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Pipers Welt:Die Welt danach

An dieser Stelle schreiben Nikolaus Piper und Franziska Augstein jeden Freitag im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Im Anschluss an den beispiellosen Kraftakt zur Eindämmung der Corona-Krise müssen sich Regierungen und Notenbanken auf die Rückkehr zur Normalität vorbereiten.

Von Nikolaus Piper

Über der ganzen Aufregung um die Maskenpflicht, den Lockdown in Gütersloh und den Abschlag bei der Mehrwertsteuer gerät die Frage nach dem Danach leicht in Vergessenheit. Wie wird die Rückkehr zur Normalität aussehen, wenn die Corona-Pandemie einmal eingedämmt sein wird? Irgendwann müssen die Haushaltsdefizite wieder sinken. Der Anteil der Staatsschuld an der Wirtschaftsleistung (die "Schuldenquote") darf nicht immer weiter steigen, soll das Gemeinwesen nachhaltig finanziert sein. Die Entscheidungen darüber, wie das zu erreichen sein wird, könnten sehr schmerzhaft werden, und Politik und Gesellschaft sollten sich heute schon darauf vorbereiten.

Zu dem Thema lohnt es sich, mit dem Wirtschaftshistoriker Harold James von der Universität Princeton zu sprechen. James kann zwar auch nicht sagen, was wird, wohl aber kann er analysieren, was in ähnlichen Fällen früher passiert ist. Der Lockdown sei eine der großen Krisen der Globalisierung, heißt es in einem Arbeitspapier, das James vorige Woche bei einer Tagung der Politischen Akademie Tutzing vorstellte. Solche Krisen hätten stets radikale Umbrüche in Wirtschaft und Politik ausgelöst, und die jetzige werde das auch tun.

Zum Beispiel die Hungerjahre 1845 und 1846 in Europa. Extrem schlechtes Wetter und Pflanzenkrankheiten hatten zu Missernten geführt. In Irland verrottete 80 Prozent der Kartoffelernte, eine Million Iren fielen dem Hunger zum Opfer - ein nationales Trauma bis heute. Die Missernten waren, in der Sprache der modernen Ökonomie, "negative Angebotsschocks", weil ein wichtiger Teil des Warenangebots (Kartoffeln und Weizen) plötzlich knapp und teuer wurden. Auf den Hunger folgte 1847 noch eine Finanzkrise. Spekulanten, die es auch damals in der beginnenden Globalisierung gab, hatten auf immer weiter steigende Preise gesetzt und wurden dann von einer ungewöhnlich guten Ernte 1847 überrascht, die, natürlich, Getreide und Kartoffeln billiger machte. Dazu kamen Fehlspekulationen mit Eisenbahnaktien.

Angebotsschock und Finanzkrise erschütterten das Vertrauen der Menschen in das Ancien Regime der Fürsten und Könige in Europa. Das Ergebnis war das Revolutionsjahr 1848. In Frankreich wurde die Republik ausgerufen, in Deutschland versuchten Revolutionäre - vergeblich, wie man weiß - einen demokratischen Nationalstaat zu errichten, und in London erschien das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels.

Die bisher schwerste Krise der Globalisierung aber war der Erste Weltkrieg. Der Welthandel brach zusammen, die Industrie in den kriegführenden Ländern produzierte kaum noch ökonomisch Nützliches, sondern vor allem Geräte, um Menschen totzuschießen und Zerstörung anzurichten. Aus Sicht der zivilen Wirtschaft war das ein riesiger negativer Angebotsschock. Den Krieg finanzierten die Staaten mit Anleihen, die vor allem an die eigenen Bürger ausgegeben wurden. Da aber deren Sparbereitschaft trotz aller Appelle an den Patriotismus nicht reichte, nahmen die Deutsche Reichsbank, die Bank von Frankreich und andere Notenbanken immer mehr von diesen Anleihen in ihre Bilanzen - sie druckten Geld, was man heute vornehm "Monetisierung der Staatsschuld" nennt.

Inflation scheint eine einfache Lösung zu sein, aber sie gefährdet den Zusammenhalt

Nach dem Krieg musste etwas mit dem vielen Geld geschehen. England und die Vereinigten Staaten versuchten, es mittels rigoroser Sparpolitik einzusammeln und handelten sich dadurch eine scharfe Rezession ein. Deutschland, das den Krieg verloren hatte, und andere Staaten wollten die Rezession vermeiden und setzten auf Inflation, mit dem Ergebnis, dass im November 1923 ein Dollar 4,2 Billionen Mark kostete. Die Entwicklung löste bei den Menschen bittere Enttäuschung aus. Sie verloren nicht nur ihre Ersparnisse, sondern auch ein Gefühl für Sicherheit und das Vertrauen in den Staat. Das begünstigte den Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus. Am Ende standen Hitler und ein neuer Weltkrieg.

Und heute? Auch die Corona-Krise begann mit einem Angebotsschock, als im Februar 2020 China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, nicht mehr wie gewohnt produzieren konnte. Als dann ein Land nach dem anderen den Lockdown verhängte, um sein Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren, kam ein Nachfrageschock dazu: Weil die Menschen zuhause bleiben mussten, konnten sie kaum noch Geld ausgeben. Und wie 1914 bis 1918 verschulden sich die Regierungen massiv, während die Notenbanken die Staatsschulden zu Geld machen, wie seinerzeit.

Wie der Historiker James schreibt, lassen sich die Folgen so einer Geldschwemme am leichtesten mit "inflationären Mechanismen" bewältigen, weil dadurch Teile der Eliten scheinbar für ihre Verluste entschädigt werden: Aktionäre, Immobilienbesitzer und andere Inhaber von Sachwerten kann die Geldentwertung nichts anhaben - oder sie begünstigt sie sogar. Genau das aber gefährdet den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Muss man sich also erstmals nach Jahrzehnten wieder vor der Inflation fürchten? Das kann sich zwar derzeit kaum jemand vorstellen. Die Summen, um die es jetzt geht, sind jedoch so gewaltig, dass man sich auf Überraschungen einstellen sollte. Und nicht nur das: Harold James erwartet, dass eine "verzweifelte Suche nach neuen politischen Modellen" einsetzen wird, sollten die jetzt Regierenden an der Krise scheitern. Dazu fällt einem der grassierende Populismus ein und die innerlich zerrissene Europäische Union ein. Könnte die EU überleben, wenn sie keinen gemeinsamen Weg zurück in die Normalität findet? Und wenn nicht, wie sieht dann die Zukunft des Kontinents in einer unwirtlichen Welt aus?

© SZ vom 10.07.2020

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