Pipers Welt:Der Chip der DDR

Nikolaus Piper

Nikolaus Piper schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Freitag. Zeichnung: Bernd Schifferdecker

Die Tragik des Schaltkreises U61000 von 1988 und was die Handelskrieger im Weißen Haus daraus lernen können.

Von Nikolaus Piper

Der Gedenktage gibt es in diesem Jahr viele zu begehen - düstere, freudige und solche, bei denen man es nicht so genau weiß: 400 Jahre Dreißigjähriger Krieg zum Beispiel, 70 Jahre Währungsreform in Westdeutschland, 50 Jahre Studentenrevolte von 1968, hundert Jahre Ende des Ersten Weltkrieges. Ein kleines, etwas ulkiges, aber nichtsdestotrotz wichtiges Jubiläum droht dabei in Vergessenheit zu geraten: Vor 30 Jahren wurde der Öffentlichkeit der erste und einzige Ein-Megabit-Chip der Deutschen Demokratischen Republik vorgestellt.

Ja, diese technische Leistung gab es wirklich, und es war ein großes Ereignis für den sozialistischen Staat, als der Generaldirektor des Kombinats VEB Carl Zeiss Jena, Wolfgang Biermann, am 12. September 1988 die ersten Muster des Schaltkreises an Staats- und Parteichef Erich Honecker übergab. Der Chip, sagte Honecker, mache deutlich, "dass die Arbeiterklasse im Bündnis mit den Bauern, im Bündnis mit der Intelligenz, unter Führung ihrer Partei durchaus in der Lage ist, eine moderne sozialistische Gesellschaft zu leiten".

Man weiß, wie es dann mit der Führung der Partei ausgegangen ist. Trotzdem sollte man die Geschichte mit dem einst berühmten Schaltkreis U61000 aus Jena nicht einfach ins Lächerliche ziehen. Auch heute noch lässt sich aus ihr viel lernen. Zum Beispiel wenn man immer noch von einem irgendwie gearteten Sozialismus träumt. Oder wenn man gerade im Weißen Haus sitzt und die amerikanische Wirtschaft durch Abschottung "schützen" will.

Für sich genommen war der Chip eine beachtliche Leistung der DDR-Wissenschaftler und Techniker. Sie mussten versuchen, den Vorsprung des Westens in der noch jungen Informationstechnik aufzuholen, und dies unter erschwerten Bedingungen. Sie konnten nicht ihrerseits Technik und Wissen im Westen kaufen, entweder weil die DDR die nötigen Devisen nicht hatte oder weil die fortgeschrittenste Technik dort einem durch den Kalten Krieg bedingten Embargo unterlag. Trotzdem erreichten sie ihr Ziel, und das in einer Zeit, in der die Versorgungsengpässe in der DDR immer schlimmer wurden und es in Jena noch nicht einmal vernünftige Unterhosen zu kaufen gab.

Warum es möglich ist, im ansonsten desolaten Sozialismus Spitzenleistungen zu generieren: eine Atombombe bauen etwa oder eben einen funktionsfähigen Mikrochip, hat der amerikanische Ökonom Mancur Olson (1932-1998) analysiert: In einer Diktatur, so Olson, lassen sich Löhne leichter drücken und Investitionen schneller erhöhen als in einer Demokratie. Außerdem verfügten sozialistische Kommandowirtschaften über eine spezifische Methode der "impliziten Steuer-Preis-Diskriminierung": Ressourcen wurden einfach von der Konsum- in die Kapitalgüterindustrie verschoben, ohne dass dies in Preisen oder Steuern sichtbar geworden wäre. Die Bürger merkten erst dann etwas, wenn es keine Unterhosen mehr gab.

"Kommandowirtschaft" war im Fall Jena durchaus wörtlich zu nehmen. Wolfgang Biermann, Chef des Volkseigenen Betriebs Carl Zeiss Jena, trug den Spitznamen "der General" und war berüchtigt als Menschenschinder. Der Direktor versuchte den Werktätigen in seinem "fußkranken" Kombinat "mit dem Peitschenknauf den kapitalistischen Dauerlauf" beizubringen, dichtete dessen Fast-Namensvetter, der Sänger Wolf Biermann einst.

Der Fall Jena sollte jeden Politiker daran erinnern, dass Abschottung Innovation bremst

Die Tragik liegt darin, dass die ganze Quälerei umsonst war. Auch der General konnte die fundamentale Ineffizienz des Sozialismus nicht überwinden. Als er Erich Honecker 1988 den U61000 übergab, gingen im Westen bereits die ersten Vier-Megabit-Chips in die Fertigung, das Produkt aus Jena war also von Anfang an veraltet. Die DDR hätte es vielleicht noch gebrauchen können, hätte der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), der Wirtschaftsverbund der sozialistischen Staaten unter dem Diktat der Sowjetunion Bestand gehabt. Ein Jahr später fiel jedoch die Berliner Mauer und die Grenzen öffneten sich auch für DDR-Betriebe. Carl Zeiss Jena war ein Sanierungsfall.

An dieser Stelle wünscht man sich, man könnte Peter Navarro mit Wolfgang Biermann und dem Chip aus Jena vertraut machen. Navarro ist jener protektionistische Pop-Ökonom, der Präsident Donald Trump in Handelsfragen desinformiert, nun, nachdem dessen Wirtschaftsberater Gary Cohn gekündigt hat. Navarro möchte unter anderem die globalen Wertschöpfungsketten durchschneiden und Produktion aus China, Vietnam oder anderswo in die USA zurückholen.

Wolfgang Biermann in Jena hatte das Problem nicht. Er musste ohne globale Produktionsketten auskommen, sieht man einmal von der kümmerlichen Arbeitsteilung im damaligen Ostblock ab. Das zwang ihn dazu, mit riesigem Aufwand und unter verschärfter Ausbeutung der Werktätigen dem westlichen Wettbewerb hinterher zu rennen. Dass Abschottung vom Wettbewerb wie eine Innovationsbremse wirkt, war bisher eigentlich ein Gemeinplatz unter Ökonomen. Im Zeitalter des Populismus scheint die Erkenntnis in Vergessenheit zu geraten, zumindest in Washington. Da mag die eine oder andere Geschichtsstunde gut tun.

Sicher, die Vereinigten Staaten von heute sind nicht mit der DDR vor 30 Jahren zu vergleichen. In den USA leben über 20 mal mehr Menschen als in Ostdeutschland, die wichtigsten Teile der amerikanischen Wirtschaft sind hochproduktiv und - noch - dem globalen Wettbewerb ausgesetzt. Und die Amerikaner haben, anders als einst die DDR-Bürger, regelmäßig die Gelegenheit, bei Wahlen den gröbsten Unfug abzustellen.

Aber wenn sie es nicht tun? Schlechte Politik kann auch große, blühende Volkswirtschaften ruinieren.

© SZ vom 09.03.2018
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