Pipers Welt:Mackenroths Theorem

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Der Soziologe hat Deutschland geprägt mit der Aussage, "dass aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muss". Hatte er recht?

Von Nikolaus Piper

Im letzten Kapitel seiner "Allgemeinen Theorie" schreibt John Maynard Keynes: "Die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger als üblicherweise angenommen (. . .) Praktiker, die von sich glauben, sie unterlägen keinerlei intellektuellen Einflüssen, sind in der Regel die Sklaven eines längst verstorbenen Ökonomen." An dies berühmte Zitat denkt, wer in diesen Tagen die Debatten über die Zukunft der Rente verfolgt mit ihren ganzen Schlagworten: Rente mit 70, Altersarmut, Riester gescheitert, Lebensleistungsrente.

Die Rede ist von einem Mann, dessen Name heute nur noch Experten geläufig ist: Gerhard Mackenroth (1903-1955). Mackenroth hatte einen Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Kiel. Während des Dritten Reiches war er Mitglied von NSDAP und SA gewesen, danach prägte er die deutsche Sozialpolitik. Vor allem ein Aufsatz aus dem Jahr 1952 über einen deutschen "Sozialplan" wirkt bis heute nach. Darin postuliert Mackenroth, "dass aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muss". Es sei egal, ob Renten angespart oder aus laufenden Beiträgen ("umlagefinanziert") bezahlt werden. Mackenroths Aufsatz wirkte. Am 21. Januar 1957 beschloss der Bundestag die umlagefinanzierte Rente, so wie sie bis heute besteht, ohne Kapitaldeckung.

(Foto: N/A)

Der Satz des Professors ging als "Mackenroth-Theorem" in die Geschichte ein. Er ist in seinem Kern zweifellos richtig. Mackenroth popularisierte nur die einfache ökonomische Erkenntnis, dass man Ressourcen nicht durch die Zeit transportieren kann. Jede Rentner-Generation muss von der jeweils aktiven Generation unterhalten werden. Mackenroth irrte jedoch, als er schloss, Renten seien deshalb immer irgendwie umlagefinanziert, weshalb Kapitaldeckung keinen Sinn habe. Der Schluss beruht auf drei Unterstellungen: Erstens, dass die Angehörigen einer Generation mit den Beitragszahlern dieser Generation identisch sind. Zweitens, dass die Welt hinter der deutschen Grenze aufhört. Und drittens, dass die Menschen Automaten sind, die ihr Verhalten nicht selbständig ändern können.

Alle drei Punkte haben offenkundig nichts mit der Realität zu tun. Wer privat vorsorgt, der erwirbt Ansprüche an viel mehr Menschen als nur die Gemeinschaft der Pflichtversicherten, und zwar in einer globalisierten Wirtschaft auch jenseits der deutschen Grenzen. Wenn eine kapitalgedeckte Rente zur gesetzlichen dazu kommt, dann ist es leichter, die Sozialbeiträge zu begrenzen. Das entlastet den Faktor Arbeit und fördert die Beschäftigung. So sah bei Einführung das Kalkül hinter der Riester-Rente aus, so wäre auch die Logik, würde man die Betriebsrenten stärker fördern.

Gegen diese Logik formiert sich in diesen Tagen erbitterter Widerstand, beim DGB, bei Sozialverbänden und in Teilen von SPD und CSU. Der falsche Schluss von Gerhard Mackenroth wird dabei noch ins Extrem überdehnt: Riester sei ein "Irrweg", Staatszuschüsse für Riester- und Betriebsrenten schwächten nur die bestehende Rente. Außerdem bereicherten sich nur Banken und Versicherungen an den Riester-Produkten.

Es mag sein, dass Riester zu teuer und bürokratisch ist. Nichts spricht gegen eine gründliche Reform. Aber der Glaube, es schade den Rentnern, wenn der Staat den Jungen bei der Vermögensbildung hilft, gehört zu den großen Irrtümer der Sozialpolitik - ähnlich wie seinerzeit Adenauers Erkenntnis: "Kinder bekommen die Leute immer."

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel.

© SZ vom 13.05.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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