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Pipeline durch die Alpen:Alles im Fluss

Öltanker löschen ihre Ladung im Hafen von Triest.

(Foto: oh)

Ölpipelines gibt es viele. Die von Triest im Nordosten Italiens nach Ingolstadt ist aber etwas Besonderes - sie versorgt ganz Süddeutschland und Teile Österreichs und Tschechiens. Fiele sie aus, sähe es düster aus.

Von Thomas Fromm, Triest

Es hat schon etwas zu bedeuten, dass hier über all diesen großen Tabellen im Kontrollraum ein kleines Jesus-Bild hängt. Links unten die lange Liste mit den Öltankern, die irgendwo da draußen vor dem Hafen von Triest liegen, um ihre Ware anzuliefern. Sie haben Namen wie Barbarossa oder Prometheus. Daneben aufgelistet die verschiedenen Sorten von Rohöl, die sie bringen und die gleich unten im Hafen abgepumpt werden müssen. Uhrzeiten, Termine, 24 Stunden, rund um die Uhr. Vielleicht ja für den Fall, dass all diese vielen bunten, leuchtenden Punkte auf den Computerbildschirmen irgendwann doch mal außer Kontrolle sein könnten, für den Fall, dass mal etwas schiefgeht bei diesem sehr speziellen Öltransport, gäbe es dann immerhin noch dieses kleine Porträt da oben an der Wand.

Hilfe von ganz oben sozusagen.

Man muss dazu sagen, dass es bei einer Pipeline, die 753 Kilometer von Triest im Nordosten Italiens quer durch die Alpen und die österreichischen Bundesländer Kärnten, Salzburg und Tirol bis nach Ingolstadt verläuft, keine kleinen Fehler geben kann. 40 Millionen Tonnen Rohöl werden jedes Jahr durch die Rohre geschossen, umgerechnet an die 10 000 Lkw-Tankfahrten am Tag. Bei einer solchen Konstruktion kann es im Zweifelsfall nur große Fehler geben. Hier muss alles rundlaufen. Oder es wird sehr unangenehm.

Wenn es ganz blöd läuft, dürfte es in München schwierig werden, irgendwann noch eine Tankstelle mit Benzin zu finden. "Allein Bayern und Baden-Württemberg werden zu 100 Prozent über unsere Öl-Pipeline versorgt", sagt Alessio Lilli, der Chef des Pipeline-Betreibers TAL. "Es ist eine sehr sensible Strecke, wir müssen schon sehr gut aufpassen, dass das Öl tatsächlich ankommt und es keine Probleme gibt."

Der Bau der transalpinen Ölleitung durch die Alpen dauerte nur knapp drei Jahre

Es geht um die zentrale Ölversorgung des Südens und Südostens. Zum Beispiel: 100 Prozent in Süddeutschland, 90 Prozent Österreich, 50 Prozent Tschechische Republik - Lilli spricht von einer "strategischen" Pipeline, einer "gesamteuropäischen Infrastruktur". Vom Norden kommend gibt es die Rotterdam-Rhein-Pipeline von Rotterdam ins Ruhrgebiet oder die Nord-West-Ölleitung von Wilhelmshaven bis Wesseling bei Köln.

Aber eine, die man längs durch die Alpen gelegt hat? Das ist schon sehr besonders. TAL, das steht für "Transalpine Ölleitung", zu deren Gesellschaftern Öl-Multis wie Shell, Rosneft, ENI oder BP gehören und die sich auf drei Ländergesellschaften in Deutschland, Österreich und Italien verteilt. Es ist eines der ehrgeizigsten europäischen Projekte der 1960er-Jahre, und wahrscheinlich wird man in einigen Jahrzehnten auch sagen: Das hier war mal eines der ambitioniertesten Zeugnisse eines längst vergangenen Ölzeitalters.

Als man Ende 1964 begann, die Transalpine Pipeline zu bauen, waren Tausende Ingenieure und Arbeiter im Einsatz. Sie bohrten sich in die Hügel oberhalb von Triest, gruben sich weiter tief ins österreichische Kärnten hinein, zogen über den Felbertauern, buddelten unter dem Kitzbühler Hahnenkamm und kamen bis nach Lenting bei Ingolstadt. Es war ein Kraftakt, die zwölf Meter langen und drei Tonnen schweren Rohrteile zu verlegen. Nach 1000 Tagen war man damals übrigens fertig, und der Hafen von Triest mit seinen Öltankern war - größtenteils unterirdisch - mit Mitteleuropa verbunden.

Die Baukosten lagen seinerzeit bei 192 Millionen Dollar. Aus heutiger Sicht, und weil einem bei solchen Mammutprojekten immer auch Dinge wie Dübel im Hauptterminal des unvollendeten Berliner Flughafens einfallen, war das insgesamt wohl eine ziemlich stramme Leistung damals.

Das Rohöl kommt über den Suezkanal und die Adria nach Triest, wird unten in der Bucht von Muggia gelöscht und schließlich über Leitungen zum Tanklager San Dorligo della Valle gleich vor der slowenischen Grenze gebracht. Dort lagert man es in großen Rundtanks, bevor es dann in den Berg gepumpt wird. Ist das Öl einmal losgeschickt, dauert es dreieinhalb Tage bis zum Ziel. Mit dem Lkw ginge es schneller, aber: Erstens würde man beim Transport des Rohöls über die Alpen eine Menge CO₂ in die Luft blasen. Und zweitens: Da das Öl ständig fließt, kommt es auf ein oder zwei Tage nicht an. Immerhin erspart man sich auf diese Weise an die 8000 Lkw-Fahrten über die Alpen - am Tag.

Lilli vergleicht seine Pipeline gerne mit einem Paketdienst wie DHL. Jemand bestellt Öl, jemand verkauft es, jemand bringt es, alles ist ständig in Bewegung. "Wir bekommen ein Paket und liefern es weiter", sagt Lilli. In diesem Fall an acht Raffinerien, nach Ingolstadt, Karlsruhe, oder Schwechat bei Wien - je nachdem, wer es bestellt hat. Es ist ein Spiel mit der Zeit. Alles auf die Sekunde genau, jedes Ventil in diesem ausgeklügelten System muss mit dem nächsten getaktet sein, wenn das Öl in den ein Meter dicken Rohren ständig und in die richtige Richtung fließen soll.

Lilli packt drei kleine Fläschchen Rohöl aus. Eines ist etwas zäher, ein anderes etwas leichter. Es erinnert ein bisschen an alten Aceto Balsamico, und Lilli schiebt die Flacons auf dem Tisch hin und her. Beugt sich vor, hält sie gegen das Licht.

Er weiß, dass sich die Zeiten gerade ändern, und zwar schnell. "Es ist unvermeidbar, dass der Ölsektor in den nächsten Jahren kleiner wird", sagt Lilli. "Aber selbst wenn sämtliche Autos in zehn Jahren elektrisch fahren: Auch die Häuser und Flugzeuge werden unser Öl noch brauchen."

Die Frage ist nur, wie viel das dann noch sein wird, wenn in einigen Jahren und Jahrzehnten selbst große Autohersteller wie Volkswagen auf Elektroautos umgeschwenkt sind. Was dann mit dieser Pipeline, die sich quer unter die Alpen zieht?

Lilli sieht sie wie eine Straße, auf der heute Verbrenner, morgen Hybrid, übermorgen E-Autos fahren können. "Wenn eines Tages kein Öl mehr durch unsere Pipelines läuft, werden wir etwas anderes transportieren - vielleicht Bier aus Bayern und dann Wein wieder zurück", sagt er im Scherz. "Aber im Ernst: Ich will mich da jetzt nicht begrenzen. Wer weiß schon, was wir irgendwann machen?"

© SZ vom 27.12.2019
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