Pipers Welt:Aus Aids lernen

Pipers Welt: An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Welt sucht einen Impfstoff gegen Covid-19. Eigentlich bekämen Pharmakonzerne dafür ein Patent, doch dann können sich womöglich nicht alle den nötigen Stoff leisten. Wie eine kooperative Lösung aussehen könnte, zeigt die Erfahrung mit HIV.

Von Nikolaus Piper

Erst wenn wir einen Impfstoff gegen das Virus haben, kann das normale Leben zurückkehren. Dann können wir wieder ins Stadion gehen, in die Oper, in der Kirche singen und unsere Freunde umarmen. Doch wer ist das "Wir" in diesen Sätzen? Werden alle Menschen geimpft, so schnell es geht? Oder kommen zuerst nur die in jenen Ländern dran, die selbst eine starke Pharmaindustrie haben, wie Deutschland oder die USA? Die Frage ist alles andere als akademisch. Dies zeigt das Gerücht, das im März aufkam, wonach Donald Trump den Wirkstoff, den das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac entwickelt, exklusiv für Amerikaner sichern wollte. Nach einer klaren Aussage des Vorstands von Curevac hat sich das Gerücht inzwischen zwar erledigt, nicht aber das Thema selbst. Nicht umsonst fordert die deutsche Bundesregierung, noch ehe der Impfstoff da sei, einen international "fairen und transparenten Verteilungsmechanismus zu entwickeln".

Das ökonomische Problem dahinter ist grundsätzlicher Natur. Ein neues Medikament auf den Markt zu bringen, ist unverhältnismäßig teuer. Nach einer Faustregel kostet es eine Milliarde Dollar, bis eine Substanz in die Apotheken kommt, bei Impfstoffen dürften es sogar noch mehr sein. Der weit überwiegende Teil der Kosten fällt am Anfang an, für die Auswahl des Wirkstoffs, für chemische Analyse, Tests im Labor, klinische Tests. Die Produktion selbst kostet dann meist nur noch ein paar Dollar, was Hersteller von Nachahmerprodukten ("Generika") die Möglichkeit gibt, den Wirkstoff für wenig Geld auf den Markt zu bringen. Damit die Pharmaunternehmen trotzdem auf ihre Kosten kommen, erhalten sie Patentschutz, in der Regel für zwanzig Jahre. Patente sichern den Herstellern ein Monopol, das ihnen erlaubt, die Preise hochzuhalten.

Um Patente für Arzneimittel wurde in den vergangenen Jahren erbittert gestritten. Einerseits ist es klar, dass niemand etwas erforscht, wenn er damit kein Geld verdient. Aus diesem Grund wird intellektuelles Eigentum, wozu Patente gehören, in der Welthandelsorganisation (WTO) durch ein eigenes Abkommen geschützt. Auf der anderen Seite können Patente auf Medikamente dazu führen, dass der medizinische Fortschritt die Armen dieser Erde nicht erreicht. Für viele Globalisierungs- und Kapitalismusgegner wurde Big Pharma aus diesem Grund zum Hassobjekt.

Während der Aids-Epidemie, die in den Achtzigerjahren begonnen hatte, eskalierte der Streit. Kein Kontinent war von der Immunschwäche so betroffen wie Afrika. Im Juli 2000 waren mehr als 35 Prozent aller Erwachsenen in Botswana HIV-positiv. Zwar gibt es bis heute keinen Impfstoff gegen HIV, wohl aber lässt sich die Krankheit mittels eines Medikamentencocktails ("ART") eindämmen. Der allerdings kostete zunächst mehr als 10 000 Dollar pro Patient und Jahr - unerschwinglich für die meisten Afrikaner. Die Art, wie medizinische Forschung finanziert wurde, führte offenbar zu moralisch inakzeptablen Ergebnissen. Diese Erkenntnis brachte eine Wende. Noch 1996 hatten die USA Brasilien verklagt, weil das Land Patente auf Aids-Medikamente missachtete. Dann, im November 2001, traten die Mitglieder der WTO in Doha in Katar zu einer inzwischen berühmten Konferenz zusammen, um die Stellung armer Länder im Welthandelssystem zu stärken. Die Konferenz beschloss unter anderem, die Regeln so anzuwenden, "dass der Zugang zu Medikamenten für alle" gefördert wird. Zehn Jahre später kostete die Arts-Therapie gegen Aids in Afrika nur noch 100 Dollar im Jahr.

Kann man aus diesen Erfahrungen für die jetzige Pandemie lernen? Ja, sagt die Rechtsprofessorin Jennifer Hillmann von der Georgetown-Universität. "Ungeachtet aller Not und allem Streit hat der Kampf gegen HIV/Aids wichtige Grundlagen geschaffen", schrieb sie jetzt in der Zeitschrift Foreign Affairs. Er habe "internationale Organisationen, Regierungen, Privatunternehmen, Forschungsinstitute und Nichtregierungsorganisationen in eine kooperative Beziehung gebracht - genau das, was nötig ist, um einen Impfstoff gegen Covid-19 effizient produzieren zu können". Der Beitrag ist insofern bemerkenswert, als Hillmann während der Regierungszeit Barack Obamas für die USA im Schiedsgericht der WTO saß, das unter anderem auch über Patentkonflikte zu entscheiden hatte.

Wenn Geld der Öffentlichkeit fließt, werden Patente weniger wichtig

Bis jetzt sieht es tatsächlich so aus, als habe die Welt aus Aids gelernt. Niemand bezweifelt, dass Impfstoffe gegen Covid-19 eine globale Aufgabe sind, die nur global gelöst werden kann. Derzeit beteiligen sich weltweit 124 Unternehmen an der Suche. Sie kooperieren auch untereinander. Das Geld kommt von Regierungen und gemeinnützigen Institutionen wie der Bill and Melinda Gates Foundation (die Hasskampagne gegen Gates ist deshalb besonders abstoßend). Bundesgesundheitsminister Jens Spahn prüft Abnahmegarantien für Pharmaunternehmen. Die kämen einer Versicherung für die Firmen gleich, die Patente würden dann weniger wichtig. Spahn wörtlich: "Wer mit öffentlicher Förderung ein Patent entwickelt, hat auch eine Verantwortung für das Gemeinwesen. Patentschutz hin oder her." Und weiter: "Ich sehe im Moment aber bei allen Unternehmen, ganz gleich ob es deutsche oder US-amerikanische sind, die Bereitschaft, Impfstoffe für alle bezahlbar und verfügbar zu machen."

Das Risiko aber liegt darin, dass die Corona-Krise nicht nur die Vorzüge internationaler Zusammenarbeit gezeigt, sondern auch den Nationalismus genährt hat. Die Vereinigten Staaten sind gerade dabei, die WTO als Forum der internationalen Zusammenarbeit zu demontieren. Und ist es ausgeschlossen, dass jemand im Weißen Haus doch noch auf die Idee kommt, der Impfstoff stehe zuerst den Amerikanern zu?

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB