheklopfer. Kurz nach der Revolution im November 1918 trat der konservative Österreicher auf Einladung von Friedrich Ebert in die Sozialisierungskommission ein, die der Rat der Volksbeauftragten zuvor eingesetzt hatte. Sie sollte prüfen, ob und gegebenenfalls wie die deutsche Industrie in Gemeineigentum zu überführen wäre. Als jemand Schumpeter fragte, wie er, der immer den schöpferischen Unternehmer verherrlicht hatte, bei so etwas denn mitmachen könne, antwortete er: "Wenn jemand Selbstmord begehen will, ist es gut, wenn ein Arzt dabei ist."

In diesen Tagen sind es 100 Jahre, dass diese Sozialisierungskommission ihren vorläufigen Abschlussbericht vorgelegt hat. Die Kommission ist heute fast vergessen, und dies aus gutem Grund, schließlich hatte ihre Arbeit keinerlei politische oder praktische Konsequenzen. Andere Ereignisse aus den ersten Monaten des Jahres 1919 waren für den Verlauf der deutschen Geschichte ungleich wichtiger: der Spartakusaufstand gegen die junge Republik, das Bündnis der SPD mit den Kräften des alten Systems, der Terror der Freikorps, die Morde an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Kurt Eisner. Trotzdem verdient die Kommission eine ehrende Anerkennung. Sie war kein tumbes Verstaatlichungskomitee, sondern vermittelt in ihrem intellektuellen Anspruch und ihren offenen Widersprüchen ein Gefühl dafür, welche geistigen Kräfte 1918 freigesetzt wurden, im Positiven wie im Negativen.

Das fängt mit der Berufung von Schumpeter an. Der Professor von der Universität Graz hob das intellektuelle Niveau der Diskussion in dem Gremium, berichteten Teilnehmer später. Wobei der Konservative die Sozialisten nicht etwa bremste, sondern, im Gegenteil, für den weitestgehenden Vorschlag votierte, die sofortige Sozialisierung der Kohleindustrie. Warum sich Schumpeter so verhielt, darüber stritten die Zeitgenossen. Der Ökonom Gottfried Haberler, selbst Österreicher, glaubte, Schumpeter habe ein typisch österreichisches Laster gehabt: Er wollte nett zu seinen Freunden sein.

Der Freund, das war in diesem Fall der linke Ökonom Emil Lederer, der die Debatten in der Kommission wesentlich prägte und später Pläne für Arbeitsbeschaffung im großen Stil entwickeln sollte. Geleitet wurde das Gremium von Karl Kautsky, viele Jahre lang so etwas wie der Chefideologe der SPD. Mitglieder waren ferner der liberale Bankier Theodor Vogelstein, der ebenso liberale Sozialreformer Ernst Francke und der sozialdemokratische Politiker und Theoretiker Rudolf Hilferding, dessen Hauptwerk "Das Finanzkapital" schon einmal als der "vierte Band des Kapitals" von Karl Marx bezeichnet worden war.

Bemerkenswert ist, dass die Sozialisierungskommission weder die Verstaatlichung der Industrie vorschlug, noch eine Liste der zu nationalisierenden Betriebe vorlegte. Der Mehrheitsbericht, den auch Schumpeter unterzeichnete, lehnte eine Verstaatlichung sogar explizit ab, weil dies nur zu einem "Staatskartell" in der Industrie führen würde. Aber so wie im Kaiserreich könne es auch nicht weitergehen, besonders nicht in der Kohleindustrie. Die Lösung war eine Art dritter Weg: Die Unternehmen sollten weder Kapitalisten noch dem Staat gehören, sondern der Gesellschaft. Sie sollten demokratisch verfasst sein und von "kreativen Persönlichkeiten" geführt werden. Letzteres klingt, als stamme es aus der Feder Schumpeters.

Der Kriegskommunismus als abschreckendes Beispiel für Verstaatlichung

Wäre diese Idee Gesetz geworden, hätte Deutschland einen öffentlich-rechtlichen Kohlebergbau bekommen, eine Art Montan-ARD vielleicht. Kaum vorstellbar, dass das funktioniert hätte. Tatsächlich jedoch interessierte sich niemand für die Vorschläge. Auch eine zweite Sozialisierungskommission blieb folgenlos. Noch 1928, zum zehnten Jahrestag der Revolution, hielt Kurt Tucholsky der SPD vor, dass sie die "revolutionäre Sozialisierung" der Industrie verhindert habe und schloss: "Die deutsche Revolution steht noch aus."

Das Problem dabei ist, dass es 1918 durchaus Anschauungsmaterial über "revolutionäre Sozialisierungen" gab. Im November 1917 (westliche Zeitrechnung) hatte Lenin, sofort nach der Machtergreifung der Bolschewiki, Russlands Großgrundbesitzer und Bankiers entschädigungslos enteignet. Industriebetriebe stellte er unter Arbeiterkontrolle. Die Unternehmer behielten ihr Eigentum formal noch eine Zeitlang, mussten aber die Anweisungen von Arbeiterräten ausführen. Das führte, wie zu erwarten, zu einer katastrophalen Versorgungskrise, auf die Lenin dann mit dem sogenannten Kriegskommunismus reagierte, mit Konfiszierungen und Terror.

Es ist nicht klar, wie viel die deutsche Kommission von dem allen wusste. Sicher ist, dass die KPD, aber auch die USPD eine radikale Verstaatlichung mit allen Konsequenzen wollten. Emil Barth, der für die USPD im Rat der Volksbeauftragten saß, erklärte: "Was gehört dazu, dass morgen eine Verfügung hinausgeht, die einfach bestimmt: Der Kohlenbergbau ist von heute ab weiterzuführen in der Weise, dass er jetzt Staatseigentum ist?" Kein Direktor habe das Recht, seinen Platz zu verlassen - "und wehe ihm, wenn er es nicht genauso gut macht wie bisher".

Zu der Geschichte gibt es noch eine Fußnote, die Schumpeter wohl gefallen hätte. 1968, fünfzig Jahre nach der Novemberrevolution, zwang ein SPD-Wirtschaftsminister (Karl Schiller) die deutsche Kohleindustrie tatsächlich in ein staatlich subventioniertes Kartell mit Namen Ruhrkohle AG. Nicht weil die Kohlebarone so mächtig gewesen wären, sondern weil sie mit der Billigkonkurrenz aus dem Ausland nicht fertigwurden. Heute ist die letzte Zeche geschlossen, die Ruhrkohle heißt Evonik AG und möchte mit Kohle nichts mehr zu tun haben.

© SZ vom 01.03.2019
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