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Pipers Welt:Gemeinwohl

An dieser Stelle schreiben Nikolaus Piper und Franziska Augstein jeden Freitag im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Was die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom und das Bewässerungssystem einer 500-Seelen-Gemeinde in den Schweizer Bergen heute über die Pandemie sagen können.

Von Nikolaus Piper

Seit die Corona-Pandemie in Deutschland angekommen ist, hat der viel ge- und missbrauchte Begriff "Gemeinwohl" eine neue konkrete Bedeutung gewonnen. Das Gemeinwohl wahren - das ist nicht mehr wolkige Kritik am Kapitalismus. Es bedeutet, unter Umständen große Opfer zu bringen, damit möglichst viele Menschen vor einer brutalen Krankheit geschützt werden. Das beginnt mit Einschränkungen der Lebensqualität und der zwischenmenschlichen Beziehungen ("Social Distancing"), geht weiter mit Eingriffen in die Rechte von Eltern und Schülern und ist mit dem Verzicht auf Fernreisen noch lange nicht zu Ende. Nun mehren sich die Zeichen, dass Menschen die Geduld verlieren und die Disziplin nachlässt. Wie geht man mit Leuten um, die auf das Gemeinwohl pfeifen, die ohne Masken herumlaufen, Corona-Partys feiern oder behaupten, die Pandemie sei eine Verschwörung von Angela Merkel und Bill Gates?

Einfache Antworten auf die Fragen gibt es nicht. Aber es ist eine gute Idee, sich gerade jetzt mit Elinor Ostrom zu befassen. Die Professorin von der Indiana University in Bloomington wurde 2009 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet, als erste Frau überhaupt. Ostrom starb 2012, sie kannte Corona also nicht mehr. Aber sie forschte über das Gemeinwohl und darüber, wie Menschen zusammenarbeiten. Konkret ging es Ostrom um die Allmende. Der Begriff stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet Gemeinschaftseigentum. Allmenden waren früher Weideflächen, Wälder und andere Ressourcen, die niemandem gehörten, aber von allen genutzt werden konnten. Nach der Lehre der klassischen Ökonomie wurden Allmenden systematisch übernutzt, die Bauern trieben zu viel Vieh auf die Weiden und holten zu viel Holz aus dem Wald, weshalb die Erträge sanken. Beispiele für diese "Tragik der Allmende" gibt es auch in der Gegenwart. Die Weltmeere sind eine Allmende, sie werden überfischt und vermüllt. Der Klimawandel hat damit zu tun, dass die Erdatmosphäre eine Allmende ist. Und auch den Schutz vor Corona kann man als Allmende deuten. Zwar handeln ältere Menschen im eigenen Interesse, wenn sie sich an die Regeln halten, schließlich bedeutet das Virus für sie eine tödliche Gefahr. Junge Menschen haben dagegen ein geringeres Risiko, mit ernsten Symptomen zu erkranken. Sie müssen sich am Gemeinwohl orientieren.

Elinor Ostroms Beitrag zur Ökonomie liegt in dem Nachweis, dass es in der Praxis Allmenden gibt, die funktionieren. Sie analysierte auch, warum das so ist. Eines ihrer Beispiele war ein mehrere Hundert Jahre altes System von gemeinschaftlich bewirtschafteten Bewässerungsgräben in Törbel, einem Bergdorf mit 468 Einwohnern im Schweizer Kanton Wallis. Die Gräben gehören niemandem. Trotzdem erfüllen sie seit Jahrhunderten ihre Aufgabe.

Egoistisches Verhalten ist ansteckender als altruistisches

Ein paar Bedingungen allerdings müssen erfüllt sein, damit die Dinge so laufen können: ein klar definierter Kreis von Nutzern; Beteiligung aller an Entscheidungen; Sanktionen, wenn jemand gegen die Regeln verstößt; ein einfaches Verfahren, um Streitfragen zu schlichten. Und schließlich ist Vertrauen und Bereitschaft zur Kooperation nötig. Es liegt nahe, dass all dies in einem Dorf mit knapp 500 Einwohnern leichter zu erreichen ist als in einem Land mit 83 Millionen.

Ökonomen versuchen trotzdem, aus alldem Schlüsse für den Umgang mit Corona zu ziehen. Axel Ockenfels, Verhaltensökonom an der Universität Köln, beschreibt das Problem der Kooperation in der Pandemie so: "Viele Menschen sind anfänglich sehr kooperationsbereit. Doch Kooperation ist leider fragil und löst sich oft mit der Zeit auf. Schließlich gibt es viele selbstlose Menschen, aber auch Menschen, die vornehmlich den eigenen Vorteil suchen." Letztere steckten dann die anderen an. "Egoismus ist ansteckender als Altruismus."

Die meisten Menschen hätten sich im März noch an die Regeln gehalten und dabei auch hohe persönliche Kosten in Kauf genommen. Doch mittlerweile bröckelten die Verhaltensnormen. Die Kosten der Pandemieregeln stiegen immer weitere, die Menschen würden nachlässiger. Ockenfels' Schluss: "Eine kluge Kommunikation über die Sachverhalte und die Verhaltensnorm der Mehrheit der Deutschen kann den Gemeinschaftsgeist im Kampf gegen das Virus stärken. Dies wäre ein toller Erfolg." Fraglich sei aber, ob es gelinge, genügend Menschen zu erreichen. Eine Gesellschaft könne zwar in der Regel noch ganz gut verkraften, wenn sich einige Autofahrer rüpelhaft verhalten, solange sich die große Mehrheit an die Regeln hält. In einer Pandemie könne aber schon ein vergleichsweise kleiner Anteil der Bevölkerung die Anstrengungen der Mehrheit zunichtemachen. Notfalls müsse es Geld für regelkonformes Verhalten sowie eine Verschärfung der Sanktionen bei leichtfertigen Regelverstößen geben. Die Kunst liege darin, die richtige Mischung zwischen weichen und harten Anreizen zu finden.

Wahrscheinlich kann man auch von Ökonomen keine Patentrezepte für eine Situation erwarten, die bisher noch niemand erlebt hat. Aber sie können dabei helfen, zielgerichteter danach zu suchen. Elinor Ostrom sagte in ihrer Nobelpreisrede, es gehe nicht darum, einzelne Menschen zu richtigem Verhalten zu zwingen oder zu drängen. Ziel müsse es vielmehr sein, "Institutionen zu schaffen, die das Beste im Menschen wecken". Das hilft zwar nicht in der akuten Notsituation, ist aber ein gutes Motto für die Zeit nach Covid 19.

Die gemeinschaftlich betriebenen Wasserkanäle in Törbel, die Elinor Ostrom einst beschrieben hat, funktionieren übrigens auch heute noch. Wer will kann die neuesten Bewässerungspläne auf der Website der Gemeinde einsehen (www.toerbel.ch).

© SZ vom 21.08.2020

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