Pipers Welt:Gute Geschichten

Pipers Welt: An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Nobelpreisträger Robert Shiller lehrt, welche Macht Narrative in der Wirtschaft haben. Doch für komplexe Themen wie Armut gibt es keine einfachen Anworten.

Von Nikolaus Piper

Unser Gehirn ist nicht unbedingt für die Aufnahme von komplexen Fakten eingerichtet. Deshalb lieben wir gut erzählte Geschichten, unabhängig davon, ob die Fakten stimmen oder nicht. Legenden können daher große Macht entfalten. Ganze Zweige der Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit der Rolle von Erzählungen ("Narrativen") im Leben der Menschen: Es gibt narrative Psychologie, Soziologie und Religionssoziologie.

Auch in der Ökonomie spielen Narrative eine zentrale Rolle. Man weiß zwar schon lange, dass die Menschen nicht die nüchternen Nutzenmaximierer sind, wie sie in vielen mikroökonomischen Modellen vorkommen. Aber nun hat der Nobelpreisträger Robert Shiller von der Universität Yale über Narrative in der Ökonomie ein faszinierendes Buch geschrieben: "Narrative Economics" (SZ vom 8.10.2019). Es dürfte das Nachdenken über Wirtschaftstheorie grundlegend und nachhaltig verändern.

Narrative, so Shiller, führen ein Eigenleben, ähnlich wie Epidemien: Sie sind plötzlich da, breiten sich aus und verschwinden irgendwann wieder. Und sie können immensen Schaden anrichten, wenn sie eine falsche Wirtschaftspolitik begründen. Ein Beispiel ist das Narrativ von den Maschinen, die uns die Arbeit wegnehmen. Es taucht seit fast zwei Jahrhunderten immer wieder auf. Einst löste die Geschichte Maschinenstürmerei aus, heute begründet es die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle.

Shillers schönstes Beispiel aber ist die "Laffer-Kurve". Diese verdankt ihren Namen dem libertären Ökonomen Arthur Laffer. Der hatte Ende der 1970er Jahre behauptet, der Staat könne seine Einnahmen dadurch erhöhen, dass er die Sätze der Steuern senkt. Die Idee dahinter ist einfach: Läge der Steuersatz bei null Prozent, nähme der Staat logischerweise nichts ein; läge er bei 100 Prozent ebenfalls, denn dann wäre niemand mehr bereit, (legal) zu arbeiten. Zwischen beiden Punkten liegt das heute erzielte tatsächliche Steueraufkommen, sagen wir 100 Milliarden Dollar. Verbindet man die drei Punkte, bekommt man eine Kurve, die einen Gipfel hat und einen Abschnitt mit negativer Steigung, in dem sinkende Steuersätze wirklich zu höheren Einnahmen führen würden.

Drei Dinge machten die Laffer-Kurve so populär: Sie versprach konservativen Politikern ein Schlaraffenland, sie sah aus wie eine Glocke, was man sich leicht merken konnte. Und es gab eine schöne Geschichte über ihre Entstehung. Angeblich hatte sie Laffer 1974 in dem Restaurant "Two Continents" in Washington auf eine Papierserviette gemalt. Laffer selbst hat längst zugegeben, dass die Anekdote die freie Erfindung eines Journalisten vom Wall Street Journal war (im "Two Continents" gibt es nur Stoffservietten). Aber da hatte die Laffer-Kurve längst ihren Siegeszug angetreten. Sie lieferte die Begründung für große Steuersenkungen in den USA. Diese belebten zwar das Wachstum, von steigenden Steuereinnahmen aber konnte nie die Rede sein. Stattdessen begann in Amerika ein bis dahin in Friedenszeiten beispielloser Anstieg der Staatsverschuldung.

Und dann wäre noch von einem anderen, derzeit sehr populären Narrativ zu reden: "Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer." Bei Robert Shiller kommt es nicht vor, aber im deutschen Alltag ist es allgegenwärtig. Es beherrscht den akademischen Diskurs und es könnte mit dazu beigetragen haben, dass die SPD gerade dabei ist, Selbstmord zu gehen. Das Narrativ lässt sich auch gut illustrieren, schließlich gibt es obszön zur Schau gestellten Reichtum ebenso wie bedrückende Armut. Aber belegen diese Bilder, dass alles immer ungleicher wird?

Die Wirklichkeit ist komplizierter. Das kann man an dem gebräuchlichen Maß für Ungleichheit, dem Gini-Koeffizienten zeigen. Ein Gini von null würde bedeuten, dass alle Mitglieder der Gesellschaft exakt gleich viel verdienen, bei einem Gini von eins bezöge ein einzelner das gesamte Einkommen. In Deutschland hat der Gini der Einkommen sei Ende der 1990er Jahre tatsächlich zugenommen, er stieg von 0,256 (1995) auf 0,289 (2005). Seither stagniert der Wert. Im Jahr 2016 gab es noch einmal einen Rekord von 0,29, der Anstieg ist aber ausschließlich auf den Zuzug von Flüchtlingen zurückzuführen. Wenn ein Land arme Menschen aufnimmt, sollte man dann behaupten, die Armen dieses Landes seien ärmer geworden? Mit den Worten des früheren Caritas-Direktors Georg Cremer: "Die Einkommensschere hat sich geöffnet, aber sie öffnet sich nicht immer weiter."

Oder die Vermögen: Die gemessene Ungleichheit der Vermögen liegt in Deutschland mit einem Gini von 0,78 im europäischen Vergleich extrem hoch. Aber warum ist das so? Der mit Abstand wichtigste Teil der Altersversorgung ist für die meisten Deutschen die Rente, und die wird offiziell nicht als Vermögen gezählt. Berücksichtigt man dies, liegt Deutschland mit einem Gini von 0,59 im europäischen Mittelfeld.

Auch das Thema Armut ist komplex. Dass sie sich verfestigt, hat nichts dem Reichtum der anderen zu tun. Das größte Armutsrisiko für Menschen in den Städten liegt heute darin, keine bezahlbare Wohnung zu finden. Armutsbekämpfung läge daher zu einem wesentlichen Teil darin, neuen Wohnraum zu schaffen. (In Berlin, wo der Senat sich einbildet, eine besonders soziale Wohnungspolitik zu betreiben, sinken die Baugenehmigungen seit zwei Jahren.) Wünschenswert wäre es auch, Vermögen gleichmäßiger zu verteilen. Das erreicht man aber nicht dadurch, dass man den Reichen ihr Vermögen wegbesteuert, sondern durch gezielte Förderung der Vermögensbildung für die untere Mittelschicht. Kaum jemand bestreitet diese Zusammenhänge, aber sie sind eben sehr schwer in ein zündendes Narrativ zu packen. Und unser Gehirn liebt nun einmal gute Geschichten.

© SZ vom 06.12.2019
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