Pipers Welt Feindbild a. D.

An dieser Stelle schreiben Nikolaus Piper und ab kommenden Freitag Jutta Allmendinger im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

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Für Deutschland war die Deutsche Bank immer ein Stück Identität, zog gleichzeitig aber auch Kritik und Hass auf sich. Nun ist Zeit, Bilanz zu ziehen.

Von Nikolaus Piper

Ein paar Anlässe gibt es im deutschen Theater, da ist Szenenapplaus fast unvermeidlich. Zum Beispiel wenn in Bert Brechts Dreigroschenoper der Gangster Mackie Messer seine antikapitalistische Weisheit verkündet: "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Der Spruch ist irgendwie gut und trifft die Überzeugung des Publikums, wonach Banker erstens Verbrecher sind und zweitens die Welt beherrschen. Mit dem Szenenapplaus macht das Publikum klar: "Ja, genau so ist es." Manche glauben sogar, dass der inzwischen 91 Jahre alte Text heute, ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise, ganz besonders aktuell ist. Tom Kindt jedenfalls, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Freiburg (Schweiz), gab noch 2016 ein "Brecht-Brevier zur Wirtschaftskrise" heraus und überschrieb das Buch mit dem Satz von Überfall und Gründung einer Bank. Brecht biete "einen neuen Blick auf die Erschütterungen, die Banken und Börsen, Währungen und Gesellschaften seit langem an den Rand des Abgrunds drängen", heißt es im Vorwort.

Vielleicht sollte man einen jener 18 000 Angestellten zu Brecht fragen, die jetzt gerade in London, Fernost oder sonstwo im untergehenden Reich der Deutschen Bank ihren Job verlieren. Sie erleben, wie sich ihr einst stolzer Arbeitgeber quasi selbst auflöst, und stellen fest, dass sich nicht nur die Gründung, sondern auch die Abwicklung einer Bank irgendwie ähnlich anfühlt wie der Einbruch in selbige. Oder man hält es mit dem amerikanischen Finanzanalysten Christopher Whalen, der die Pläne von Bankchef Christian Sewing mit ihren harten Sparmaßnahmen unbarmherzig so kommentierte: "Wenn die Einschnitte tief genug sind, trifft man auf den Knochen. Wenn man in den Knochen schneidet, stirbt der Patient oder er bleibt verkrüppelt. Das scheint das Schicksal der Deutschen Bank zu sein . . ."

Was der Niedergang der Bank für deutsche Unternehmer und für den Industriestandort Deutschland insgesamt bedeutet, wird in diesen Tagen viel diskutiert. Über die Bedeutung dieses Niederganges für das politische und gesellschaftliche Klima redet dagegen erstaunlicherweise kaum jemand. Dabei verlieren die Deutschen mit der Bank nicht nur ein Stück Identität, sondern auch eines ihrer populärsten Feindbilder.

Die Deutsche Bank ist älter als alle deutschen Nationalstaaten zusammen. Ihre Gründung am 10. März 1870 ging der Ausrufung des Deutschen Reiches 1871 um ein Dreivierteljahr voraus. Bei der Enteignung jüdischer Unternehmen in Nazideutschland verhielt sie sich, vorsichtig ausgedrückt, widersprüchlich. (Positiv gewendet: Andere waren viel schlimmer.) Der von den Amerikanern eigentlich geplanten Zerschlagung entging die Bank nach 1945. Hermann Josef Abs, später Vorstandschef der Bank, handelte 1953 mit den Westalliierten im nationalen Interesse das Londoner Schuldenabkommen aus. In den Jahren des Wirtschaftswunders erwarb sich die Deutsche zusammen mit der Dresdner und der Commerzbank durch Kapitalbeteiligungen einen einmaligen Einfluss in der deutschen Wirtschaft. Man bezeichnete das Ganze als "Deutschland AG".

Das Finanzkapital braucht heute keine richtige Bank mehr

Und dann die Rolle als Feindbild, die sich die Bank immer wieder hart erarbeitet hat. Wenn es um den Kampf gegen "Finanzkapitalismus" und "die" Reichen ging, boten sich die Deutsche Bank und deren Chefs als dankbare Zielscheibe an. So gab es einen Hilmar Kopper, im Amt von 1989 bis 1997, der im Zusammenhang mit der Pleite des Bauunternehmers Jürgen Schneider von offenen Handwerkerrechnungen über 50 Millionen Mark als "Peanuts" sprach. Oder Josef Ackermann (2006 - 2012), der die Bundesrepublik polarisierte wie kaum ein Manager vor ihm. Da war sein "Victory"-Zeichen vor dem Düsseldorfer Landgericht, da war seine Forderung nach 25 Prozent Rendite. Ackermanns Nach-Nach-Nachfolger Sewing wäre froh, würde er nur ein Fünftel davon schaffen.

Die Sache mit dem Feindbild funktionierte auch deshalb so gut, weil die Deutschen seit jeher ein Volk sind, das Banken und das moderne Geldwesen insgesamt nicht besonders mag. Ein schönes Beispiel dafür ist der Film "Lina Braake oder: Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat", der beim Kinostart 1974 ein großer Erfolg war. Heldin der Sozialkomödie ist eine alte Dame (gespielt von Lina Carstens), die von "der" Bank (die Deutsche Bank wird nie explizit genannt) aus ihrer billigen Wohnung geworfen wird und sich rächt, indem sie von dem Institut 20 000 Mark ergaunert. Natürlich sind die Sympathien des Publikums bei der Gaunerin.

Wenn heute über hohe Mieten, Luxussanierung und Eigenbedarfsklagen die Rede ist, dann ist der Bösewicht meist das "Finanzkapital". Gemeint sind damit aber keine Banken, sondern "Spekulanten", also Investoren, vorzugsweise von der Wall Street, die ihr Geld in Immobilien profitabel anlegen wollen, und dabei überhaupt keine Bank brauchen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn den Begriff "Finanzkapital" gibt es nur wegen der Deutschen und vergleichbarer Banken. Der österreichische Marxist Rudolf Hilferding erfand ihn 1910 in einem Hauptwerk "Das Finanzkapital", um die Ende des 19. Jahrhunderts neu entstandenen Industriebanken zu analysieren. Der Kampf gegen dieses Kapital und die "Depossedierung" der Leute, denen es gehört, bilde "die letzte Phase des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat", schrieb Hilferding. Im Falle der Deutschen Bank hat der Markt die Enteignung der Eigentümer, also der Aktionäre, ganz alleine geschafft, ohne dass sich das Proletariat hätte einmischen müssen.