Süddeutsche Zeitung

Pipers Welt:Erblasten

Nach den Protesten von "Black Lives Matter" wollen sich auch Ökonomen mit Rassismus in der eigenen Zunft auseinandersetzen.

Von Nikolaus Piper

Die Protestbewegung "Black Lives Matter" ist inzwischen auch in der Ökonomie angekommen. Das zeigt eine Erklärung vom 5. Juni, in der sich die 135 Jahre alte American Economic Association (AEA) verpflichtet, zur Ausrottung des Rassismus beizutragen: "Wir anerkennen, dass wir erst begonnen haben, den Rassismus zu verstehen und die Folgen, die er für unseren Beruf und unser Fachgebiet hat."

Der altehrwürdige Ökonomenverein könnte mit einem Blick auf die eigene Geschichte beginnen. Zum Beispiel auf Richard Theodore Ely, der die AEA 1885 gegründet hatte. Ely war ein erklärter white suprematist, der an die Überlegenheit von Menschen mit weißer Hautfarbe glaubte. In seinem Pamphlet "Race Traits and Tendencies of the American Negro" kämpfte er gegen Ehen von Weißen mit Schwarzen. Schwarze seien wie "große Kinder", die man auch als solche behandeln müsse. In seine Theorien baute er Konzepte der Eugenik ein. So etwas sollte man in Deutschland später "Rassenhygiene" nennen. Bei Ely findet man die Angst vor dem "rassischen Selbstmord", die unter Rechtsextremisten der Gegenwart eine große Rolle spielt: "Die Rasse stirbt an der Spitze. Die fähigsten und erfolgreichsten Menschen haben die kleinsten Familien."

Interessant ist auch der Soziologe Edward Ross, ein Schüler Elys. Er brachte es 1900 zu einem gewissen Ruhm als erster Professor, den die Stanford University in Kalifornien vor die Tür setzte. Lange galt Ross daher als Kämpfer für die akademische Freiheit. Fast vergessen wurde darüber der Anlass für den Rauswurf. Es war eine zutiefst rassistische Rede, in der Ross gegen chinesische und japanische Einwanderung polemisierte. Ein Satz dürfte den Ausschlag gegeben haben, wie das Stanford Magazine schreibt: "Wenn es schlimm kommen sollte, wäre es besser, unsere Kanonen auf jedes Schiff zu richten, das Japaner zu uns bringt, als diese an Land zu lassen." Das war der Mitgründerin der Universität, Jane Stanford, eindeutig zu viel.

Ely und Ross begriffen sich selbst als "Progressive", die den Kapitalismus zähmen wollten - durch Mindestlöhne und Sozialpolitik, aber eben nur für Weiße. Beide waren stark geprägt von der deutschen "Historischen Schule", deren Vertreter sich von der klassischen Ökonomie dadurch absetzten, dass sie ökonomische Phänomene immer im geschichtlichen Zusammenhang deuteten und formale Methoden ablehnten. Erster und wichtigster Vertreter dieser "Kathedersozialisten", wie man sie auch nannte, war Gustav von Schmoller (1838 - 1917). Schmoller gehörte zu den Gründern des Vereins für Socialpolitik, dem bis heute bestehenden Klub deutschsprachiger Ökonomen.

Wer nach bösartigen Zitaten in Sachen Rassismus sucht, der wird bei Schmoller schnell fündig. So wandte er sich bei einer Umfrage der Wiener Neuen Freien Presse über Antisemitismus 1893 explizit gegen die "Mischung und Kreuzung von Rassen, welche physisch, geistig und moralisch sehr weit von einander abstehen". Ein weiterer Kathedersozialist war Werner Sombart. In seinem Buch "Die Juden und das Wirtschaftsleben" finden sich Sätze wie: "Der Jude sieht scharf, aber er schaut nicht viel. Er empfindet vor allem seine Umgebung nicht als Lebendiges."

"Erbärmliche Wissenschaft" - auf das Schimpfwort sollten Ökonomen stolz sein

Auch andere Ökonomen haben schon dummes Zeug geschrieben. Aber es ist vermutlich kein Zufall, dass solch schriller Rassismus von Vertretern der Historischen Schule stammt (sie spielt heute keine Rolle mehr) und nicht von Wissenschaftlern, die in der Tradition der klassischen oder neoklassischen Ökonomie stehen. Diese geht vom rational handelnden Individuum aus. Der homo oeconomicus mag als Modell kritikwürdig sein, er hat aber auf jeden Fall keine Hautfarbe.

An dieser Stelle sollte man sich mit Gary Becker beschäftigen. Der Ökonom von der Universität Chicago - er wurde 1992 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet - untersuchte als Erster das Entstehen und die Folgen von Rassismus in einem Marktmodell. 1957, als die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten gerade begonnen hatte, erschien sein Buch "The Economics of Discrimination". Beckers Grundgedanke, stark vereinfacht: Diskriminierung, zum Beispiel wegen der Hautfarbe, schadet den Diskriminierten, sie schadet aber auch den Diskriminierenden. Sie führt einerseits zu niedrigen Löhnen für Schwarze und andererseits zu höheren Kosten für (weiße) Unternehmer, die keine Schwarzen einstellen wollen und höhere Löhne für nicht diskriminierte Weiße zahlen müssen. Dadurch sind die Unternehmer im Vorteil, die nicht diskriminieren. Das alles schafft starke Anreize, so die Theorie, mit dem Diskriminieren aufzuhören.

Beckers Modell ist sicher nicht in der Lage, Rassismus in allen seinen Dimensionen zu erfassen. Aber dass er belegen konnte, dass Diskriminierung auch wirtschaftlich dumm ist, hat die öffentliche Wahrnehmung nachhaltig verändert.

Dazu passt eine alte Geschichte. Bis heute wird die Ökonomie im angelsächsischen Sprachraum gelegentlich als dismal science bezeichnet, was man mit "erbärmliche Wissenschaft" übersetzen könnte. Das Schimpfwort hat sich der viktorianische Schriftsteller Thomas Carlyle ausgedacht. Wichtig ist, warum er das tat. Die Erklärung steht in einem Pamphlet über die "Negerfrage" von 1853, in dem Carlyle beklagte, dass Plantagenbesitzer seit der Abschaffung der Sklaverei in den englischen Kolonien keine Arbeitskräfte mehr bekämen. Schwarze müssten zur Arbeit gezwungen werden, schloss er, und eine Sozialwissenschaft, die das bestreite und "das Geheimnis des Universums in Angebot und Nachfrage sieht", sei eben eine "erbärmliche Wissenschaft".

Ökonomen haben also allen Grund, auf das Schimpfwort für ihr Fach ein wenig stolz zu sein.

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SZ vom 26.06.2020
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